In den Steillagen des ­Priorato erzeugt Alvaro ­Palacios seinen L’Ermita / Foto: beigestellt
In den Steillagen des ­Priorato erzeugt Alvaro ­Palacios seinen L’Ermita / Foto: beigestellt

Zwar lassen sich Spanier auch in Krisenzeiten nicht allzu lange davon abhalten, am Wochenende auszugehen, doch die Krise hat die blühende und ungemein kreative Topgastronomie arg gebeutelt. In Madrid verschwanden Traditionshäuser wie das »Jockey« oder das »Principe de Viana« ebenso wie »La Maquina de Lugones« und das »Dominus«.

Alles muss raus
Ähnliches passiert beim Wein, der zudem unter dem generellen Rückgang des spanischen Pro-Kopf-Verbrauchs leidet: Experten errechneten gerade noch 16 Liter pro Jahr. »Alles muss raus« ist deshalb die Devise vieler Erzeuger. Der Weinbranche kommen die weltweit niedrigen Ernten gerade recht. Sie ermöglichten sogar den riesigen Genossenschaften der Mancha, ihre Keller weitgehend leer zu räumen – zu Fassweinpreisen. Der spanische Weinexport stieg 2011 auf den Rekordwert von über 22 Mio. Hektolitern. Der Durchschnittspreis allerdings lag mit gerade mal einem Euro pro Liter um 40 Cent unter jenem des Jahres 2000. Dazu kommt die Wirkung der Finanzkrise. Baulöwen, die sich in nahezu allen Regionen mit prächtigen Kellereibauten schmückten, aber oft wenig vom Geschäft verstanden, hinterließen nach ihren Immobilienpleiten mehrere Dutzend ambitionierte Bodegas ohne gesicherte Finanzierung und ohne Absatzmärkte. Prominente Leidtragende sind Irius, Laus (beide Somontano), Antión, Regalia (Rioja), Habla (Extremadura), Galegas (Rias Baixas), Lahoz, Aresan (La Mancha), Ferratus oder Vizar (Ribera del Duero). Einige mussten ganz schließen. Die Zahl der teilweise völlig überteuerten »Autorenweine« wurde kleiner, was nicht unbedingt ein Schaden sein muss, denn manche hatten außer Konzentration und Holz nicht viel zu bieten.

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Das Weingut Artadi führt Juan Carlos Lopez de la Calle gemeinsam mit seiner Familie / Foto: beigestellt
Das Weingut Artadi führt Juan Carlos Lopez de la Calle gemeinsam mit seiner Familie / Foto: beigestellt

Das Weingut Artadi führt Juan Carlos Lopez de la Calle gemeinsam mit seiner Familie / Foto: beigestellt

Gesundgeschrumpft
Zum Glück blieben bei der Trennung der Spreu vom Weizen die seriösen, erfahrenen Spitzenerzeuger weitgehend erhalten. Man kultiviert weniger den ganz großen interna­tionalen Allerweltsstil, sondern sorgt für feine Regionalität, Eleganz und Mineralik. Deshalb ist Spanien für anspruchsvolle Weintrinker eher noch interessanter ge­worden: Das Angebot an teuren Weinen schrump­fte sich gesund. Mehr noch: Hoch angesehene Erzeuger ließen sich dazu herab, dem geschätzten Publikum preiswerte Einstiegsweine anzubieten. Das gilt sogar für Stars wie Roda und Alvaro Palacios.

Von oben: René Barbier, eine der Schlüssel­figuren im Priorato, kreierte den Clos Mogador; Carme Ferrer von Celler Bàrbara Forés in Terra Alta bei Tarragona; Fernando Garcia-Alonso zählt zur Riege der Jungstars unter den Önologen; Manuel Louzada zeichnet für den großartigen Numanthia aus Toro verantwortlich / Fotos: beigestellt
Von oben: René Barbier, eine der Schlüssel­figuren im Priorato, kreierte den Clos Mogador; Carme Ferrer von Celler Bàrbara Forés in Terra Alta bei Tarragona; Fernando Garcia-Alonso zählt zur Riege der Jungstars unter den Önologen; Manuel Louzada zeichnet für den großartigen Numanthia aus Toro verantwortlich / Fotos: beigestellt

Nicht nur die großen Drei
Das Land mit der weltweit größten Rebfläche hat auch außerhalb der drei Top-Regio­nen Rioja, Ribera del Duero und Priorato viel zu bieten. In Penedès nimmt das weltweit geschätzte Weingut Torres eine Ausnahmestellung ein. Weine wie Mas la Plana oder der Grans Muralles aus Conca de Barberà zählen zu dessen gesuchten Klassikern.

>>> »Best of« - Die neun besten spanischen Weine

Investoren in Toro
Toro war in den 90er-Jahren vielleicht die erste Region, die einen Qualitätsboom auslös­te. Vor allem als das Land in Ribera del Duero immer teurer wurde, sah man
sich nach Tempranillo-Weinbergen um. Es sickerte durch, dass Vega Sicilia Weinberge gekauft hatte. Bald pilgerten Investoren in die Gegend um das hübsche kleine Städtchen Toro, deren wertvolle Trauben aus uralten Rebbeständen noch in den Tanks der beiden veralteten Genossenschaften ver­schwanden.

Der Vega-Sicilia-Ableger Pintia ist heute sicher einer der besten Toros. Mindestens ebenso viel Prestige und Qualität erarbeitete sich der Riojaner Marcos Eguren. Die Egurens, die in der Rioja mehr Weltklasseweine (San Vicente, El Bosque, La Nieta, El Puntido, Amancio) auf die Flasche bringen als irgendjemand sonst, gründeten zunächst das kleine, feine Numanthia. Nach ein paar Jahren verkauften sie es an den LVMH-Konzern und residieren nun auf einem Hügel bei Valdefinjas auf dem neuen, größeren Weingut Bodegas Teso la Monja. Mit ihrem Victorino und der sensationellen Spitzencuvée Alabaster setzen sie Maßstäbe für die kleine D.O., deren kraftvolle Tempranillos, hier Tinta de Toro genannt, in der Sommerhitze schwer und derb austrocknen, wenn sie nicht in die Hände eines Meisters wie Marco Eguren fallen. »In der Rioja besitzen die Weine immer genügend Eleganz. Wir müssen an der Fülle arbeiten«, sagt er. »Hier in Toro bremsen wir bei der Kraft und feilen an der Eleganz. Dabei helfen 100 Jahre alte, wurzelechte Weinberge.« Auch einige Franzosen gehören zu den besten Toro-Produzenten, neben LVMH auch Michel Rolland (Campo Eliseo) und François Lurton (Albar). Mit an der Spitze: Vetus, Estancia Piedra, Dominio del Bendito sowie Altmeister Mariano García mit Maurodos.

Finessenreiches Bierzo
Während Toro vorwiegend durch Investoren von außerhalb belebt wurde, geben rund 150 km weiter nördlich, im kühleren Bierzo, regionale Önologen den Ton an. In der Gegend um die alten Dörfer entlang des Jakobsweges wächst die autochthone Mencíarebe, identisch übrigens mit der Jaen Portugals. Sie prägt neben dem etwas atlantisch geprägten Klima den finessenreichen, zartfruchtigen Stil Bierzos, wenn sie nicht – was leider häufig passiert – mit internationalen Sorten wie Merlot und Syrah parkergerecht aufgemotzt wird. Zwei, die ihre Rebe geradezu vergöttern und um nichts in der Welt verschneiden, sind Nacho León und Ginés Fernández López. »Wir müssen die alten Klone und unsere Identität pflegen«, sagt Nacho. Sein Demencia wächst auf 30 verschiedenen alten Parzellen. Der Bilderbuch-MencÍa in nur 6000 Flaschen schmeckt wegen kleiner Beeren und niedrigster Erträge konzentriert, besitzt aber die unverwechselbare Frische und flirrende Leichtigkeit der Mencía.

Ebenso verrückt muss einer sein, der als Kumpel im nahe gelegenen Bergbau schuftet und in seiner Freizeit so viele Weinbücher liest, bis er sich zutraut, selbst Wein zu machen. Ginés Fernández López hat in der Garage angefangen und erst kürzlich ­seine kleine Kellerei Gancedo eröffnet. Seine geradlinig-feinen Weine Xestal oder Ucedo wachsen in vorbildlich gepfleg­ten Weinbergen auf sandig-lehmigen ­Granitböden.

Keller der Bodegas Roda, eines der größten Namen in der Rioja / Foto: beigestellt

Auch wenn Weine wie Demencia, Ucedo oder verschiedene Füllungen des in ganz Nordwest-Spanien tätigen Raúl Pérez (Ultreia, Cepas Centenarias), der langlebige Paixar oder der etwas schmelzigere Pittakum Aurea Mencía-Meisterstücke sind, bleibt Descendentes de J. Palacios Platzhirsch im Bierzo. Ricardo Pérez Palacios und sein Onkel Alvaro konzentrieren sich auf die Schieferlagen in den Hügeln, päppeln ein paar uralte Rebenhänge auf 700 bis fast 900 Meter Höhe wieder auf und füllen unter anderem großartige Einzellagenweine ab, allen voran den unvergleichlichen, fast beängstigend mineralischen und in der Jugend geradezu strengen Faraona.

Das Weingut Bodegas Vega Sicilia nahm für die Modernisierung seiner Keller viel Geld in die Hand / Foto: beigestellt
Das Weingut Bodegas Vega Sicilia nahm für die Modernisierung seiner Keller viel Geld in die Hand / Foto: beigestellt

Das Weingut Bodegas Vega Sicilia nahm für die Modernisierung seiner Keller viel Geld in die Hand / Foto: beigestellt

Vor vielen Jahren, beim Abendessen in der Rioja, sagte der Önologe Gonzalo Rodriguez plötzlich: »Eines Tages mache ich einen Prieto Picudo. Kennst du die Traube? Fantastisch. Kleinbeerig. Intensiv. Vielleicht besser als Tempranillo. Eine Art spanischer Cabernet Sauvignon.« Einige Jahre später wurde südöstlich von León die D.O. Tierra de León gegründet. Die karge, windige Hoch­ebene ist altes Weinland, wie an unzähligen unterirdischen Kellern etwa in Valdevimbre zu sehen ist: die Heimat des fast vergessenen Prieto Picudo. Seine Wiederentdeckung fällt fast mit dem Beginn der Krise zusammen und geht deshalb nur stockend voran. Doch drei ausgezeichnete Weine existieren, die erste Einblicke in die Möglichkeiten dieser Sorte geben: Cumal von Dominio Dostares, Carroleon von Pardevalles und Eterna Selección von Ricardo Sanz. Ein verborgener Schatz.

Den gesamten Artikel inklusive Preis-Leistungs-Tipps und den besten Weißweinen Spaniens lesen sie in der aktuellen Ausgabe des Falstaff Magazins Nr. 3/2013 – Jetzt am Kiosk!


Text von Jürgen Matthäss

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