Mythos 2019: Ein Top-Jahrgang

© Rita Newman

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Kein Punkt wurde in den Gesprächen um den jüngsten Weinjahrgang in Österreich so oft thematisiert wie die Klimakrise ­im Allgemeinen und ihre Effekte auf die Weinkultur im Speziellen. Zuletzt ließ Starwinzer Willi Bründlmayer mit der Aussage aufhorchen, dass es in absehbarer Zukunft wohl für die Nationalsorte Grüner Veltliner im Kamptal schwierig werden könnte und man schon bald das Waldviertel als kühleren, möglichen neuen Standort für Rebberge ins Auge fassen müsse. Und es herrscht kein Zweifel daran, dass man auch in Österreich in diesem Zusammenhang über künftige Auswirkungen des Phänomens nicht nur nachdenken, sondern vorausdenken muss. Die Weinlandschaft der Alpenrepublik wird sich wandeln, neue Rebsorten, die allerorts bereits erprobt werden, werden auch das Geschmacks­bild des heimischen Weins verändern – soviel ist gewiss. Das ist allerdings kein Grund zur Panik, denn das war schon immer so. Vor fünfzig Jahren haben in Österreich die meisten Weine auch völlig anders geschmeckt als heute.

Der Jahrgang 2019 gibt auf jeden Fall Anlass zur Vorfreude und scheint sich in die Serie der »großen« Jahrgänge mit der Zahl neun am Ende einzufügen. Blicken wir zunächst kurz zurück auf den klimatischen Verlauf des Jahres: Obwohl es ein paar Mal knapp war, sind die in jüngeren Jahren immer mehr gefürchteten Spätfröste ausgeblieben. Die Blüte fand rund zwei Wochen später statt als im Vorjahr, was einen normalen Start ins Weinjahr bedeutete. Schon im Juni war es heiß, die Temperaturen kletterten über die 30-Grad-Celsius-Marke. Das führte in der Folge zu Trockenstress. Speziell im Burgenland und im Kremser Raum blieben Niederschläge aus. Die trockene und heiße Witterung war auch der Grund dafür, dass heuer in ganz Österreich sehr gesundes Traubenmaterial zur Verfügung steht, da diese Trockenheit keinerlei Pilzkrankheiten aufkommen ließ.

Die sehr hohen Temperaturen zur Blütezeit führten jedoch in manchen Gebieten und Weingärten zu einer Verrieselung der Trauben und damit zu einer Mengenreduktion. Gegen Ende Juli aufkommende, teils heftige Niederschläge sorgten im Weinbau für Entwarnung bei der Wasserversorgung, allerdings waren regional Hagelschäden zu verzeichnen. Der Sommer verlief sehr warm, aber ohne extreme Temperaturspitzen. Die Ernte begann zwar etwas früher als gewohnt, aber mit perfekt gereiften Trauben, deren Beeren aufgrund des heißen Frühsommers kleiner waren und sehr gute Zucker-, aber auch Säurekonzentrationen aufwiesen. Das ausgezeichnete Lesewetter erlaubte es den Winzern, den Zeitpunkt à la carte zu wählen. Erst um den Nationalfeiertag Ende Oktober war der wirklich prächtige Altweibersommer zu Ende, und feuchtkaltes Wetter setzte ein.

Besser hätten Spätsommer und Herbst kaum verlaufen können. Die Erntemenge wird nach ersten Einschätzungen bei 2,4 Millionen Hektolitern liegen, was einer Normalernte entspricht. 2019 brachte in allen Regionen Österreichs sehr gesundes und vollreifes Traubenmaterial, erwartet werden Weine mit sortentypischer Aromatik und Komplexität, aber dank der gut konservierten Säure auch mit Rückgrat, Frische und Finesse.

Roman Horvath, MW, Chef der Domäne Wachau, spricht vom besten Jahrgang in seiner Ära: »Wir rechnen mit präzisen Weinen mit viel Struktur, dichter Textur und Extrakt, rassiger Säure, Langlebigkeit und einem moderateren Alkoholgehalt als in den letzten Jahren.« Er ortet bei 2019 kaum Schwächen. »Nur beim Riesling sorgte der Nebel in der zweiten Oktoberhälfte für Botrytisdruck, aber da war das Gros der Trauben längst geerntet.« Philipp Grassl, sonst eher sparsam mit dem Austeilen von Superlativen, spricht von einem großen Jahrgang: »Wir waren alle überrascht, dass bei perfekter Reife die Säurewerte sowohl bei Weiß als auch bei Rot unglaublich stabil waren. Einbußen brachte nur die warme Blütezeit bei Chardonnay und besonders beim Blau­fränkisch.« Andi Kollwentz aus Großhöflein ist speziell von den Rotweinen begeistert, freut sich über grandiose Zweigelt, Blaufränkisch und Cabernet Sauvignon. Auch er unterstreicht die Bedeutung der tollen Struktur der Weine. »Höchste Reife bei tollen Säurewerten bedeutet nicht nur erstklassige Qualität, sondern auch langlebige Weine.«

Auch Christoph Neumeister aus dem Vulkanland erwartet dank vollreifer Trauben und guter Säure einen grandiosen Jahrgang 2019. Der Südsteirer Armin Tement, der generell nicht zur Übertreibung neigt, ist bestimmter, wenn er meint: »2019 ist ein subtiler und finessenreicher Jahrgang, der mit komplexen und ausdruckskräftigen Weinen in die steirische Weingeschichte ­eingehen wird.«

Es ist also angerichtet in Österreichs Weinkellern, und schon bei den ersten Jungweinverkostungen im Frühjahr wird sich zeigen, ob die heimischen Spitzenwinzer die Zeichen richtig interpretiert haben. Und diese stehen natürlich eindeutig in Richtung »2019, ein Jahrhundertjahrgang«. Vielleicht diesmal wirklich.

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Falstaff Nr. 08/2019
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