Österreichs Weingiganten

Es waren und sind herausragende Frauen und Männer, die das Fundament der heimischen Weinwirtschaft bilden - einer Branche, die floriert wie nie. 

© Postproduction: Albert Winkler / Vienna Paint, Fotos: Corbis, Pertramer, Jellasitz, Bauer, Apa / Pict

Es waren und sind herausragende Frauen und Männer, die das Fundament der heimischen Weinwirtschaft bilden - einer Branche, die floriert wie nie. 

© Postproduction: Albert Winkler / Vienna Paint, Fotos: Corbis, Pertramer, Jellasitz, Bauer, Apa / Pict

Dass die österreichische Weinwirtschaft heute so gut dasteht und sich als Erzeuger von exzellenten Nischenprodukten international einen Namen machen konnte, ist beileibe keine Selbstverständlichkeit. Denn noch vor dreißig Jahren lautete auch im Weinbau die Maxime: Quantität vor Qualität. Nicht, dass es nicht schon früher qualitätsbewusste Winzer gegeben hätte, die sehr gute Weine erzeugten. Diese Pioniere gab es zu jeder Zeit, nur dem breiteren Weinpublikum blieben sie weitgehend unbekannt. Wer sich ein Bild von der Situation um 1980 machen möchte, sollte einen Blick in das zu dieser Zeit erschienene Buch »Die großen Weine Österreichs« von Helmut Romé, Gründer des Falstaff-Magazins, werfen. Dort werden erstmals die führenden Winzer und Regionen detailreich abgebildet. Manche dieser Qualitätspioniere haben ihren Betrieb erfolgreich einer weiteren Generation übergeben, andere existieren längst nicht mehr.

Kriminelle Machenschaften und ein Skandal

Es brauchte ein veritables Unglück, um den österreichischen Weinbau grundlegend zu ­revolutionieren und auch nachhaltig auf die Siegerstraße zu bringen. Im Jahr 1985 flog der heute längst berühmt-berüchtigte »Glykolskandal« auf, dessen Details man an ­dieser Stelle nicht aufgreifen muss. Aber er ist und bleibt die entscheidende Zäsur, ohne die – und das war das Glück im Unglück – der kometenhafte Aufstieg des österreichischen Weins nicht denkbar gewesen wäre. Damals standen auch Winzer vor den Scherben ihrer Existenz, die mit den kriminellen Machenschaften einiger weniger absolut nichts zu tun hatten. Die öffentliche Meinung verpasste der Winzerschaft als Gesamtheit den Paria-Status.

Glück im Unglück

Wie aber gelang der unglaubliche Turnaround? Wie kann es sein, dass aus den Buhmännern der Nation nun gesellschaftlich hoch angesehene und überall gefragte Leute geworden sind? Es bedurfte ganz besonderer Anstrengungen und Leistungen, um das unmöglich Scheinende möglich zu machen. Und dazu waren starke Führungspersönlichkeiten, ja Vorbilder von­nöten. Einerseits waren da engagierte Winzer, die das »reinigende Gewitter« als Chance begriffen, den Weg der Qualität mit aller Kraft weiterzugehen. Andererseits stand gerade in diesen Jahren eine Generation von jungen Winzern parat, die sich bei Auslands­praktika in Ländern wie Frankreich, Südafrika oder den USA ein frisches Bild vom Weingeschäft machen konnten, das über den nationalen Tellerrand weit hinausreichte. Ein völliger Paradigmenwechsel war angesagt, die österreichische Weinwirtschaft machte sich daran, sich selbst regelrecht neu zu erfinden.

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Die neuen Ideen der jungen Winzer

Den Winzern war klar, dass sie einiges tun mussten, wollten sie das Vertrauen der Konsumenten – zunächst im Inland, aber auch für den Export (von dem zu diesem Zeitpunkt viele ja nur träumen konnten) – zurück­gewinnen. Die jungen Winzer hatten von ­ihren Lehrjahren viele Ideen mitgebracht. Die ältere Generation ließ sie, wohl auch in Ermangelung anderer Perspektiven, gewähren. Es kamen vermehrt neue, interna­tional gefragte Reb­sorten ins Land. Chardonnay war die weiße Trendsorte. Im Rotweinbereich, der sich daranmachte, aus dem dominanten Schatten der Weißweine zu treten, suchte und fand man in Cabernet Sauvignon und Merlot lohnende Aufgaben. Die ersten Barriques, kleine französische Eichenfässer, wurden bestellt, der biologische Säureabbau erfolgreich erprobt. Im Weißweinbereich wurden Edelstahltanks und mit ihnen gekühlte Gärung, Reinzuchthefen und ein völlig anderes Hy­gienebewusstsein im Keller gang und gäbe. Innerhalb weniger Jahre hatte sich das qualitative Angebot völlig verändert. Angetrieben von den Leitbetrieben der unterschiedlichen Regionen, breitete sich der Qualitätsgedanke unaufhaltsam aus.

Von Marketing und Leitfiguren

Auch die Rahmenbedingungen mussten stimmen: Mit der Gründung der Österreich Wein Marketing (ÖWM) bewies man eine besonders glückliche Hand. Ohne das innovative Konzept eines Dachmarketings wäre der Aufstieg des österreichischen Weins aus heutiger Sicht nicht denkbar gewesen. Auch die Standesvertretungen zogen mit und unterstützten die Winzer im In- und Ausland sowohl finanziell als auch logis­tisch. Viele Weinbauern zogen aus, um auf internatio­nalen Messen wie der Vinitaly in Verona oder der Vinexpo in Bordeaux ihre Weine zu präsentieren. Bald waren die ersten Einkäufer überzeugt und Importeure für Märkte wie England oder die USA gefunden. Nun kam wieder den Leitfiguren unter den Winzern eine wesentliche Rolle zu, denn es war unabdingbar, sich auch persönlich auf diesen Märkten zu zeigen. Der große Süßweinguru Alois Kracher entwickelte sich in diesen Jahren zu einer Art Sonderbotschafter des österreichischen Weins, und bald nahm er auch die großen Winzer der Wachau auf seinen vielen Reisen ins Schlepptau.

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Österreichischer Wein auf dem Vormarsch

Erfolgreiche Weinverkostungen auf internationalem Parkett machten schließlich auch Journalisten anderer Länder auf das kleine Österreich aufmerksam, und die ÖWM holte Schritt für Schritt alle wichtigen Vertreter aus Handel und Presse ins Land. Waren es zuerst kleine Gruppen von Experten, die sich vor Ort über das österreichische Weinangebot schlaumachen wollten, so erfreut man sich heute alljährlich einer richtigen Flut von Anfragen. Zur letzten VieVinum brachte die ÖWM mehr als 800 Händler, Journalisten und Top-Sommeliers aus aller Welt nach Wien, ein großartiger Beweis für das Interesse am ­heimischen Spitzenwein. Auch auf dem Heimmarkt hat sich das Blatt völlig gewendet. Die Österreicher sind von Stolz auf ihren ­Rebensaft erfüllt.

Österreich setzt auf heimische Qualität

Zu rund 85 Prozent wird in Österreich heimischer Wein konsumiert – und man ist gerne bereit, dafür einen im Europavergleich recht stattlichen Preis zu bezahlen. Zwei Faktoren haben zur ­Popularisierung der ­heimischen Weine bei­getragen: einerseits die führende Gastronomie, die schnell die Chancen erkannt hat, hervorragende Weine zu relativ moderaten Preisen und dennoch mit Gewinn verkaufen zu können, andererseits der Weinfach- und Lebensmittelhandel, der der ständig wachsenden Nachfrage gerecht wurde und sein Angebot an guten österreichischen Weinen enorm erweiterte. Mit dem Markteintritt von Wein & Co wurden die letzten Schwellen abgerissen, der Zugang zu vielen gesuch­ten Weinen war endgültig demokratisiert. Die Tatsache, dass auch der Westen Öster­reichs, der lange eine gewisse Präferenz für ­italienische Weine gezeigt hat, nun auch verstärkt auf Qualität aus Österreich setzt, hat auch damit zu tun, dass die Gäste immer ­öfter konkret danach verlangen.

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Neue Wege

Um diesen tollen Erfolg des heimischen Weins nicht zu einer Modeerscheinung verkommen zu lassen, wird zielstrebig an der weiteren Verbesserung der Ergebnisse ge­arbeitet. Und so erscheint es nur logisch, dass immer neue Wege beschritten werden. Nachhaltigkeit ist auch im Weinbau ein wesentliches Schlagwort geworden – und damit es nicht nur bei Worten bleibt, hat sich eine große Zahl der Winzer für eine biologische oder biodynamische Bewirtschaftung ihrer Weingärten entschieden. Das ist alles andere als ein Marketinggag. Wer die Schwierigkeiten kennt, die ein Klima, wie es hierzulande herrscht, mit sich bringt, kann sich die damit verbundenen Probleme vorstellen. Auch in der Vinifikation der Weine werden neue Wege erprobt, es wird in Amphoren aus Ton gearbeitet oder auf Schwefel verzichtet. Begriffe wie »Orange Wine« und »Naturwein« sind immer öfter zu hören. Es entstehen innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen Weine, die ein anderes als das herkömmliche Geschmacksbild aufweisen und sich bewusst vom Gewohnten unterscheiden. Über den Erfolg wird schlussendlich der Konsument entscheiden, denn zum Kultwein wird nur, was über herausragende Qualität verfügt und schmeckt.

Die Bestenlisten der Weinwelt

Wir haben das Erscheinen des neuen Fals­taff Weinguides 2012 zum Anlass genommen, einmal Rückschau auf das bisher Ge­leistete zu halten, und uns die Frage gestellt, welche Betriebe in den letzten Jahren in ­besonderem Maße für den Aufschwung der heimischen Weinwelt gesorgt haben. So ist eine Liste der Top 100 entstanden, ein Ranking, das ­sowohl objektive Verkostungsergebnisse ­berücksichtigt als auch subjektive Gründe, etwa Bekanntheit und internationales An­sehen. Als Service haben wir zusätzlich jene Weiß- und Rotweine angeführt, die im aktuellen Guide die höchste Punktzahl erreicht haben. In zwei weiteren Kästen finden Sie die Namen der interessantesten Newcomer der letzten Jahre, von denen man sich für die ­Zukunft viel versprechen darf, und schließlich eine Liste jener österreichischen Weine, die bisher bei Internetversteigerungen auf eBay die höchsten Preise erzielen konnten. Der neue Falstaff Weinguide 2012 ­erscheint am 9. Juli und bietet Ihnen viele weitere lohnende Weinempfehlungen von mehr als 450 Betrieben. 

Die Top 10 Weine Österreichs finden Sie hier!

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 05/2012
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