Retro und kein Ende?

Retro bis ins kleinste Detail: das »Hotel Alexandra« in Kopenhagen. 

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Retro bis ins kleinste Detail: das »Hotel Alexandra« in Kopenhagen. 

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Seit einem Vierteljahrhundert leben wir in einer Retro-Welt, im Zeitgefühl ewiger Wiederkehr. Wie soll, wie kann das weitergehen? Sind wir Gefangene einer nie endenden Gegenwart? Oder wird Retro bald der Vergangenheit angehören?

Die Frage »Was ist Retro?« wurde Anfang der 90er-Jahre heiß diskutiert. Das Wort war ebenso neu wie das damit bezeichnete Phänomen, obwohl dieses aus Altem bestand. Mittlerweile ist Retro selbst ein alter Hut. Die aktuelle Frage lautet: »Was ist heutzutage nicht retro?« In der populären Musik ist schon lange nichts Neues aufgetaucht, das diesen Namen verdiente. Zeitgenössische Villen-Architektur zeigt sich als tausendfache Paraphrase von Mies van der Rohe und Frank Lloyd Wright. Die schicksten Automodelle von Fiat, Mini und Mercedes präsentieren sich so explizit als Remakes wie die neuesten Hollywoodfilme. Beim Wohnen sind Vintage-Möbel (wie lange schon und wie lange noch?) der letzte Schrei. Selbst die Hochkultur kann sich dem Trend zur Reanimation des Vergangenen nicht mehr entziehen: Oper, Theater und Tanz haben neuerdings begonnen, Inszenierungen der Vergangenheit penibel zu rekonstruieren. 

Mit dem Erfolg hat Retro seine Kontur verloren. Tausenderlei Phänomene, die auch nur irgend- etwas mit Geschichte zu tun haben, werden unterschiedslos als retro etikettiert. Originale Vin-tagemöbel, neue Remakes, Flohmarktplunder, formale Anspielungen und Zitate im Design, Trash-Mode, Stilcollagen und Nostalgiestücke: Sie alle gelten als retro. Zum Sammelbegriff für Vergangenheitsbezüge verkommen, kann man sich kaum noch vorstellen, was Anfang der 90er- Jahre an Retro so schockierend neu empfunden werden konnte. Um den Kern des heutigen Vergangenheitskults zu verstehen, müssen wir zu seiner Geburtsstunde zurück, müssen wir seine Vergangenheit rekonstruieren. 

Neu an Retro war nicht der Rückgriff auf den historischen Bestand – den gab es immer schon. Die Renaissance ließ die Antike wieder aufleben. Die Romantik baute Ruinen mittelalterlicher Burgen, die es nie gegeben hatte. Der Historismus bediente sich – eklektizistisch wie wir – aus allen möglichen Stilen und Epochen und montierte diese zu neuen Fake-Szenarien: Auf der Wiener Ringstraße etwa steht – wie in Las Vegas – ein pseudo-gotisches Rathaus neben einem pseudo-altgriechischen Parlament. Beide werden von ahnungslosen Touristen ganz selbstverständlich als alt, historisch und echt empfunden. Die Zeit hat die Fälschung in Wahres verwandelt. 

»Um den Kern des heutigen Vergangenheitskults zu verstehen, müssen wir zu seiner Geburtsstunde zurück, müssen wir seine Vergangenheit rekonstruieren.«

Dr. Wolfgang Pauser war in den 1990er-Jahren Kolumnist für DIE ZEIT. Seitdem analysiert er Produkte aus kulturwissenschaftlicher Perspektive im Auftrag von Unternehmen und Agenturen. 

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Wer schon im Retro-Setting sozialisiert ist, wird die historischen Rückgriffe auf Historisches nicht mehr als Ausnahmeerscheinungen, bedauerliche Rückfälle und unwerte Epochen der Geschichte empfinden, sondern als anthropologischen Normalfall. Aus heutiger Perspektive erscheint Kultur immer schon eine Wiederaufbereitungsanlage ihrer eigenen Archive und Bestände zu sein. Die Moderne des 20. Jahrhunderts wäre dann rückblickend ein Ausnahmefall, ein kurzes Zwischenspiel, eine kollektive Selbsttäuschung, eine etwa 80 Jahre währende Berauschung am Innovations- und Fortschrittsgedanken gewesen. 

Wer nach 1965 geboren ist, hat den Modernismus als radikale Innovationspflicht gar nicht mehr selbst erlebt. Es galt das »Tabula-rasa-Prinzip« – eine neue Idee musste als »von Null an«, als »absolut neu« und mit der Vergangenheit brechend erscheinen. Alles Traditionelle war mit einem Tabu belegt, wer sich davon nicht lossagte, wurde exkommuniziert. Der Verlauf der Geschichte wurde als linearer Zeitpfeil interpretiert, der geradewegs in eine bessere Zukunft führte. Für Designer hatte der Fortschrittsglaube den Vorteil, dass jede beliebige neue Form vom Publikum als Zeichen des Vorankommens, als notwendiger Schritt auf dem Weg zum ersehnten Utopia gesehen wurde. Formale Innovation genügte, um jedes neue Ding in ein verheißungsvolles Beweisstück des nahenden Paradieses zu verwandeln. 

In den 80er-Jahren kam der erste Tabubruch. Der Zeitpfeil wurde umgedreht, die Sehnsüchte der Alltagskultur richteten sich skandalöserweise auf eine verklärte Vergangenheit. Man nannte das Nostalgie. Yuppies wollten die Sozialgeschichte rückabwickeln, Müslis die Technikgeschichte. Das Hobby, alte Bauernmöbel mittels Lauge vom Lack zu befreien, wurde zur Massenbewegung. Marmor, Messing, Maßanzug faszinierte die Neokonservativen, Schafzucht und Stricken die Umweltbewegten, während die Punks »No ­Future!« brüllten. Auf der Ebene der Hochkultur wurde die Moderne für tot erklärt. Die Postmoderne montierte Zitate heterogener Vergangenheiten zu neuen Arrangements, jedoch nicht aus nostalgischen Gründen, sondern um den ideologischen Bruch mit dem Fortschrittsglauben möglichst deutlich zu demonstrieren. 

Der Retro-Kult der 90er-Jahre übertrug das postmoderne Arrangieren von Zitaten in die Alltagskultur. Neu war, dass nicht mehr die wertvollen Kulturgüter ihres Sinnzusammenhangs beraubt und »remixed« wurden, sondern die wert- und geschmacklosesten Artefakte der jüngsten Vergangenheit wie Flokatiteppiche, Zombiefilme und Kaufhausmusik. Liebhaber von Trash und Camp wetteiferten um ihre Kompetenz zur Ironie, zum heldenhaften Genießen des Ungenießbaren, zur Aufwertung
des Unwerten. 

»Der Retro-Kult der 90er-Jahre übertrug das postmoderne Arrangieren von Zitaten in die Alltagskultur.«

Der wesentliche kulturelle Bruch bestand jedoch nicht in der befremdlichen Wahl der Zitate, sondern im Umgang damit, in der Weise des Zitierens. Bei Retro ging es anfänglich gerade nicht um eine Sehnsucht nach Vergangenem, sondern um die Entdeckung, dass man Neues gar nicht hervorbringen muss, sondern bloß etwas Altes umzuinterpretieren braucht, um zu etwas Neuem zu gelangen. So holte die Techno-Jugend Vaters alte Drei-Streifen-Sneakers von Adidas aus dem Keller, nicht um in Vaters Schuhe zu schlüpfen, sondern um dessen Innovationserwartung zu demütigen. Dabei wurde die Kulturtechnik des Recodierens geboren. Die mit Medien vertrauten Jungen demonstrierten, dass die Bedeutung eines Gegenstands diesem nicht innewohnt, sondern sich aus dem wechselnden Kontext ergibt. Wer für alte Dinge einen neuen Code etablieren kann, hat die Macht, allein damit etwas Neues hervorzubringen und die Welt zu verändern.

Diese historisch bedeutsame kulturelle Innovation der 90er- Jahre ist jener Begriffskern, der dem Wort Retro innewohnt und der heute um so mehr vergessen wird, je weiter sich der Kult des Erinnerns und Wiederholens ausbreitet. Anfangs schien es so, als könnten nur Elemente aus der Zeit vor Retro im Geiste des Retrokults wiederbelebt werden – Artefakte jener Moderne, in der es noch Glauben an eine andere, bessere Zukunft gab. Mittlerweile jedoch kehrt Retro selbst wieder, verwässert, sinnentleert und inflationiert. Auch die 90er und sogar die Nullerjahre sind bereits einem Recycling eingespeist, das in immer kürzeren Rhythmen alles vergegenwärtigt, was auch nur kurz aus dem Blick geraten war. 

Retro ist auch nicht mehr das, was es mal war. Dem Begriff ist sein Inhalt abhandengekommen, während sein Grundprinzip sich totalisiert hat. Retro ist tot, sobald es kein Gegenstück hat, von dem es sich unterscheiden ließe. Retro geht ewig weiter, weil wir in einem übervollen Archiv leben, das keiner Neuerung mehr bedarf, um Neuigkeit frisch erleben zu lassen.

ERSCHIENEN IN

LIVING Nr. 04/2017
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