Moselschleife bei Trittenheim
Moselschleife bei Trittenheim /DWI

Obschon weite Teile der deutschen Weinberge vor 200 Jahren schon einmal großflächig mit roten Rebsorten bepflanzt waren, hätte es vor 25 Jahren kein Mensch für denkbar gehalten, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einem guten Drittel aller deutschen Rebhänge rote Trauben geerntet würden. Allein in den letzten fünf Jahren vergrößerte sich die Rotweinfläche um 22 Prozent auf beinahe 38.000 Hektar. Eine wichtige Rolle spielte hierbei die reich tragende Modesorte Dornfelder, die – 1980 statistisch noch gar nicht erfasst – in wenigen Jahren von 5500 auf über 8200 Hektar anwuchs. Inzwischen scheint der Dornfelder seinen Zenit aber überschritten zu haben, zumal die früher unglaublich hohen Preise für Fassware mitt­lerweile in den Keller gepurzelt sind. Andere rote Rebsorten wie Portugieser, Trollinger und Schwarzriesling verlieren ebenfalls an Marktanteil und gehen flächenmäßig zurück.

Erfreulich ist die Tatsache, dass der quali­tativ höherwertige Blaue Spätburgunder der große Gewinner der letzten Jahre ist. Seine Gesamtfläche liegt heute bei fast 12.000 Hektar und hat seit 2001 um 20 Prozent zugelegt. Von einer weitaus niedri­geren Ausgangsposition kommend, zählt auch der vor allem in Württemberg heimische Lemberger zu den Aufsteigern der letzten Jahre, in der Popularität der roten Traubensorten belegt er aber nur Platz sieben. Angesichts dieser Entwicklung ist es nicht weiter erstaunlich, dass die Deutschen auch mehr Rotwein aus deutschen Landen trinken: Bei einem gleichbleibenden Rotweinanteil von insgesamt 63 Prozent ist der Anteil aus heimischen Weinbergen von 25 auf 39 Prozent gestiegen. Noch erstaunlicher ist die Tatsache, dass deutscher Rotwein sich in den letzten Jahren selbst im Ausland erfolgreich verkauft. Im vergangenen Jahr war in jeder dritten exportierten Flasche Rotwein, der im Schnitt sogar um zehn Prozent teurer verkauft wurde als deutsche Weißweine, König Riesling inklusive.

Der Spätburgunder wird mit mehr oder weniger Erfolg in fast allen Weinregionen der Welt kultiviert, aber zu Recht denkt der Rotweinkenner zunächst an Burgund als das Epizentrum des Pinot Noir. Nirgendwo sonst erbringt diese im wahrsten Sinne kapriziöse Rebsorte feinere Resultate. Die meisten Spätburgunderreben wachsen in Deutschland in etwa auf demselben Breitengrad wie im Burgund, nur rund 200 Kilometer östlich davon. Im Durchschnitt der Jahre wird der Spätburgunder hier fünf bis sieben Tage später gelesen als an der Côte d’Or, jedoch hat die globale Klimaerwärmung seit der Jahrtausendwende bereits zweimal dazu geführt, dass die Knospen der Reben am Oberrhein sogar früher aufgingen als im Burgund.

Zwei interessante Blindverkostungen sorgten schlagartig dafür, dass die Kunde vom deutschen Rotweinwunder ins Bewusstsein der Weinwelt rückte. Die international besetzte Grand Jury Européen (GJE) verkostete im Jahr 2002 wieder einmal Pinot Noirs aus dem Burgund, die erwartungsgemäß zu begeistern verstanden. Bei der Besprechung der Weine, durchwegs Grands Crus, lobte der französische Wein-Guru Michel Bettane einen Wein ganz besonders, der »mit ­Sicherheit ein Chambertin, vielleicht sogar von der Domaine Rousseau« sei. Kein Wunder also, dass die Jury diesen Wein zum Sieger erklärte. Blankes Entsetzen aber, als die Flaschen enthüllt wurden und sich der vermeintliche Chambertin als deutscher Spätburgunder vom Weingut Huber aus dem Breisgau entpuppte, den GJE-Präsident FranÇois Mauss zwischen die 31 Burgunder als Piraten in die Probe geschmuggelt hatte.

Nun kennt man überraschende Ergebnisse von Blindverkostungen zur Genüge, und man kann diese natürlich infrage stellen. Erinnert sei an eine spektakuläre Probe in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts, als kalifornische Gewächse den Bordelaiser Hochadel ­düpieren konnten und mit einem Mal weltweite Beachtung fanden. Im Fall der Pinot-Noir-Verkos­tung der Grand Jury war das Ergebnis wirklich ein Vorbote dessen, was noch kommen sollte. Ziemlich genau fünf Jahre später nahm Jancis Robinson, die Grande Dame der englischen Weinpresse, an einer weiteren Blindverkos­tung teil, bei der deutsche Spätburgun­der und Pinot Noirs aus dem Burgund einander gegenübergestellt und verglichen wurden. In ­ihrem Resümee, das am 12. September 2007 ­erschien, sang auch sie ein Loblied auf die deutschen Weine. Nur einer der sechs Kreszenzen ­hatte sie weniger als 17 Punkte gegeben, hingegen blieb die Hälfte der Burgunder unterhalb dieser Grenze: »Was mich selbst am meisten erstaunt hat, war die Tatsache, dass mein Lieblingswein dieser Verkostung ein deutscher Spätburgunder war!«

von Armin Diel & Joel B. Payne

Mehr über die deutschen Burgunderspezialisten wie Bernhard Huber, Johannes Freiherr von Gleichenstein oder Fritz Becker erfahren Sie im aktuellen Falstaff-Magazin 01.10.

 

Verkostungsnotizen der besten deutschen Spätburgunder

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