Neue Landliebe – revitalisierte Bauernhöfe macht Lust auf Country Life

Zum Verkauf: Liebevoll sanierter Bauernhof im Bregenzerwald. Gemütlich und komfortabel, über 500 Quadratmeter Wohnfläche. www.engelvoelkers.com

© Adolf Breuer

Zum Verkauf: Liebevoll sanierter Bauernhof im Bregenzerwald. Gemütlich und komfortabel, über 500 Quadratmeter Wohnfläche. www.engelvoelkers.com

© Adolf Breuer

»Unserer Meinung nach wird viel zu viel und zu früh abgerissen«, stellt Sven Matt vom Vorarlberger Architekturbüro Innauer Matt fest. Das Architektenteam logiert selbst in einem alten Bregenzerwaldhaus, das vielen als Role-Model gilt. Man muss sich nur an die Zeiten vor dem Euro zurückerinnern: Ein Hof aus dem sogenannten »Wald« zierte einst den 100-Schilling-Schein. »Prinzipiell kann jedes Gebäude, das noch halbwegs standfest ist, aus technischer Sicht saniert werden«, so der Architekt weiter.

Ursprünglich urlauben: Tradition trifft auf Moderne und acht Zimmer im Langenbachhof im Schwarzwald. www.langenbachhof.de

© Benjamin Schmidt

Doch wann ist ein Gebäude im nicht urbanen Raum ein Bauernhof – und nicht etwa ein Chalet oder Landhaus? Thomas Drexel, einer der meistgelesenen Archi­tektur-Buchautoren des deutschsprachigen Raums, erklärt: »Als Bauernhof wird ein Gebäude bezeichnet, das als Ganzes oder in Teilen landwirtschaftlich genutzt wurde oder wird. Es ist grundsätzlich durch das Vorhandensein eines historischen Wohn- und eines Wirtschaftsteils gekennzeichnet, wobei Letzterer in der Regel in einen Scheunen- und einen Stallteil unterteilbar ist.« Eine einfache Definition, die man sich durchaus merken kann.

Prämiert: Umbau und Erweiterung eines Bauernhauses in Jois. Ausgezeichnet mit dem Holzbaupreis Burgenland. www.cp-architektur.com

© Philipp Kreidl

Kompliziert wird es erst, wenn es um die Typologien der einzelnen Regionen geht. Einhof, Zwiehof, Haufenhof, Mehrseithof, Haken- und Streckhof – bei den Hofformen muss man sich im ersten Schritt nicht zwangsläufig auskennen. Dazu kommt das Lokalkolorit, wie Drexel bestätigt: »Die Bautypologie ist extrem vielgestaltig, sodass es nicht annähernd möglich ist, für ganze Bundesländer identische Merkmale festzulegen, geschweige denn für Länder.« Gesucht werden, so beobachtet man etwa bei Spiegelfeld Immobilien, »Bauernhäuser, circa eine bis maximal eineinhalb Stunden von Wien entfernt, mit größeren landwirtschaftlichen Flächen zum Anbau von eigenem Gemüse oder zur Kleintierhaltung«.

Ästhetisches Understatement: Das Haus Feurstein ersetzt den Wirtschaftsteil eines alten Bauernhofs in Vorarlberg. www.innauer-matt.com

© Adolf Breuter

Das Angebot kann mit der Nachfrage bei Weitem nicht mithalten, auch weil täglich Höfe abgerissen werden und neuen Projekten weichen müssen. Man geht davon aus, dass in Österreich täglich ein Bauernhof in Form von 22 Hektar Ackerfläche verschwindet. Viele der Immobilien werden darüber hinaus zwar saniert, aber nicht mehr privat genutzt. Um die 2800 Urlaubsbauernhöfe gibt es in Österreich. Kurz: Wer auf der Suche nach einem sanierten oder auch sanierungsbedürftigen Objekt ist, braucht Glück und Geduld – auch bei der Wahl des richtigen Maklers.

Bregenzerwald: Evelyns Hütte hat Platz für bis zu 20 Gäste und genau das richtige Quäntchen Komfort. www.kulturimloch.at

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Es geht um Verzicht

Wer mit dem Gedanken an ein Leben im Bauernhof spielt, sollte seine Ansprüche abklopfen – und im wahrsten Sinne des Wortes den Hausverstand einschalten. Die Kultiviertheit des Wohnens ist auf einem zeitlos hohen Niveau, wie Architekt Matt betont: »Charakteristisch für das Bregenzerwaldhaus ist – trotz aller Einfachheit – das Zusammenspiel aus durchgesteckter Flurküche, gemütlicher Stube mit zentralem Ofen und dem allem vorgelagerten ›Schopf‹ als vielseitig nutzbarem Puffer zum Außenraum.« Auf der anderen Seite steht eine geringe Kenntnis von Bauphysik und Ästhetik, die Drexel zu einem »fehlgeleiteten Dämm-Boom« in Be-zug setzt. »Viele Hausfassaden werden zu gesichtslosen Hüllen, das ›Verunstatungs­tempo‹ hat seit den 1950er-Jahren stark zugenommen.« Drexel spricht von »falsch verstandenen Modernisierungsvorstellungen und Ignoranz«. Matt schlägt in eine ähnliche Kerbe:»Viele alte Gebäude werden mit hohem technischen ­Aufwand derart zu Tode saniert, dass vom Ursprünglichen nur mehr Versatzstücke übrig bleiben. Aus unserer Sicht ist es bei Sanierungen auch notwendig, die eigenen Ansprüche zu hinterfragen. Vielleicht darf es im Winter auch mal unter 21 Grad in der Stube haben. Dafür gibt es ja Pullover.« Und damit sind wir auch schon mittendrin im Thema Sanierungen. »Um ein intaktes Ensemble entstehen zu l­assen, ist der schnelle Wurf sicher fehl am Platz«, meint Matt lakonisch. Dabei könnte es doch so einfach sein – allerdings nicht in der naheliegenden Bedeutung des Wortes. Thomas Drexel etwa schreibt im Vorwort seines Buchs »Alte Bauernhäuser neu erleben. Umbauen, sanieren, einrichten« (DVA Verlag): »Das Wesen einer gelungenen Sanierung ist der ­Verzicht (…). In ästhetischer Hinsicht ist die Sanierung alter Bauernhöfe im Grunde recht einfach, denn der ursprüngliche historische Zustand gerade der Fassaden liefert eine perfekte Vorlage für deren architektonisch stimmige Wiederherstellung. (…)

Zum Kauf: 100 Fahrminuten von Wien entfernt befindet sich dieses Anwesen in Wenigzell im Joglland. www.spiegelfeld.eu

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Auf keinen Fall darf in einem alten (Bauern-)Haus zu viel begradigt werden. Böden und Wände sind nicht immer völlig gerade und im Lot, aber dies hat zumeist keine Auswirkungen auf die Standfestigkeit.« Konkret nach Materialien gefragt, die das Altholz perfekt ergänzen, rät er: »Für mich hat jede historisch stimmige Materialkombination ihren Reiz. Ich finde etwa das Nebeneinander von Naturstein-Sichtmauerwerk und Holz-Blockbohlenwänden schön. Sichtbeton sollte vorsichtig eingesetzt werden und nicht als Ersatz für intakte historische Elemente wie Innenwände, sondern zum Beispiel, wenn beim Ausbau von Scheunen als Wohnfläche etwas gänzlich Neues geschaffen werden muss.«
Wer sich die Projekte in Drexels Buch, auf Matts Homepage oder des ein oder anderen Architekturwettbewerbs anschaut, merkt: Ideen für eine moderne Nutzung, insbesondere des Stalls, gibt es zuhauf. So finden sich Beispiele mit Pool oder Trampolinanlage – Letztere mit einem Bad aus Schaumstoffschnitzeln für die weiche Landung.
Eine gute Idee ist auch die Kombination von altem Baubestand und modernen Möbeln – etwa in hellen Farbtönen, als gekonnter Kontrast zum Alt-Holz. Sven Matt bringt eher beiläufig noch eine Überlegung aufs Tapet, die lange nachhallt: »Früher lebten mindestens zwei Generationen unter einem Dach. In puncto Nachverdichtung wäre dies ein wichtiger Aspekt, den wir wieder aufgreifen sollten.«

Altes Bauernhaus gerettet: Sanierung statt Abriss: Heute ist »Käth und Nanei« ein Feriendomizil auf Großschlaggut. www.kaethundnanei.at

© Wolfgang Stadler

Aus Falstaff LIVING 03/2016

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