Chandra Kurt
Chandra Kurt © Jean Claude Roh

Auf einem italienischen Friedhof ist selbst der Tod eine im wahrsten Sinne des Wor­tes lichte Sache. Kitschig-bunte Lämpchen, meist in Form einer Flamme oder einer kleinen Madonna, beleuchten die schwungvollen vergoldeten Inschriften an den meterlangen Grab- wänden. Ein typisch nord­italienischer Friedhof gleicht einer kleinen Festung mit besonders dicken Außenmauern. Ich schätze, sie sind an die drei Meter breit, breit genug also, um einen Sarg darin einzumauern – Edgar Allan Poe lässt grüßen. Sechs Sargfach-Stockwerke entsprechen der Höhe und 40 Särge der Länge, 240 Partien pro Wand.

Warum ich das erzähle? Weil mich die über den Tod hinaus­reichende Vorsorge meiner Groß­eltern an die Begegnung mit Alfredo Nelli erinnert, einem pensio- nierten Metzger aus Reggio Emilia. Eigentlich war es der Duft ­einer Montecristo Nr. 4, der mich zu ihm führte. Denn bei jedem Besuch im neuen Zuhause meiner Großeltern umhüllte der vertraute nussig-strohige Duft einer in Ruhe gerauchten Montecristo den linken Außengang des Friedhofs. Nicht einmal der süßlich-penetrante Geruch, den frische Lilien in den Abendstunden von sich geben, oder ein halbes Dutzend Blumenkränze (so viele werden jeweils im Durchschnitt bei einer Beerdigung geliefert) konnte es mit Alfredos Zigarre aufnehmen. Sie war leiser Botschafter seiner Präsenz.

Meine Großeltern hatten sich ihren Platz (inklusive Beleuchtung und Marmor- abdeckung) bereits reserviert, als ich noch zur Schule ging und mehr über ihre Spaghettisauce nachdachte als über ihren Tod. Inzwischen, eine Generation später, sind ihre Plätze belegt. Laut dem Friedhofswärter Cosimo liegt die Aus- lastung bei 90 Prozent. Weniger gut sehe es allerdings mit der Beleuchtungs- dichte aus. Da nicht alle Nachkommen die jährliche Stromgebühr für das ewige Licht zahlten – meistens ist nach dem zweiten Todestag »finito« –, könne er gerade etwa 60 Prozent anzünden. Dabei beträgt sie nur 60 Euro.

Alfredo Nelli saß auf einem ziemlich abgesessenen Campingstuhl und blickte zur obersten Grabreihe. Neben einer leeren Einlassung sah ich dort ein beschriftetes Grab: Ines Nelli – seine Frau, wie er mir eines Tages erzählte, als ich ihn auf seine Zigarre ansprach. »Sie ertrug es nicht, wenn ich zu Hause rauchte.« »Nein?«, fragte ich. »Sie sagte, die Vorhänge würden ganz grau, und zudem sei es ungesund. Das ließ sie sich auch vom Dottore bestätigen.« »Ja?«
»Ja, ja, wenn er zu uns nach Hause kam, um etwas von meiner hausgemachten Knoblauchsalami zu holen, betonte er in ihrer Anwesenheit immer laut und deutlich, dass Rauchen schädlich sei. Wenn ich ihn aber nach dem Abendessen im Café traf, rauch­ten wir zusammen eine Zigarre. Immer nur Montecristo
Nr. 4«, berichtete er mit leisem Stolz.

Die Italiener wissen schon, wann eine Sache ernst zu nehmen ist und wann nicht. Hauptsache, der Hausfrieden ist gewahrt und die Vorhänge sind schnee- weiß. »Ich komme jeden Tag zweimal her, einmal vor dem Mittagessen und einmal gegen fünf Uhr, bei jedem Wetter«, erklärte Alfredo, »jeden Tag, seit sie vor 15 Monaten gestorben ist. Wo soll ich auch sonst hin – nicht wahr, Amore?«, sagte er und schickte einen Kuss Richtung Ines’ Grabfoto, einer kolorierten Schwarz-Weiß-Aufnahme aus den Achtzigern mit rosa Hintergrund. Ines war dem Bild nach nicht älter als sechzig und ihre Frisur das Resultat eines dreistündigen Coiffeurbesuchs.

»Amore, bald bin ich sowieso bei dir«, sagte er, kurz bevor er seine Mundhöhle genüsslich mit dem Rauch der Montecristo füllte und diesen nach wenigen Sekunden aufsteigen ließ – in Richtung Si­gnora Nelli. Ob Tote riechen können?, musste ich instinktiv denken. »Mögen Sie Knoblauchsalami?«, fragte er.
»Wie? Natürlich. Und wie! Genauso wie eine Montecristo.« »Wollen wir uns morgen zum Mittagessen treffen?« »Okay, gerne. Im Café?« »Nichts Café, ich kann jetzt rauchen, wo ich will. Nein, hier! Sagen wir, um eins.« »Sehr gerne«, antwortete ich, überrascht von dem Gedanken, der so natürlich war wie der Wechsel der Jahreszeiten. Und wenn es etwas gab, was meine Großmutter besonders an mir mochte, dann war es, mich essen zu sehen – wo der Teller stand, war bestimmt nicht so wichtig.

Am folgenden Tag saß Nelli bereits in seinem Campingstuhl und schnitt auf einem Holzbrettchen alles andere als akademische Salami- und Brotscheiben. Ein zweiter Stuhl stand bereit. Ich wollte mich zu ihm setzen, als mir in den Sinn kam, dass sich im Kofferraum meines Autos noch eine Kiste 99er Pinot Noir des Bündner Winzers Andrea Davaz befand. Sie war eigentlich Tauschobjekt für einen Zweimonatsvorrat hausgemachter Kürbis-Tortelli, aber angesichts der Tatsache, dass mich mein Weg ohnehin in wenigen Wochen wieder in die Emilia führen würde, verschob ich kurzerhand den Handel und entschloss mich, die Kiste zu öffnen. »Amore, dieser Wein hätte dir gefallen. Er schmeckt wie wilde Erdbeeren und Schweizer Schokolade«, prostete er Ines zu, während ich in die zentimeterdicke, butterweiche Salamischeibe biss.

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir saßen – drei Meter unter Si­gnora Nellis
Foto –, aber nach der zweiten Flasche Wein verriet mir Alfredo das Geheimnis der emilianischen Küche: Es sei der Parmesan. Er gehöre dazu wie der Papst in den Vatikan. Ob in den Brodo, auf die Tagliatelle oder in den Spinat: Salz habe niemals eine derartige Wirkung wie Parmesan. Ein echter Parmigiano sei zudem zart kristallin, schmecke cremig, ja sogar etwas nach Rahm und Butter, bis sich die subtile, dezente Würze durchsetze. Wir schwelgten in unseren kulinarischen Fantasien und genossen die Gegenwart. Zwei Wochen später war ich wieder in der Emilia, erneut mit einer Kiste Davaz im Kofferraum und einer Kiste Monte- cristo für Alfredo. Als ich im Cimitero ankam, war sein Campingstuhl leer.

»Signora«, rief Cosimo aus seinem Wärterhäuschen heraus, das zugleich Kontrollstelle sämtlicher Friedhofslämpchen war, »er ist gegangen.«
»Nach Hause?« »Nein, zu ihr.« Aber da kann er doch nicht mehr rauchen, dachte ich sofort. »Letzte Woche. Ich fand ihn in seinem Stuhl. Eingeschlafen. Einfach so«, berichtete Cosimo.

Ich näherte mich seinem Sessel und trat plötzlich auf einen weichen Gegenstand. Eine halb gerauchte Montecristo. Ich sah nach oben, und während ich Alfredo Nellis koloriertes, bestimmt mehr als 20 Jahre altes Foto fixierte, roch es zum ersten Mal nach frischen Blumen. Ich ließ mich in seinem Sessel nieder und zündete mir eine Montecristo an. Wer weiß, vielleicht vermisste er ja den Duft.

 

von Chandra Kurt

aus Falstaff 07/2010

 

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