Neue Lust auf Sterilität: Warum wir uns mit Bakterien versöhnen müssen

Kinder haben keinerlei Berührungsängste mit Schmutz. Liegen sie damit instinktiv richtig oder müssen wir unseren Umgang mit Keimen überdenken?

© Getty Images/Beau Lark/Corbis/VCG

Kinder haben keinerlei Berührungsängste mit Schmutz. Liegen sie damit instinktiv richtig oder müssen wir unseren Umgang mit Keimen überdenken?

Kinder haben keinerlei Berührungsängste mit Schmutz. Liegen sie damit instinktiv richtig oder müssen wir unseren Umgang mit Keimen überdenken?

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Wir haben uns alle die Hände falsch gewaschen, und niemand hat es gewusst. Also fast niemand. Dass das Händewaschen mindestens 30 Sekunden dauern sollte, gehörte für viele Menschen – solange sie vorher nicht in Gesundheitseinrichtungen gearbeitet haben – zu den Learnings der Coronapandemie. Jetzt können wir das und haben auch gelernt, an jeder Ecke einen Spender mit Desinfektionsmittel hinzustellen. Die Möglichkeiten, unseren Alltag keimfrei zu machen, sind allgegenwärtig. Das Problem: Medizinisch gesehen hat das nicht nur Vorteile. »Steril = gut«, so einfach ist es dann doch nicht.

Weniger Keime = mehr Allergien

Die Umgebung des modernen, urban lebenden Menschen war schon vor der Pandemie so steril, dass er bestimmten Keimen oft nicht mehr in einem Ausmaß ausgesetzt war, dass der Körper lernte, mit diesen umzugehen. Die Folge ist eine Zunahme von immunologischen Erkrankungen wie Allergien. Dem Körper fehlt quasi der Abwehrplan gegen Keime, den er normalerweise im Kindesalter erlernt. Nicht falsch verstehen: Niemand bestreitet, dass in Zeiten der Coronapandemie Desinfektion sinnvoll ist. Die Sorge von Experten ist allerdings, dass diese neue Lust an der Sterilität bleiben und dauerhaft negative Folgen haben könnte. 

»Für eine gesunde Entwicklung brauchen wir die Interaktion und die Exposition mit Keimen«, sagt Gregor Gorkiewicz von der MedUni Graz. Da gehe es nicht nur um Allergien, sondern um elementare Körperfunktionen. »Wenn man Mäuse unter Laborbedingungen in einer komplett keimfreien Umgebung aufzieht, erleiden sie irgendwann schwerste Organschäden.« 

Der menschliche Körper wird von Unmengen von Bakterien bevölkert. Babys übernehmen die ersten davon schon im Mutterleib, dann geht es mit der Muttermilch und weiteren Bakterien der Eltern weiter. Lange Zeit hieß es, das Verhältnis zwischen Bakterienzellen und Körperzellen beim Menschen sei 10:1, auf ein menschliche Zelle kämen also zehn Bakterienzellen. Diese Zahl ist in den letzten Jahren in Zweifel gezogen worden. Forscher gehen mittlerweile davon aus, dass das Verhältnis eher ausgeglichen ist, mit hohen Schwankungen von Person zu Person. Die Zahlen sind allerdings immer noch atemberaubend: Durchschnittlich bevölkern 39 Billionen Bakterien den menschlichen Körper, eine Zahl mit zwölf Nullen. Auf der menschlichen Zunge leben etwa 9000 Stämme von Bakterien, in der Ellenbeuge sind es knapp 3500. Und wenn man von etwas so viel mit sich herumschleppt, erscheint es mehr als sinnvoll, sich damit zu versöhnen.  


Desinfektion

Wie viel Hygiene ist sinnvoll, wie viel Desinfektion ist nötig? Mediziner haben dazu eine klare Meinung. Einem gesunden Kind schadet ein normaler Umgang mit Dreck nicht, sagt der Pathologe Gregor Gorkiewicz. Überhygiene sei eher schädlich als nützlich. 

Im Durchschnitt bevölkern 39 Billionen Bakterien den menschlichen Körper. Allein auf der menschlichen Zunge leben 9000 Stämme, in der Ellenbeuge 3500. Schon allein deshalb erscheint es sinnvoll, sich mit den Kleinstlebewesen zu versöhnen. 

Im Durchschnitt bevölkern 39 Billionen Bakterien den menschlichen Körper. Allein auf der menschlichen Zunge leben 9000 Stämme, in der Ellenbeuge 3500. Schon allein deshalb erscheint es sinnvoll, sich mit den Kleinstlebewesen zu versöhnen. 

© Getty Images/Marko Geber

Es gibt gute Gründe dafür, dass Bakterien tendenziell negativ konnotiert sind und die keimfreie Oberfläche als erstrebenswert gilt. Zahlreiche Bakterien sind gefährliche Pathogene, lösen also im schlechten Fall Krankheiten aus. Listerien gelten als Hauptverursacher von Lebensmittelvergiftungen, Staphylokokken können Lungenentzündungen hervorrufen, Campylobacter für entzündliche Darmerkrankungen sorgen. Aber Bakterien sind eben viel mehr als Pathogene. Sie übernehmen lebenswichtige Funktionen im Körper. Und bilden sogar vielfach einen Schutzschild gegen ihre gefährlichen Verwandten.

Der bekannteste Hort für nützliche Bakterien ist der Darm. »Die natürlichen Bakterien im Körper beeinflussen als wichtiger Bestandteil der ›Darm-Hirn-Achse‹ wichtige Magendarmfunktionen«, sagt Thomas Frieling, Chefarzt der Gastroenterologie des Helios Klinikum Krefeld und Co-Autor des Buchs »Darm an Hirn!«. »Diese Bakterien entwickeln sich bereits bei der Geburt und passen sich dem Alter an.« Für das Mikrobiom im Darm hat sich der historische Begriff »Darmflora« durchgesetzt, obwohl Bakterien weder Pflanzen noch Tiere, sondern eine eigene Domäne unter den Lebewesen bilden. Die meisten der nützlichen Bakterien sitzen im Dickdarm. Dort sorgen sie nicht nur für eine gesunde Verdauung: 70 Prozent der menschlichen Abwehrzellen sitzen in der Darmschleimhaut. Sie sind also elementar wichtig für die Abwehr von Krankheiten. 

»Die Beeinflussung des Mikrobioms kann durch viele Faktoren wie Essverhalten, körperliche und geistige Aktivität, Körpergewicht, emotionale Ausgeglichenheit, psychische Faktoren beeinflusst werden« sagt Frieling. »Vereinfacht dargestellt: Ein gesundes Leben induziert auch ein gesundes Mikrobiom. Vermieden werden sollten insbesondere eine einseitige Ernährung.« Eine ausgewogene Ernährung reiche in der Regel aus, sodass keine Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden müssten. 

»Für eine gesunde Entwicklung brauchen wir die Interaktion und die Exposition mit Keimen.«

Gregor Gorkiewicz, Professor für Pathologie an der Medizinischen Universität Graz

© Getty Images/Klaus Vedfelt

Keime aus der Urgeschichte

Dass der menschliche Körper in der frühkindlichen Entwicklung auf die Zufuhr von Mikroorganismen von außen angewiesen ist, ergibt evolutionsgeschichtlich Sinn. Die Vorfahren des modernen Menschen lebten in der Steppe und waren dort unzähligen Keimen ausgesetzt. Der Körper musste einen Weg finden, damit umzugehen. Dieses Zusammenspiel funktioniert in unserer tendenziell sterileren Welt aber nicht mehr. Das führt dazu, dass der Körper – der im Grunde immer noch der Körper der Jäger und Sammler ist – sich wehrt. »Epidemiologisch sehen wir, dass die Menschen heute viel stärker unter immunologischen Erkrankungen wie Allergien leiden als früher«, sagt Gorkiewicz. Das hänge mit der mangelnden Exposition mit diesen Keimen in der Kindheit zusammen, das sei wissenschaftlich gut belegt. 

Und was heißt das jetzt konkret? Wie viel Hygiene ist sinnvoll? Wie so oft in der Wissenschaft ist die etwas unbefriedigende Antwort: So viel wie nötig, aber nicht zu viel. Bei einer Fläche, auf der ich rohes Huhn geschnitten habe, ist eine Desinfektion sinnvoll. Aber nicht jeder Bereich des Lebens kann und sollte keimfrei sein. In dem Moment, wo die Pandemie überwunden ist, bietet beispielsweise das Desinfizieren der Hände für einen Menschen ohne Immunschwäche keinen Vorteil zum Waschen mit Seife. 

Das gilt im Übrigen auch für Kinder, bei denen vorsichtige Eltern schon vor der Pandemie eine gewisse Tendenz zur Überhygiene an den Tag legten. Experten sehen es eher entspannt, wenn ein Kind einmal etwas vom Boden aufhebt und in den Mund steckt. Vor alltäglichem Umweltschmutz müsse man es nicht beschützen. »Einem gesunden Kind schadet ein normaler Umgang mit Dreck nicht«, sagt ­Gorkiewicz. Natürlich müsse man im Einzelfall bewerten, ob ein Spielplatz an einer Straße mit hoher Abgasbelastung liegt oder die Sandkiste oft von Katzen frequentiert wird, die Toxoplasmose-Erreger übertragen können. »Überhygiene schadet aber eher, als dass sie nutzt.« 

»Ein gesundes Leben induziert auch ein gesundes Mikrobiom.«

Thomas Frieling, Gastroenterologe Helios-Klinik Krefeld

© Getty Images/Klaus Vedfelt

Dreck gehört zum Leben

Das heißt nicht, dass man nicht sinnvolle Hygiene-Maßnahmen aus der Pandemie mitnehmen kann. In der Zeit des Jahres, wo Atemwegsinfektionen ihren Höhepunkt haben, werden Menschen auch weiterhin Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln tragen. Auch aus den Wartezimmern der Ärzte werden sie nicht ganz verschwinden und müssen sie auch nicht. Aber auch in der neuen Lust an der Sterilität sollte man nicht ganz vergessen: Ein bisschen Dreck gehört zum Leben dazu.


© Getty Images/Ana Rocio Garcia Franco

Trend Fermentation

Die Fermentation hat in den letzten Jahren einen Aufwind erfahren. Das Verfahren – genauer: die Gruppe an Verfahren – ist Jahrtausende alt. Früher diente die Fermentation dazu, Lebensmittel haltbar zu machen, heute ist es vor allem eine Frage des Geschmacks. Biologisch gesehen ist die Fermentation die Umwandlung von Lebensmitteln durch Mikroorganismen. Unter diesen breiten Begriff fallen somit das Bierbrauen und die Weingärung (bei beidem wird die Arbeit von Hefepilzen erledigt), aber auch die Herstellung von Käse, Sauerkraut oder Kimchi. Dabei passiert die Umwandlung durch Bakterien, beim Sauerkraut verwandeln sie beispielsweise den Zucker im Kohl in Milchsäure. Bei den Schimmelkäsen braucht es sogar beides – erst die Bakterien, dann den Pilz.

Viele Fermentationsprozesse lassen sich verhältnismäßig einfach auch zu Hause durchführen. Das eingelegte Obst, die Salzzitrone oder der Kombucha-Tee brauchen nicht viel Platz und meistens auch nicht viele komplizierte Handgriffe. Das Handwerk lässt sich problemlos in Kursen, die es mittlerweile in jeder größeren Stadt gibt, erlernen. Dort werden Bakterien und Pilze als das behandelt, was sie überwiegend sind – unsere Freunde. Manches muss allerdings auch unter Freunden nicht mehr unbedingt sein: Die frühen Alkoholproduzenten spuckten in den Bottich, um den Prozess in Gang zu setzen. Da sind wir heute zum Glück ein Stück weiter. 


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