Londons heißeste Gourmet­adresse ist ein Phänomen, das aus dem Nichts kommt. Das ­»Dabbous« liegt in einer düsteren Straße im Stadtteil Fitzrovia, einst befand sich hier das »Cyberia«, Britanniens erstes Internetcafé. Ollie Dabbous, noch keine dreißig, hat gerade so viel wie unbedingt nötig in den Umbau investiert und vor ein paar Wochen eröffnet. Dass dieses Lokal ein echter Knüller werden würde, hätte niemand erwartet. Und dann das: Sämtliche Restaurantkritiker überschütteten Dabbous mit grenzenlosem Lob und Höchstwertungen. Das Resultat: Für Lunches werden im Juli wieder Reservierungen an­genommen, die nächsten freien Tische für abends gibt’s im September. Dabbous hat seine Karriere mit Sorgfalt ­geplant: Unter anderem hat er im »Mugaritz« in San Sebastián gearbeitet, bei Pierre ­Gagnaire in ­Paris und im »Noma« in ­Kopenhagen. ­Zuletzt war er Küchenchef im Londoner »Texture«.

Eine Stadt putzt sich heraus
Ollie Dabbous zählt zu jener Spezies von Köchen, die mehr im kleinen Finger haben als andere im Kopf, wenn es darum geht, wie man Spannung auf den Teller bringt.

Ausgebucht: Das »Dabbous« ist der neue Star der Restaurantszene
Ausgebucht: Das »Dabbous« ist der neue Star der Restaurantszene

Sein »coddled hen egg« besteht aus bei Niedertemperatur gegartem Dotter, vermischt mit Waldpilzen und geräucherter Butter. Gran­dios schmecken die winzigen Jersey-Royal-Kartoffeln in warmer Buttermilch und vor allem der gegrillte Seeteufel mit jodiertem Sauerrahm, Roter Bete und Wasserkresse. Die Gänge sind klein und bezahlbar. Das »Dabbous« ist nur eines von vielen ­Beispielen, wie Londoner Gastronomen auf die Rezession reagieren. Für das diamantene Thronjubiläum der Queen im Juni und vor allem für die Olympischen Spiele im Sommer putzt sich die Stadt zwar heraus wie nie ­zuvor, doch die Einwohner können sie sich immer weniger leisten. Pläne für neue Luxusres­taurants sind derzeit nicht aktuell, investiert wird in die Mittelklasse mit Pep und vor allem in alternative Geschäftsmodelle.

Warten im Pub statt Reservierung
Der neueste Trick vieler junger Wirte zur Steigerung der Nachfrage ist die »no reservations policy«. Wer nicht reservieren kann, kommt früher am Abend, um sich

Im »10 Greek Street« in Soho kann man für abends nicht reservieren
Im »10 Greek Street« in Soho kann man für abends nicht reservieren

einen Tisch zu ­sichern. Wer später kommt, hat entweder Glück oder wird auf ein Bier in den nächsten Pub geschickt und dann vom Rezeptionisten angerufen. So bleibt kein Tisch leer, und man kann sich die Mieten auch in den guten Lagen von Soho leisten. Für die Gäste wird die Sache zwar etwas mühsamer, doch die exzellente Küche der jüngsten Exem­plare dieses Lokaltyps in Soho macht die Anstrengung wett. Besonders angesagt ist Number 10. Nein, nicht in der abgeriegelten Downing Street, sondern in der ungleich lebendigeren Greek Street. Im »10 Greek Street« darf man immerhin für mittags reservieren, am Abend wird man zum Warten gern in den Pub »The Pillar of Hercules« nebenan geschickt. Das Lokal punktet mit stilsicherer Küche, in erster Linie mit Fleisch. Perlhuhn, Wildschwein und Co. stammen ausnahmslos aus englischen Landen und werden schnörkellos und mit spannenden Aromen zubereitet. Die Weinkarte zählt zu den günstigsten der Stadt. Kein Wunder, dass die Wartezeit schon mal einige Pints lang dauern kann.

Kulinarik und Luxus im viktorianischen Palais
Dass der Osten das kulinarische Neuland der Stadt ist, belegt ein prominenter

Das Coronthia ist das luxuriöseste neue Hotel der Stadt
Das Coronthia ist das luxuriöseste neue Hotel der Stadt

Zugang aus Paris. Der legendäre Maître Fromager Androuet machte gerade am Old Spitalfields Market einen Laden mit angeschlossenem Restaurant auf. Dort kann man nun beispielsweise in einem superben Fondue aus altem Comté und Emmentaler stochern. Während in der Gastronomie derzeit also eher kleine bis mittlere Brötchen gebacken werden, herrscht in der Hotellerie seit 2011 ein vorolympischer Goldrausch. Die alteingesessenen Platzhirsche wie das stets auf vordersten Plätzen gelistete Claridge’s oder das generalsanierte Savoy bekamen Ende 2011 mit dem Corinthia London einen ­gewichtigen Mitspieler. Unweit des Regierungsviertels und der Themse investierte die maltesische Familie Pisani immerhin 300 Millionen Pfund in ein viktorianisches Palais, das 1885 als Hotel Métropole errichtet und ab dem Zweiten Weltkrieg von der Admiralität genutzt wurde.

Im feinen »Northall« kommen englische Klassiker auf den Teller
Im feinen »Northall« kommen englische Klassiker auf den Teller

Selten wurde in einem neu eröffneten Hotel Luxus bis ins kleinste Detail derart durchgeplant wie hier. Das Inte­rieur entwickelten die renommierten Architekten »GA Design International«, Calacatta und schwarzer italienischer Marmor wurden im Überfluss verwendet, und die Lobby-Lounge erhellt der weltweit größte Kronleuchter von Baccarat, bestehend aus tausend weißen Glaskugeln und einer roten. Das Spa von ESPA erstreckt sich über vier Stockwerke, die eben eröffneten Penthouse-Suiten mit riesigen Terrassen sind einzigartig in der Stadt. Im britischen Restaurant »The Northall« oder im italienischen »Massimo« speist man vorzüglich in einem Interieur von ­seltener Pracht.

Peppig und stylisch logieren in Soho
Auf eine ganz andere Klientel zielt die US-Hotelkette W mit ihrem neuen Haus in Soho ab. Der zehnstöckige Glaskorpus

Im neuen Hotel W am Leicester Sqaure steigt die junge, schicke Szene ab
Im neuen Hotel W am Leicester Sqaure steigt die junge, schicke Szene ab

dominiert den Leicester Square und zieht jene an, die gern ohne das klassische Brimborium inmitten des lebendigsten Viertels der Stadt nächtigen wollen. In den peppig gestylten Zimmern ist ein Mittelblock gleichzeitig Wasch- und Schreibtisch. Wer Kontemplation sucht, ist im falschen Haus – im Club »Wyld« mit seiner riesigen Discokugel dröhnt die Musik bis zum Morgengrauen. Zuvor speist man im »Spice Market« Jean-Georges Vongerichtens südostasiatische Straßenküche. In den Docks eröffnete rechtzeitig vor Olympia ein Schwesterhotel des W: Das Aloft liegt in unmittelbarer Nähe des City Airport und ist direkt an die Spielstätte »Excel« an­geschlossen, wo 143 olympische Bewerbe stattfinden. Die Zimmer sind für ein Mittelklassehotel außergewöhnlich groß. Und die Dockland Light Railway bringt die Gäste in 20 Minuten ins Zentrum. Gäbe es bei Olympia die Disziplin »aufregendste Stadt Europas«, wäre London wohl die sicherste Wette auf Gold.

Eine Liste der Top-Restaurants, Bars und Hotels in London finden Sie hier.


Text von Alexander Bachl

Den vollständigen Artikel mit Informationen zu vielen weiteren Londoner Restaurants und Hotels finden Sie im Falstaff 04/2012.


Aufmacherbild: Brigitte Kreuzwirth / www.pixelio.de




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