Mid-Century Modern

Im Hotel »G-Rough« in Rom trifft die Moderne auf die Atmosphäre eines Palazzos aus dem 17. Jahrhundert.

© g-rough.com

Im Hotel »G-Rough« in Rom trifft die Moderne auf die Atmosphäre eines Palazzos aus dem 17. Jahrhundert.

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Wände, die atmen: Drei Jahrhunderte alt sind die Mauern des Hauses an der Piazza Navona in Rom. Das Alter kann und darf man ihnen ansehen, denn sie wurden nach Entfernung der Tapeten in aller Rauheit belassen. Kein Zweifel: Das Hotel »G-Rough« in Rom wird seinem Namen gerecht. Doch die Hingucker sind hier nicht die Wände, sondern die Möbel. Ausgewählte Einzelstücke aus den 30er- bis 50er-Jahren von italienischen Designern wie Ico Parisi, Giò Ponti, Venini und Seguso bringen das 20. Jahrhundert ins Spiel. Eine Mischung aus Patina und zukunftsoptimistischer Entwurfslust, die erstaunlich gut funktioniert. Natürlich ist auch jedes der luxuriös dimensionierten Zimmer und Apartments nach einem namhaften Designer benannt.

Die Pan-Am-Jet-Set-Ära hat den ganzen Globus erfasst. Selbst abseits der Metropolen setzt man auf den zeitlosen Chic dieser Epoche.

Einen ähnlichen Zugang zu den Design-Ikonen des 20. Jahrhunderts verfolgt man beim Hotel »The Qvest« in Köln. Hier ist es ein neogotischer Bau aus dem Jahr 1867, der den atmosphärischen Rahmen abgibt. Ausgestattet ist das Hotel zu großen Teilen mit der Sammlung des Verlegers Michael Kaune, schließlich ist das »The Qvest« sozusagen ein Ableger des gleichnamigen Magazins, zu kaufen gibt es die modernen Klassiker im ebenfalls gleichnamigen Shop. Prominent im Foyer platziert: Die Barcelona Chairs von Mies van der Rohe standen früher in der deutschen Botschaft in London. Weiters vertreten: der Lounge Chair von Charles Eames, die Stahlrohrsessel von Tecta und Wagenfeld-Lampen, die den fast zeitlosen Kanon des mittleren 20. Jahrhunderts einläuten.

Jedes Zimmer im »G-Rough« ist nach einem italienischen Designer benannt und mit exakt aufeinander abgestimmten Einzelstücken möbliert.

© g-rough.com

Was steckt dahinter?

Mid-Century Modern, so der weltläufig-offizielle Begriff, hält die Spitzenposition unter den Design-Trends. Und das weltweit, wie sich anhand eines Gebäudes feststellen lässt, das in ganz anderem Zusammenhang weltberühmt ist, nämlich als Ort eines legendären Verbrechens, eines diskreten Einbruchs, der die Weltgeschichte veränderte. Genau: Das ­Hotel »The Watergate« in Washington, das 1972 zum Synonym für Politskandale an sich wurde. Nur selten wird dabei erwähnt, dass es sich beim berüchtigten Hotel auch um ein architektonisches Highlight handelt. 
Entworfen wurde es 1961 vom Italiener ­Luigi Moretti, der dem massigen Komplex mit horizontalen Schwüngen eine elegante Leichtigkeit verlieh. Nach mehrjähriger Schließung wurde das Hotel am Potomac River 2015 wieder im ­alten Glanz eröffnet und stellt sich mit Stolz der eigenen Geschichte: Nicht nur mit ­augenzwinkernden Verweisen auf Richard Nixon, sondern vor allem als Fest des Mid-Century Modern Designs.

In den kurvigen Polstern des Hotels »The Watergate« in Washington lässt sich ungestört über Politik- und Design-Geschichte sinnieren.

© thewatergatehotel.com


Der Brite Ron Arad frischte das Interieur respektvoll auf und hielt sich dabei ganz an die coole Farbpalette und die sinnlichen Kurven des originalen Moretti-Designs. Das Spiel mit den Sixties beschränkt sich nicht nur auf die Möbel: Die Uniformen der Angestellten wurden von Mad-Men-Designerin Janie Bryant entworfen. 

Kein Zufall: Nicht zu Unrecht wird es der TV-Serie zugeschrieben, einen beträchtlichen Beitrag zum Revival des Mid-Century Modern Styles geleistet zu haben. Ach, damals durfte man noch überall rauchen, sich Martinis einschenken und damit auf kantigen, aber erstaunlich bequemen Chaiselongues posieren. Es dauerte nicht lang, bis findige Hote­liers sich der lukrativen Bedeutung dieses Revivals bewusst wurden. Sicher, manche von ihnen glaubten, es genüge, moderne Möbel zusammen-zukaufen und irgendwie in einen Raum zu stellen, doch die guten – und das »The Watergate« ist eins von ihnen – schaffen es, die spezielle Eleganz der Moderne wiederauferstehen zu lassen und ihr neues Leben einzuhauchen. Das Geheimnis des Erfolgs liegt, wie so oft, im Blick fürs Detail. 

Ausgesuchte Design-Klassiker wie der Plastic Chair von Charles Eames bekommen im neogotischen Gemäuer des Hotels »The Qvest« in Köln viel Platz zum Entfalten.

© qvest-hotel.com

Globaler Trend

Passend zum kosmopolitischen Flair der Pan-Am-Jet-Set-Ära hat der Trend den ganzen Globus erfasst. Das »Le Méridien Étoile« in Paris setzt seit der Neugestaltung 2016 ganz auf »zeitlosen Chic« und die Farb- und Materialwelt der 40er- und 50er- Jahre. Dazu braucht es keine der inzwischen ohnehin sündhaft teuren Originalmöbel, es genügt schon eine sorgfältig abgestimmte Farbpalette aus Weiß, kühlen Blautönen in Polstern und Wänden und warmen Braun­tönen in Walnuss und Eiche. 

Das »Le Meridien Étoile« in Paris zelebriert die organische Wärme von Walnuss und Eiche und rahmt sie mit kühlen Blautönen und distinguiertem Grau.

© lemeridienetoile.com

Einen beträchtlichen Beitrag zum Revival des Mid-Century Modern Styles hat die TV-Serie »Mad Men« geleistet. Gute Hotels und Innenarchitekten schaffen es, die spezielle Eleganz der Moderne wiederauferstehen zu lassen.

Doch es sind nicht nur die Hotels der Me­tropolen, die dem internationalen Stil verfallen sind. In der Luxusherberge »Il Sereno« am Ufer des Comer Sees lassen sich alpine Berghänge von eindeutig unrustikalen Sitzgelegenheiten aus betrachten. Konzipiert und eingerichtet wurde das Hotel von Designer-Ikone Patricia Urquiola, die für sämtliche Designhäuser Einzelstücke und Räume entworfen hat und sich hier auf sechs Geschossen austoben durfte.

Die Treppe im »Il Sereno« am Lago di Como sitzt mit hölzerner Gewichtigkeit inmitten eines filigranen Stabwerks aus Kupfer und Aluminium.

© serenohotels.com

Pardon, von Tobsucht kann natürlich keine Rede sein, auch hier herrschen, ganz im Sinne der modernen Vorbilder, klare Formen und gedeckte Farben. Materialien wie Terrazzo und Walnuss atmen unaufgeregte Wertigkeit, nur wohldosierte kleine Extravaganzen wirbeln die Dezenz diskret durcheinander.

Kalifornische Träume im »The Lautner«: Eine Dosis Hollywood durchweht das 1957 für einen Filmproduzenten entworfene Haus und Micro-Resort in Desert Hot Springs.

© thelautner.com

Wem das reine Mobiliar nicht zur Erfüllung seiner Don-Draper-Träume ausreicht, der sollte sich auf eine Reise nach Desert Hot Springs begeben. Dort wartet ein hundertprozentiges Original: Das »Micro-Resort« (Eigenbezeichnung) wurde 1957 vom Gottvater des architektonischen James-Bond-Flairs, ­John Lautner, für einen Hollywood-Produzenten entworfen und heißt, natürlich, »The Lautner«. Hier, in der trockenen kalifornischen Wüste, hat sich die Zeitlosigkeit des Designs ideal konserviert. Darauf einen Martini.

ERSCHIENEN IN

LIVING Nr. 04/2017
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