Mensch & Maschine: Kuratorin Amelie Klein im Interview

Spider-Woman: Das »Spider Dress 2.0« registriert sich nähernde Personen und fährt zur Not die Stacheln aus.

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Spider-Woman: Das »Spider Dress 2.0« registriert sich nähernde Personen und fährt zur Not die Stacheln aus.

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In Industriehallen und beim Militär hat Freund Roboter längst seinen fixen Platz. Auf diesen Feldern, die den Alltag einer sinkenden Zahl von Menschen berühren, gilt er als Helfer, auf den bei lästigen Einsätzen Verlass ist. Seit er sich aber aufgemacht hat, unsere Lebensgewohnheiten zu regulieren, und sich damit auch als persönlicher Dienstleister einen Namen machen will, gilt er vielen als Bedrohung. Diesen »paradoxen Diskurs um das Thema – nämlich totale Begeisterung, alle Probleme werden gelöst, ›Danke, Roboter!‹, oder ›Weltuntergang, wir haben ausgedient, wir sind verdammt in alle Ewigkeit!‹« – nahmen Amelie Klein, Kuratorin im Vitra Design Museum, und Thomas Geisler, bis vergangenen Herbst Design-Kurator im MAK, zum Anlass, gemeinsam eine Ausstellung über die Interaktion zwischen Mensch und Maschine zu konzipieren: »Hello, Robot«.* Im Talk mit LIVING plauderte Amelie Klein freimütig aus, dass angesichts der wachsenden Automatisierung natürlich auch ihnen Unsicherheiten nicht erspart blieben.

Hightech-Pavillon im Vitra Design Museum

Hightech-Pavillon im Vitra Design Museum: Der »Elytra Filament Pavilion« aus Karbonfaser wurde von einem Roboter hergestellt. Roboter »YuMi« (links) ermöglicht das Teamwork zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz.

© Naaro

Living: Ist nicht die große Herausforderung bei einem Thema wie dem Mensch-Maschinen-Diskurs, dass sich die gesellschaftlichen und technischen Sichtweisen darauf sehr rasch ändern können?

Amelie Klein: Das war im Vorfeld eines unserer wichtigsten Bedenken: Wie gehen wir mit dem Thema um, ohne bei der Ausstellungseröffnung bereits »stinkert« zu sein – geschweige denn nach fünf Jahren, denn so lange läuft diese Wanderausstellung. Der Kniff, mit dem wir darauf reagiert haben, war die Ausarbeitung von 14 Fragen, die jeder Besucher auch für sich beantworten kann. »Hello, Robot« ist die Geschichte einer Annäherung. Es geht darum, wie wir Menschen im Allgemeinen diese Robotik definieren und damit umgehen wollen. Womit wir beim Thema Design wären. Denn Design ist immer das, was scheinbar Unüberbrückbares überbrückt.

Was meinen Sie genau mit Unüberbrückbares überbrücken? 

Design steht zwischen Mensch und Maschine. Es ist die graue Schnittmenge, die Dinge zusammenbringt, die eigentlich nicht­ zusammenpassen. Ein gutes Beispiel für diese Überbrückung von Scheindifferenzen wäre etwa eine robotische Lampe. So eine Lampe besticht nicht unbedingt durch ihre schöne Form oder ihre Funktion, sondern vor allem durch ihre Interaktivtät. Die Lampe weiß, wann ich nach Hause komme, weil mein Smartphone ihr das meldet. Sie weiß: Als Erstes gehe ich ins Vorzimmer, hänge meinen Mantel auf, dann gehe ich in die Küche und mache mir einen Tee. Dort brauche ich viel Licht, damit ich mir nicht das heiße Wasser über die Hand schütte. Dann setze ich mich aufs Sofa und trinke bei gedimmtem Licht meine Tasse Tee. Das ist die Art und Weise, wie die Lampe und ich interagieren. Sie hat meine Gewohnheiten studiert, und so bauen wir eine Beziehung auf. 

Kuratorin Amelie Klein im Gespräch mit LIVING-Autorin Michaela Ernst.
Kuratorin Amelie Klein im Gespräch mit LIVING-Autorin Michaela Ernst. 

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Klingt fast so, als ob Sie schon Ihre Erfahrungen gesammelt hätten?

Nicht ich, aber mein Chef, Mateo Kries. Er hat seiner Tochter zu Weihnachten einen Hunde-Roboter gekauft, und dieses Ding hat ab dem Moment, wo er es aus dem Regal im Kaufhaus genommen hat, angefangen, mit dem Schwanz zu wedeln, und nicht mehr aufgehört, bis er daheim angekommen ist.
Er musste den Hund aus der Verpackung nehmen, um ihn auszuschalten. Warum aber macht der Roboter-Hund das? – Um eine Beziehung herzustellen. Es geht letztlich
auch ums Design von Interaktion. 

Wie setzen Sie das in der Schau um? 

Wir haben »Kip«. Er ist ein kleiner Roboter, und je nachdem, wie man mit ihm redet, reckt er das Köpfchen – das ist ein Papierlampenschirm. Schreit man ihn an, macht er sich ganz klein und beginnt zu zittern. Dieses »Stop being mean to the lamp« funktioniert großartig. Allein dieses Sich-Kleinmachen, Sich-Ducken ist so etwas zutiefst Menschliches, dass die Besucher sich sofort mit dieser Lampe identifizieren, die nicht einmal ein Gesicht hat. Das ist schon sehr spannend. 

Das ist wahrscheinlich das beliebteste Ausstellungsobjekt, oder? 

Ja, alle lieben »Kip«, und jeder schreit ihn an – nach 800 Mal Angebrülltwerden ist der arme Kerl gleich am ersten Ausstellungstag eingegangen. Er ist ein Prototyp, hat keinen Stellvertreter, aber wir haben ihn wieder aufgepäppelt. Es gibt auch »Paro«, das ist diese Roboter-Robbe, die bereits in der Altenpflege eingesetzt wird. Sie macht lustige Geräusche und fiept und hat genau die Proportionen von einem Neugeborenen. »Paro« ist ganz bewusst nicht wie ein geläufiges Haustier designt, damit die älteren Patienten nicht die Möglichkeit haben zu vergleichen und zu sagen: Meine Minki war aber viel besser.  

»Letztlich haben wir es mit Ideologie zu tun und weniger mit Technologie – Technologie ist immer nur das Spiegelbild der Menschen, die dahinter stehen.« 
Amelie Klein, Vitra Design Museum

Trauen Sie selbst eigentlich Robotern?

Mit der Maschine selbst habe ich kein Problem. Das, wovor ich mich viel mehr fürchte, ist die Durchdringung unserer physischen Umwelt mit Sensoren. Letztlich haben wir es mit Ideologie zu tun und weniger mit Technologie – Technologie ist immer nur das Spiegelbild der Menschen, die dahinter stehen. Es gibt da ein spekulatives Projekt in Schanghai mit selbstfahrenden Autos. Es heißt ja, sie wären sicherer als wir unzuverlässigen Menschen, aber auch ein selbstfahrendes Auto kann in einen ethischen Konflikt kommen. Also kommt es auf den Code an, nach dem es programmiert wurde. Es kann ein Auto sein, das nach humanistischen Kriterien entscheidet: Kinder, Mütter, alte Menschen gehen vor. Die zweite Entscheidungsvariante sind die Kosten: Was kommt am günstigsten? Die dritte: Was ist der maximale Schutz für den Fahrer? Schickt man diese drei Autos in Unfallszenarien, kann man sich vorstellen, wie es ausgeht. Es geht also immer um Ideologien.  

Von der Ideologie ist es nur ein kurzer Weg zur Philosophie, von der Philosophie ein noch kürzerer zum Design …

Genau. Es ist eine politische Entscheidung, ob ein Designer zu einem Unternehmen geht, wo auf Transparency Wert gelegt wird. Denn während wir immer noch auf den Roboter warten, der uns umarmt oder erschießt, je nachdem, wie er drauf ist, verlieren wir völlig aus den Augen, dass unsere physische Umwelt immer autonomer wird. Wenn mein Kühlschrank eines Tages mit seinem Energieversorger redet und aus Kostengründen Atomenergie bucht, ohne dass ich es mitbekomme, hat das Diskussionsbedarf. Das wollen wir mit unserer Ausstellung erreichen. 

Mehr Impressionen finden Sie in der Bilderstrecke:

* Die Ausstellung »Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine« ist ab 21. Juni im Wiener MAK zu sehen.

Aus dem Living Magazin 02/2017. 

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