Outdoor-Genuss: Das Comback des Picknicks

Genuss unter freiem Himmel: Ein Picknick ist die Luxusvariante einer Jause im Freien.

© Sierra Katrina Photography

Genuss unter freiem Himmel: Ein Picknick ist die Luxusvariante einer Jause im Freien.

Genuss unter freiem Himmel: Ein Picknick ist die Luxusvariante einer Jause im Freien.

© Sierra Katrina Photography

»Dank« Zugangsbeschränkungen, radikaler Lokalsperren, einer wachsenden Sehnsucht nach Natur und mindestabstands-konformem Beisammensein, ist in den letzten Monaten das Picknick in den Fokus gerückt. Und dort wird es auch bleiben. Allerorts haben Gastronomen zunächst aus der Not heraus, später aus Überzeugung, ihr Angebot angepasst und ausgeweitet. »Die Nachfrage ist extrem, noch stärker als im vergangenen Sommer«, meldet etwa Julia Kutas. Die studierte Kunsthistorikerin ist Gründerin, Kopf und Hirn des Teams von »hiddenkitchen« in Wien. Dort wurde im Zuge der Lockdowns das Take away-Angebot um dezidierte Picknick-Varianten ergänzt.

Nach anlassbezogenen Themen-Picknick-Körben für den Valentinstag, Ostern oder Muttertag und ersten Versuchen in stylischen Emaille-Eimern, bietet Kutas jetzt gegen Vorbestellung einen klassischen Korb mit tagesaktuellen Angeboten aus den beiden Lokalen in der Wiener Innenstadt. Das Pfand in der Höhe von 40 Euro pro Korb ist bewusst »saftig«: Es soll die Rückgabequote hoch halten. »Die Wiederverwertung steht im Fokus«, sagt Kutas, die ihre ersten Picknick-Angebote für das Hotel einer befreundeten Familie zusammenstellte, die ihren Gästen nicht nur Bett und Zimmer, sondern auch – ohne eigenem Restaurant – etwas Besseres als Automatenware zu essen anbieten wollte.

»Ein Picknick ist eine von vielen, aber eine sehr attraktive Option, eine gute Zeit mit lieben Menschen zu verbringen.«
Katrin Schönig, Hoteldirektorin »The Circus«-Hotel

Zwar ein gastronomisches Angebot samt eigens gebrautem Craftbeer, aber die längste Zeit keine Gäste aufgrund der drastischen Corona-Beschränkungen: Das »The Circus«- Hotel in Berlin durchlebte zuletzt ein typisches Lockdown-Schicksal. Um wieder Lust auf die Stadt zu machen und Besuchern letzte Bedenken bezüglich Sicherheitsabstand zu rauben, bietet man jetzt eine eigene »Drink in the Park«- Box. Der Inhalt der Box hält alles für ein perfektes Happy-Hour-Picknick bereit: zwei Cocktails der »Lost My Voice Bar«, zwei Bierflaschen, ein paar Snacks und praktische Extras wie Picknickdecke, Eiskühler und Gläser. Gäste, die drei Nächte im Haus übernachten, bekommen die Box im Wert von 25 Euro geschenkt. »Mit diesem etwas anderen Eröffnungsangebot möchten wir unseren Gästen die Freiheit schenken, fernab von pandemischen Einschränkungen die Hauptstadt zu genießen«, erklärt Hoteldirektorin Katrin Schönig.

Faktor »Lebensgefühl«

Über einen Ausflug in die Natur den Gästen den Weg zurück in die Gaststuben ebnen: Dieses Ziel verfolgt man in Kärnten großflächiger. Landesweit wurde die Aktion »picknick for distance« ins Leben gerufen. Sie verbindet kulinarisches und künstlerisches Angebot, denn an den Picknick-Locations treten unangekündigt Künstler, von Artisten bis Musiker, auf. Auf diese Kombination setzt man unter anderem auch in Gescher, einem kleinen Ort, eine Autostunde nördlich von Dortmund – nur in anderem Rahmen: Die Kunst kommt dort nicht zu den Gästen, die Gäste gehen zur Kunst. Sie können ihren Picknick-Korb mit in die örtliche Kunsthalle nehmen und zwischen den ausgestellten Kunstwerken indoor picknicken.

In Sachen Picknick zeigt sich das Münsterland auch sonst vielseitig. Angeboten wird ein Oldtimer-Verleih für Spritztouren, ein mit regionalen Produkten vollgepackter Picknickkorb inklusive, oder in Zusammenarbeit mit Naturpädagogen geführte Wanderungen durch Naturschutzgebiete samt umfangreichem Picknick statt schneller Jause. Die Anbieter setzen generell auf den Faktor »Lebensgefühl« an besonderen Orten. Der Park der Hermesvilla über Wien, ein »Sailor’s Picnic« an Bord eines kleinen Boots am Neusiedler See, ein Korb voll mit Variationen feinster Antipasti im Wachauer Weingarten oder ein »Museums-Picknick« am Gelände des Freilichtmuseums in Stübing bei Graz. Es geht um stimmungsvolle und stimmige Kulissen und besondere Inszenierungen. Beispielsweise ein »schwimmendes Picknick« am Holztablett für bis zu 15 Personen im Privatpool der Finca auf Ibiza. Oder ein Picknick, zu dem man aus Manhattan stilecht und für 8300 Dollar per Helikopterflug in eine einsame Bucht bei New York geflogen wird.

»Draußen-an-der-frischen-Luft«-Sein

Das alles nährt den durch Corona erwachsen gewordenen Wunsch der Gäste nach mehr »Draußen-an-der-frischen-Luft«-Sein. Ob Grillen auf der Terrasse, Dinner im Gastgarten oder freestyle im Park und auf Plätzen: »Die Leute fühlen sich outdoor nach Corona sicherer«, vermutet Julia Kutas – und glaubt an die Konservierung dieses Trends: »Die Leute sind wetterunabhängiger geworden, die Wehleidigkeit gegenüber sanftem Wind und leichtem Regen ist geschwunden.«

»Die Leute sind wetterunabhängiger geworden, die Wehleidigkeit gegenüber sanftem Wind und leichtem Regen ist geschwunden.«
Julia Kutas, »hiddenkitchen«

Dazu kommt der Reiz des stilistischen Kontrapunkts: Statt fein am Teller drapierter Mahlzeiten und perfekt temperierter Weinproben, dezenter Hintergrundmusik und abgedimmter Beleuchtung: Essen, Getränke, Snacks einpacken, irgendwo hinfahren, Picknickdecke ausbreiten. Fertig. Keine Tischnachbarn, keine Enge des Raumes, stattdessen ein Baumstamm als Garderobe, der hohe Himmel als Dach, die zwitschernden Vögel als akustische Kulisse. Und die Möglichkeit zu häppchenweiser Abwechslung wie sie sonst nur ein Buffet bietet. »Das Teilen und Probieren liegt im Trend«, sagt Kutas.

Auch »The Circus«-Chefin Katrin Schönig ist überzeugt, dass der Trend zu Picknicks »weder neu ist, noch dass er demnächst aussterben wird«. Aus der zu Coronazeiten manchmal einzigen Option, einen gelungenen Tag im Freien zu verbringen, »ist es wieder eine von vielen, aber eine sehr attraktive Option, eine gute Zeit mit lieben Menschen zu verbringen«. Das Picknick unterstützt das. Die Nachfrage nach derartigen Angeboten ist jedenfalls gewachsen. Dazu kommen Ausbauvarianten und Kombinationsmöglichkeiten, die zahllos sind. Picknick plus Weinkellerführung, Picknick plus Radtour mit Leih-E-Bike, Picknick plus Lama-Wanderung. Picknick plus Heiratsantrag.

Champagner! Rosen!

Auf Letzteres hat sich der französische Anbieter »Love Picnics Paris« spezialisiert. Zum gut und anlassentsprechend gefüllten Korb – Champagner! Rosen! – wird ein Fotograf »mitgeliefert«. Der Eiffelturm als stummer Zeuge, der Schlosspark von Versailles als Kulisse, die Kirche von Sacre Coeur im Hintergrund: Der Fotograf hält den besonderen Augenblick mit professionellem Auge fürs romantische Setting für die Ewigkeit fest. Das führt das Picknick dorthin zurück, wo es herkommt. Sagen die einen. Jene, die dem Wort einen französischen Ursprung zugestehen. Demnach setzt es sich zusammen aus »piquer« für »aufpicken« und »nique« für »Kleinigkeit« und taucht als Kombination erstmals in einem Buch im Jahr 1692 auf.

Es gibt aber auch die britische Lesart der Geschichte. Demnach findet sich der erste schriftliche Beleg in einem Brief Lord Chesterfields anno 1748, der eine Versammlung als »picnic« bezeichnet. Wobei dabei aber kein Essen serviert wurde. Mit dieser Bedeutung, allerdings »picknick« geschrieben, bringt sich wiederum Schweden ins Rennen um die Urheberrechte. Oder doch Japan? Im Land der aufgehenden Sonne gehören Mahlzeiten im Freien vor allem zur Zeit der Kirschblüte zur Tradition. Dort kursiert dafür das Lehnwort »pikunikku«.

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