Post Modern

In einer ehemaligen Industriehalle in Manhattan entstand für den Matratzenhersteller Casper ein gemütliches Großraumbüro. float.studio

© CASPER HQ by FLOAT STUDIO

In einer ehemaligen Industriehalle in Manhattan entstand für den Matratzenhersteller Casper ein gemütliches Großraumbüro. float.studio

© CASPER HQ by FLOAT STUDIO

Im blauen Glaswürfel findet gerade eine Besprechung statt. Es ist, wie es scheint, eine vertrauliche Zusammenkunft. Die himmelblauen Vorhänge sind halb zugezogen. Ein paar Meter weiter sitzen, als hätten sie im eigenen Wohnzimmer Platz genommen, ein paar Mitarbeiterinnen, wischen auf ihren Tablets herum, machen Notizen auf A4-Zetteln, gehen nach wenigen Minuten wieder auseinander. Die Stimmung hier oben im dritten Stock erinnert an eine moderne, aber gemütliche, in keinster Weise überkandidelte Hotellobby irgendwo in Kopenhagen, Amsterdam, Berlin. Von Postambiente nicht die geringste Spur.

»Unser Ziel war es, ein schönes, behagliches Büro zu errichten, und zwar nicht für irgendwelche Marketingzwecke, sondern einzig und allein für das Wohlbefinden der hier arbeitenden Menschen«, sagt Mario Paintner vom Wiener Architekturbüro feld72. Gemeinsam mit Schenker Salvi Weber Architekten plante er die neue Unternehmenszentrale der -Österreichischen Post AG, die vor wenigen Monaten bezogen wurde und Platz für rund 1100 Mitarbeiter bietet. »Jeder weiß, dass die Post gelb ist, aber deswegen muss man das den Angestellten nicht auch noch Tag für Tag unter die Nase reiben.« 

»Unser Ziel war es, ein schönes, behagliches Büro zu errichten, das einzig und allein dem Wohlbefinden der hier arbeitenden Menschen dient. Jeder weiß, dass die Post gelb ist. Das muss man den Angestellten nicht täglich unter die Nase reiben.« Mario Paintner Architekturbüro feld72 

Neue Gemütlichkeit

Daher entschieden sich feld72 und Schenker Salvi Weber, in den Innenräumen auf Corporate-Design und CI-Farben bewusst zu verzichten. Statt Dottergelb und pastosem Schwarz gibt es einen warmen, grau-beigen Textilboden, der immer wieder von ziegelroten, grasgrünen und kobaltblauen, hochflorigen Teppichinseln mit informellen We-Places und verglasten Besprechungskojen unterbrochen wird. Zwischen den Arbeitsplätzen aus weißem MDF, grauem Filz und stark gezeichnetem Eichenfurnier wachsen mal stachelige, mal großblättrige Zimmerpflanzen aus eigens dafür entworfenen Corian-Trögen.

Gearbeitet wird im Open Space mit Clean-Desk-Policy. Wertsachen und persönliche Arbeitsunterlagen können in versperrbaren Holzspinden aufbewahrt werden. Mit insgesamt 980 Arbeitsplätzen beträgt die Flexrate rund zehn Prozent, was für zeitgenössische Desk-Sharing-Konzepte vergleichsweise gering ist. »Es war eine bewusste Entscheidung, in der neuen Postzentrale auf Desk-Sharing zu setzen«, erklärt Julia Reisenbichler, Projektleiterin für die Bürogestaltung sowie Leiterin des gemeinsamen, partizipativen Planungsprozesses. »Auf diese Weise wollen wir die Unternehmenskultur stärken und dazu beitragen, dass soziale Bindungen entstehen können – und zwar nicht nur zu den Sitznachbarinnen links und rechts, sondern nach Möglichkeit auch abteilungsübergreifend.«

Weltweiter Trend

Wahrscheinlich zählt die Post am Rochus zu den derzeit wohnlichsten, gemütlichsten Bürogebäuden Österreichs. Nach vielen Jahren bunter, quietschvergnügter Wir-sind-alle-eine-coole-Familie-Bürokultur mit Rutschen, Schaukeln und überambitioniert kreativen Thinktank-Spaces mit sägerauen Baumstamm-Hockern, bunten Graffitiwänden und himmelblauen Wölkchen an der Decke, wie dies in den Offices von Google, Facebook und Microsoft dutzendfach vorexerziert wurde, führt der aktuelle Backlash wieder zurück zur normativen Gemütlichkeit, in deren Mittelpunkt nicht das PR-Foto, sondern endlich wieder der arbeitende Mensch steht. 

Der Trend ist ein internationaler. Für den US-amerikanischen Matratzenhersteller Casper fabrizierte der New Yorker Office-Gestalter Float Studio einen großen, revitalisierten Open Space mit Esszimmertischen, Wohnzimmer-Couches und kleinen Matratzenkojen, in die sich die Mitarbeiter für Besprechungen oder einen kurzen Power-Nap zurückziehen können. In Tokio baute das Büro General ­Design für eine Kreativagentur ein 200 Quadratmeter großes Wohnzimmer mit antiken Fauteuils, Vintage-Möbeln und deckenhohen Zimmerpflanzen. Und in Valencia errichtete das Designstudio Masquespacio für sich selbst die neuen Innenräumlichkeiten im postmodernen Memphis-Stil mit warmen Farben, samtigen Stoffen und eleganten Marmor-Oberflächen.

»Man hat förmlich das Gefühl, mitten in den Dächern zu sitzen. Die Verschmelzung mit der Stadt ist gigantisch. Es ist dramatisch. Und doch kann ich mir kein schöneres Wohnzimmer vorstellen.« Sophie Seydoux Präsidentin der Fondation Jérôme Seydoux-Pathé

Doch kaum ein Büroprojekt der letzten Jahre hat es zu mehr Gemütlichkeit geschafft als die von Renzo Piano geplante Fondation Pathé im ehemaligen Théâtre des Gobelins, nur wenige Schritte von der Place d’Italie entfernt. Wie ein Gürteltier wölbt sich das vermeintlich abweisende Stahlkonstrukt über die Pariser Dachlandschaft. Unter der mit Aluminiumlamellen verschatteten Glaskuppel verbirgt sich ein luftiges Penthouse aus gebleichtem Eichenholz, das mit der Architektur zu einem gemütlich Gesamtkunstwerk zu verwachsen scheint. Man will es sich gemütlich machen und nie wieder weg von hier.

ERSCHIENEN IN

LIVING Nr. 02/2018
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