Living Salon: Was ist gutes Licht?

Im Artemide Showroom, 1010 Wien: Chieh-shu Tzou, Johannes Jungel-Schmid und Manfred Peckal.

© Lukas Ilgner

Im Artemide Showroom, 1010 Wien: Chieh-shu Tzou, Johannes Jungel-Schmid und Manfred Peckal.

© Lukas Ilgner

LIVING: Morgenlicht, Dämmerung, Abendrot – gibt es eine Lichtstimmung, die Sie persönlich präferieren?

CHIEH-SHU TZOU: Mit Licht werden Stimmungen erzeugt – und die ändern sich. Ein Lieblingslicht kann es daher für mich so nicht geben, das variiert.

MANFRED PECKAL: Für mich sind Licht- und Schattenspiele ganz wichtig, etwa durch am Boden ausgerichtetes Licht mit Decken- oder Bodenleuchten. Im Endeffekt geht es uns Lichtplanern darum, ein gutes Raumgefühl zu erzeugen, Emotionen zu kreieren. Mit Licht kann ich einen Raum verändern, alle anderen Gegenstände wirken nur unterstützend.

JOHANNES JUNGEL-SCHMID: Bei mir ist es das stark gedimmte Halogenlicht, also circa 2200 Kelvin Farbtemperatur – übrigens die gleiche Temperatur, die ein Teelicht oder Lagerfeuer hat, und ein Licht, bei dem wir schlafen können, da es der Körper quasi nicht sieht. Man müsste an dieser Stelle weiter ausholen zur biologischen Uhr des Menschen, die eigentlich aus Millionen biologischer Uhren besteht, denn jedes Organ hat einen anderen Rhythmus. Wir hören aber in unserer modernen Welt nicht darauf, haben tagsüber meist zu wenig Licht, abends zu viel bzw. das falsche. Die Industrie versucht, mit ihren Produkten den Menschen in diesem Biorhythmus zu unterstützen.

Eine professionelle Lichtplanung gewinnt spürbar an Bedeutung. Woher kommt das, und wie gehe ich es für mein Haus oder meine Wohnung an?

TZOU: Beim Haus geht es zuerst einmal um das Tageslicht. Wie positioniere ich mein Haus, will ich mit der Sonne aufwachen oder nicht – und so weiter. Erst danach klärt man die Frage, welche Stimmungen ich erzeugen möchte. Im öffentlichen Bereich oder in der Hotellerie und Gastronomie ist das Thema natürlich noch bedeutender, hier will man Erlebnisse kreieren, die man so zu Hause vermutlich gar nicht einmal haben möchte.

PECKAL: Ich sage mal so: Ab 700.000 Euro Gesamtvolumen, die in Haus oder Wohnung investiert werden, spielt das Licht eine sehr große Rolle. Die Überlegungen sollten Hand in Hand mit der Einrichtung beziehungsweise der Innenarchitektur gehen, die wiederum heute ja oft vom Architekten mitübernommen wird. Die Zeiten, in denen nur die Hülle hingestellt wurde, sind vorbei.

TZOU: Wir arbeiten sehr viel mit Licht – Sie müssen nur an die Visualisierungen denken, die man für Räume erstellt. Das heißt, wir haben natürlich eine Vorstellung, wie Gebäude und Räume ausgeleuchtet sein sollten. Wir versuchen also, eine Stimmung zu kreieren, und arbeiten dann mit Lichtplanern zusammen, die das technisch viel besser umsetzen können als wir selbst.

JUNGEL-SCHMID: Genau diese Stimmungen setzen wir dann in Produkte um. Wir arbeiten prinzipiell unabhängig von Herstellern, wobei natürlich jeder Planer seine Lieblingsprodukte hat, die er aus dem Effeff kennt. Dazu kommen »customized« Leuchtkörper, also spezielle Anfertigungen für einzelne Projekte.

Wie viel muss ich für die Lichtplanung einkalkulieren?

JUNGEL-SCHMID: Bei einem Einfamilienhaus fängt es bei 30.000 Euro an – damit meine ich den Lieferpreis für die Beleuchtung. Plus 3000 bis 5000 für die Planung. Nach oben hin ist das natürlich offen.

PECKAL: Anders formuliert: Gutes Licht fürs Privathaus beginnt bei drei Prozent der Baukosten.

JUNGEL-SCHMID: Durch Licht kann ich mich einfach unterscheiden. Ein spezieller Boden ist natürlich auch etwas Schönes, aber Licht bringt mehr Benefit. Wobei man sagen muss, dass es natürlich um mehrere Lichtszenen geht, die man modellieren kann und sollte, nicht nur um eine einzige statische.

Tzou Lubroth haben ja in der WU-Mensa einen künstlichen Wald auf Glaspaneelen aufgezogen, dessen Licht den natürlichen Tagesverlauf simulieren soll …

TZOU: Das Ganze funktioniert mit einem LED-Band, einer Hintergrundbeleuchtung, und war eine Zusammenarbeit mit dem Künstler Markus Leitsch. Das Spektrum reicht vom kühlen Morgenlicht über die goldene Nachmittagssonne bis zur abgedunkelten Abendstimmung. Im Endeffekt kann die Wand fast mehr, als wir wollten. Denn eines ist auch klar: Je mehr Möglichkeiten die Technik bietet, desto mehr kann man auch »verpfuschen«. Man muss die Leute einschulen, wie sie die Steuerung via Tablet handhaben. Digitales Licht hat so gesehen auch Nachteile …

JUNGEL-SCHMID: Man kann das ja automatisieren beziehungsweise eine eigene Firma für die Steuerung engagieren, so haben wir das beim »Steirereck« gelöst.

PECKAL: Im Idealfall gibt es sechs bis sieben Stimmungen, und die sind vorprogrammiert, ansonsten versteht das am Ende des Tages kaum mehr jemand.

TZOU: Ich kann nur betonen: Das Interface muss verständlich sein, einfach funktionieren.

PECKAL: Die Abstimmung, das Finetuning, ist die große Herausforderung. Im Endeffekt macht das Finetuning den Unterschied, ob der Raum genial oder einfach nur gut aussieht. Leuchten mit intuitiver Software, durch die der Lichtstrom wie in der Natur skaliert werden kann, sind bei Artemide gerade ein großes Thema. Darüber hinaus ist Li-Fi – in Anlehnung an Wi-Fi –, also die Datenübertragung via Licht, ein spannendes Gebiet.

Wo stehen wir heute in Sachen LED?

JUNGEL-SCHMID:  Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem LEDs immer interessanter für den Häuslbauer werden. Zum einen werden sie günstiger und zum anderen gut dimmbar – für die Erzeugung von Lichtstimmungen das Um und Auf. Viele Hersteller haben auch früher schon behauptet, dass ihre Leuchtmittel das können, sie waren dann aber nur bis zehn Prozent dimmbar oder dabei unangenehm laut. Jetzt gibt es eine neue Generation von LEDs, wie zum Beispiel die »DimTone« von Philips.

TZOU: LED ist im Kommen, keine Frage. Noch ist es aber eher Dekoration. Einer Privatperson ist es meist wichtiger, wie der Leuchtkörper aussieht, als die Lichtwirkung an sich. Abgesehen davon kann Licht heute natürlich auch viel mehr als früher. Es geht nicht mehr nur um die Entscheidung, ob 40 oder 60 Watt, Birne reinschrauben, ein- und ausschalten.

PECKAL: Das Bauen wird dafür auch teurer.

LED gehört die Zukunft – darüber sind sich Tzou, Jungel-Schmid und Peckal einig. / © Lukas Ilgner
LED gehört die Zukunft – darüber sind sich Tzou, Jungel-Schmid und Peckal einig.

© Lukas Ilgner

Das Beratungsunternehmen McKinsey prognostiziert, dass 2020 der weltweite LED-Anteil an den Branchenerlösen 60 Prozent ausmachen wird. Stimmen Sie dem zu?

JUNGEL-SCHMID: Nicht erst 2020 …

PECKAL: Artemide entwickelt seit 2010 keine einzige Leuchte mehr, die nicht mit LED funktioniert. Das sagt eigentlich eh schon alles.

Und was ist mit der gehypten OLED-Technologie?

JUNGEL-SCHMID:  Das können Sie sich nicht leisten, OLED macht für einen speziellen Glasplatten-Tisch im High-End-Parfum-Store Sinn, aber nicht für zu Hause. Das OLED-Licht unterstützt auch nicht unseren Biorhythmus.

PECKAL: Meiner Meinung nach wird sich das in der Beleuchtung nicht durchsetzen, OLED macht an anderer Stelle mehr Sinn.

Gibt es ein ideales Licht zum Essen?

JUNGEL-SCHMID: Ja, Halogen-Licht.

PECKAL: Halogen-Licht bei circa 3000 Kelvin oder LED mit einer hohen Farbwiedergabe und dimmbar. In unserem Stammhirn ist seit Anbeginn Feuer als warmes Licht gespeichert, das ist für uns das angenehmste Licht. Schwierig beim Essen ist gefärbtes Licht.

JUNGEL-SCHMID: … Das funktioniert nicht als Raumlicht, sondern nur für Akzente.

Studien besagen, dass gutes Licht den Krankenstand um zwei Tage pro Person und Jahr senken kann und sich die Produktivität um vier Prozent steigern lässt. Aber: Was ist »gutes Licht« im Office-Bereich?

TZOU: Zum Arbeiten ist Tageslicht immer noch am besten.

PECKAL: Genau. An erster Stelle ist hier wieder die Architektur gefragt. Die prioritäre Aufgabe sollte sein »Wohin stelle ich den Tisch?« –und dann erst »Wie beleuchte ich ihn?«.

JUNGEL-SCHMID: Es gibt standardisierte Plätze wie Büros, die nicht zwangsläufig eine Lichtplanung brauchen. Hier gibt es Komplettlösungen der auf diesen Bereich spezialisierten Leuchtenhersteller, mehr brauchen Sie nicht.

PECKAL: Die Arbeitswelten verändern sich, werden flexibler, auch was die Raumaufteilung angeht. Insofern glaube ich schon, dass es Sinn macht, Lichtplanung hinzuzuziehen.

TZOU: Das finde ich so spannend an der Bürowelt. Einige brauchen das Tageslicht, andere wollen, wenn es dunkel wird, das warme Licht. In den neuen großen Offices wird heute oft ein wohnliches Ambiente geschaffen.

JUNGEL-SCHMID: Es geht darum zu verstehen, was einem selbst guttut – und bei der Arbeit vielleicht einfach mal zehn Minuten Pause zu machen und sich eine Lichtdusche im Freien zu holen.

In einer Zeit, in der Licht immer mehr kann: Werden die Mid-Century-Stehleuchten und andere Vintage-Lampen aussterben?

JUNGEL-SCHMID: Nein, dafür wird es immer einen Markt geben.

TZOU: Da sind wir wieder beim Dekorieren, man will ja auch das Objekt sehen, es geht nicht nur um das reine Licht. Man sieht es ja bei Artemide. Sie haben viele klassische Designer-Leuchten wie die Tizio, rüsten aber auf LED um – beziehungsweise bieten beide Varianten parallel an.

PECKAL: Diese Synergie herzustellen, ist genau das Spannende.

Gibt es eine Lieblingsleuchte?

JUNGEL-SCHMID: Die Tischleuchte »Taccia« von Flos.

TZOU: Das kommt auf den Raum an. Die Artemide-Serie von Miyake ist zum Beispiel auch wahnsinnig schön.

PECKAL: Die Antwort ist einfach: die richtige Leuchte für den richtigen Einsatz.

(Moderation und Text: Nicola Schwendinger)

Die Living-Salon-Gesprächspartner

Chieh-Shu Tzou
Mitbegründer von Tzou Lubroth Architekten, stark in der Gastronomie mit Projekten wie WU-Mensa, »Mama Liu & Sons« und »Ramien Go«. Betreiben auch eigene Bars (»Miranda«, »If dogs run free«, »Elektro Gönner«).
www.tzoulubroth.com

Johannes Jungel-Schmid
Führt ein technisches Büro für Lichtplanung. Projekte vom Shop- über den Gastro- bis hin zum Eigenheim-Bereich. Beispiele: das neue »Steirereck«, die »Mole West« oder die LED-Umrüstung im Musikverein.
www.jungel-schmid.com

Manfred Peckal
Seit mehr als 20 Jahren im Leuchten­geschäft, General Manager Österreich, Ungarn und Slowakei. Artemide wurde 1960 in Italien gegründet, der Bestseller: die Tolomeo aus dem Jahr 1987. Der Leuchtenhersteller ist sehr präsent, wenn es um die Zukunft des Lichts geht.
www.artemide.com

Aus Falstaff LIVING Nr. 03/2016

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  • 05.10.2015
    Beleuchtungskonzepte und Weingeschmack
    Bestimmtes Licht sorgt für bestimmte Stimmung – und genau das trifft den Nerv der Zeit.
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