Lotte Tobisch im Talk: »Als ich Bruno Kreisky beim Würstelstand erwischte«

93 Jahre Erfahrung, Esprit und Lebensweisheit: Lotte Tobisch im Gespräch mit Severin Corti

© G. Wasserbauer

93 Jahre Erfahrung, Esprit und Lebensweisheit: Lotte Tobisch im Gespräch mit Severin Corti

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Falstaff Sind fade Esser auch fade Liebhaber? Oder kann man auch jeden Tag Frittatensuppe und Schnitzel essen und dennoch ein interessanterer Liebhaber sein als jemand, der sich auf Austern, Innereien und rohen Fisch versteht?

LOTTE TOBISCH Da bin ich leider eine denkbar schlechte Auskunftgeberin, weil ich zeit meines Lebens nie viele Liebhaber hatte – was wohlgemerkt kein Verdienst per se ist, es hat sich bloß nie so ergeben. Was hingegen eine große Rolle in meinem Leben gespielt hat, ist Liebe, Zuneigung, Freundschaft. Ob Teddie (Theodor W., Anm.) Adorno, der Dichter und Philosoph Günther Anders oder der große Kabbalistiker und Religionshistoriker Gershom Scholem: Alle waren Männer, zu denen ich eine tiefe, innige Verbindung hatte, aber in dem Sinn war da nie etwas. So geliebt hab’ ich nur einen ... Konrad Buschbeck, den großen Dramaturgen am Burgtheater ... und die Liebe meines Lebens, der gestorben ist, als ich 34 Jahre alt war. Aber eines hatten diese großen Männer alle gemein, die bei Gott vom Luxus des Lebens gekostet hatten: Ob Kaviar oder Schinkenfleckerln, gut musste es sein! Das war ihnen schon wichtig, viel wichtiger, als dass es nobel zuging. Glauben Sie mir: Die haben sofort gemerkt, ob etwas wirklich gut war. Und, in Wahrheit noch wichtiger: Ob es mit Liebe, mit Achtsamkeit zubereitet war.

Was waren das für Menüs, mit denen Sie diese weltberühmten Denker eingekocht haben?

Na das isses ja, ich hab’ ein Standardmenü gehabt, mehr oder weniger immer dasselbe, aber immer mit wahrer Liebe gekocht. Das waren ganz besondere, überbackene Schinkenfleckerln mit Salat und, ganz wichtig, Schnittlauch drauf. Wenn einer ein ganz besonders gläubiger Jude war, dann hat er dasselbe bekommen, nur halt als Krautfleckerln. Aber mit Sauerkraut, nicht mit Süßkraut. Und ich habe eine Erfahrung gemacht: Gerade diese Leute, die es gewöhnt sind, in den nobelsten Häusern abzusteigen und von einem »Special Cocktail« zum nächsten weitergereicht zu werden, dass gerade solche Leute unglaublich dankbar sind, wenn sie einmal ein gutes, ein einfaches Essen bekommen.

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Heißt das, dass Sie auch eher für die einfachen, bodenständigen Freuden waren?

Schauen Sie, Hummer, Austern, Luxusessen im Allgemeinen: Das ist natürlich etwas sehr Schönes. Aber wenn das – so wie in unseren Zeiten, in unserem Glück und Wohlstand – zu etwas wird, das ganz und gar gängig geworden ist, dann verliert es irgendwann auch seinen Zauber.

Wann darf man sich einladen lassen? Wie spürt man, ob der andere meint, sich deshalb etwas erwarten zu dürfen?

Ach, was ist das für ein Quatsch! Natürlich darf man sich einladen lassen, wenn man etwas zu besprechen hat, ob beim Würstelstand oder im »Sacher«! Es ist doch lächerlich zu glauben, dass eine Einladung zum Essen jemanden korrumpiert! Wenn man so wenig Format hat, dass man sich von einem guten Essen in seinem Tun bestimmen lässt, dann ist man ohnehin verloren – und wird auf anderen Wegen dazu gebracht, das Falsche zu tun!

Das war ein Plädoyer gegen moderne Compliance-Regeln im Geschäftsleben. Ich wollte eher auf private Treffen hinaus, die plötzlich zum intimen Tête-à-Tête zu werden drohen.

Na, nix schöner als das, wenn sich zwei finden! Aber bei unerwünschten Avancen hab’ ich nie ein Problem gehabt, meine Grenzen aufzuzeigen. Bittschön: Ich hab’ mich immer nur von denen in den Popo zwicken lassen, bei denen ich das auch wollte! Und ich hab’ nie ein Problem gehabt, einem, der mich mit schwülem Blick verführen wollte, einen Korb zu geben: »Nein, da hab’ ich schon etwas vor, außerdem klingt das nach einem langweiligen Abend, danke.«

Kitsch wie diesen lässt Lotte Tobisch regelmäßig für das von ihr betreute Künstler-Altersheim in Baden versteigern.
Kitsch wie diesen lässt Lotte Tobisch regelmäßig für das von ihr betreute Künstler-Altersheim in Baden versteigern.

© G. Wasserbauer

Sind gute Manieren ein Zeichen von Snobismus oder sind sie demokratisch?

Sie sind natürlich demokratisch, weil jeder sie erlernen kann. Aber es ist dramatisch, wie wenig die Jungen heute einen gepflegten Umgang lernen. Dabei wäre das so wichtig: Wer sich in Gesellschaft sicher bewegt, hat unglaubliche Vorteile, das müsste in den Schulen gelehrt werden.

Womit wir bei den Tischmanieren sind: Was ist schlimmer – mit offenem Mund kauen oder beim Essen den Arm nicht heben?

Mit offenem Mund kauen, das ist einfach grauslich. Das andere ist bloß Faulheit.

Gibt’s Männer, bei denen die Tischmanieren wurscht waren?

Na sicher, wenn die Wahl zwischen einem feinen Abend mit faden Leuten oder einem spannenden Menschen ohne Kinderstube war, hab’ ich mich immer für Letzteres entschieden!

Beim Warten auf den ersten Gang schon das Brotkörberl aufessen – ein Zeichen für mangelnde Disziplin oder einfach nur großen Appetit?

No, im Zweifel Hunger, oder? Lieber so, als wenn einer verkrampft da sitzt und nicht er selber ist, weil er gern würde, aber nicht kann.

Ist es peinlich, wenn man nicht mit Stäbchen essen kann?

Aber geh, ich kann es bis heute nicht! Ich versuch’ es jedes Mal und irgendwie geht es eh, aber besonders schön ist es nicht anzuschauen.

Spaghettidrehen auf dem Löffel?

No, jeder wie er meint. Wer Italien so liebt wie ich, kann das natürlich ohne, aber es ist doch kein Grund, auf jemand herunterzuschauen.

Beim Zahnstochern die andere Hand vorhalten?

Das hilft natürlich nicht. Aber in Wahrheit sollte man einfach das Zahnstochern an sich vermeiden, bitte gar schön.

Beim Suppelöffeln den Teller heben?

Ah, das darf man auch nicht? Darüber hab’ ich mir noch nie den Kopf zerbrochen.

Was denken Sie, wenn jemand immer nur halb aufisst und den Rest zurückgehen lässt?

Das mag ich nicht, da meldet sich das Gewissen. Besser, man sagt dem Ober: »Bitte eine Kinderportion«. Wenn jemand glaubt, es sei fein, wenn er die Hälfte stehen lässt: Da ist er im Irrtum.

Die Vitrine mit Meißner Porzellan im Hinter-, die Lebensfreude im  Vordergrund: »Mit Stäbchen essen kann ich auch nicht – na und?«
Die Vitrine mit Meißner Porzellan im Hinter-, die Lebensfreude im  Vordergrund: »Mit Stäbchen essen kann ich auch nicht – na und?«

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Der Sommelier bringt die Flasche. Ist es in Ordnung, dass er automatisch nur den Mann probieren lässt?

Da sind sie bei mir an der falschen Adresse, ich trinke fast keinen Wein. Wenn dann Schnaps! Aber ich weiß schon, worauf Sie hinauswollen: Natürlich kann man sagen, es sei ein bissl präpotent, dass automatisch der Mann kosten darf. Wenn es ihm schmeckt, dann hat es der Frau gefälligst auch zu schmecken. Aber ich sage Ihnen ehrlich: Ich habe nichts dagegen, dass ein Mann, der sich bei Wein auskennt, den vorher probiert – ich kenn mich nämlich nicht aus, Punkt.

Gibt es ein würdevolles Essen mit den Fingern?

Aber ja, weiß Gott, in Indien oder auch in Äthiopien wird mit großer Eleganz mit den Fingern gegessen. Das ist eine ganz eigene Kunst, bei der unsereins kläglich scheitert.

Und den Hendlbiegel?

Na sicher doch, das durfte man in Wien sogar bei Hof! Man macht sich ja zum Affen, wenn man so einem Hühnerbein mit Messer und Gabel zu Leibe rücken will! Genauso wie bei Würsteln.

Da gibt es eine schöne Geschichte mit Bundeskanzler Kreisky...

Oh ja! Ich war ja dafür verantwortlich, dass Kreisky einst einen schneeweißen Boxer mit blauen Augen als Hund gehabt hat. Der war bei einem Wurf von meinem Boxer Dagobert dabei. Die Marietta Torberg (Ehefrau Friedrich Torbergs, Anm.) hat mich gefragt, ob ich ihn Kreisky nicht zeigen möchte, weil einer seiner zwei Boxer gestorben war. Also bin ich mit den Hunden in die Armbrustergasse. Kreisky hat sich in den Hund verliebt, das Frühstück dort aber werde ich nie vergessen: Kreisky musste sich auf Anraten der Ärzte gesund ernähren, also gab es geraspelte Karotten und Zeller, Vollkornbrot und so gesundes Zeug – Schinken durften nur die Hunde essen. Ich bin dann mit meinem Hund noch ein bissl spazieren gewesen. Am Heimweg fahr ich an der Volksoper vorbei – und wen seh’ ich beim Würstelstand: den Kreisky, schuldbewusst und quasi inkognito, mit einer dicken Wurst in der Hand! Er hat das aber, wie immer, sehr elegant gemacht.

Exklusiv: Das Rezept für LuxusSchinkenfleckerln, mit dem Tobisch reihenweise Prominente einkochte.

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