Liv-Ex warnt vor Verwerfungen in Bordeaux

Das Hauptquartier des CIVB (Conseil Interprofessionnel du Vin de Bordeaux) in Bordeaux.

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Das Hauptquartier des CIVB (Conseil Interprofessionnel du Vin de Bordeaux) in Bordeaux.

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In den Büchern der in London ansässigen Online-Wein-Börse Liv-Ex stehen täglich Kauf- und Verkaufsorders in der Größenordnung von etwa 70 Millionen Pfund Sterling. Wein-Trader und Handelsprofis aus aller Welt arbeiten hier mit einem Angebot von rund 15.000 verschiedenen Weinen. Wohl nirgendwo anders lässt sich der Weinbranche – und insbesondere dem Handel mit Spitzenweinen – so gut der Puls fühlen wie auf dieser Plattform. Die Macher von Liv-Ex tun dies selbst mit schöner Regelmäßigkeit, indem sie ihren Mitgliedern und Kunden Research-Berichte zum aktuellen Marktgeschehen zur Verfügung stellen. Falstaff konnte nun Einblick in den aktuellen Bordeaux-Report nehmen, und dieser hat es wahrlich in sich.

Die Gefahr von Pleiten

Trumps Strafzölle, Unruhen in Hong Kong und die Unsicherheiten um den Brexit hatten den Bordeaux-Markt bereits vor Ausbruch der Corona-Krise belastet. Durch Corona sieht Liv-Ex die wichtigste Wein-Herkunft der Welt vollends mit dem Rücken zur Wand: Zum einen sei die Risikoaversion der Weinkäufer nochmals sprunghaft gestiegen, zweitens sei es durch die Verschiebung der Primeurwoche unklar, wann und in welchem Ausmaß die – aller Wahrscheinlichkeit nach recht guten – 2019er Weine zu einer Belebung des Markts führen könnten. »In einer Zeit, in der das Geschäft ohenhin schon schlecht läuft«, so summiert der Liv-Ex-Report, »besteht die Gefahr, dass eine Verschiebung von En Primeur gefährdete Unternehmen über die Kante stoßen könnte«.

Zu diesem Befund passt, dass die Union des Grands Crus de Bordeaux vor wenigen Tagen, am 21. April, bekannt gegeben hat, die Primeurwoche nun »am Ende des Sommers« durchführen zu wollen. Nähere Details folgten etwa Mitte Mai, so das gemeinsame Statement von UGC-Präsident Ronan Laborde (Château Clinet) und von Georges Haushalter, dem Vizepräsidenten von »Bordeaux Négoce«, dem Interessenverband der Bordelaiser Handelshäuser.

Hohe Verschuldung

Dass der Négoce, der in Bordeaux als Schaltstelle zwischen Châteaux und den Importeuren aus aller Welt fungiert, Grund zu Sorgenfalten hat, zeigt der Blick auf einige Statistiken, die Liv-Ex im neuen Report präsentiert. So hat sich in den letzten Jahren der Profit immer mehr zu den Châteaux verschoben. Während Mitte der 1990er Jahre noch rund 60 Prozent des Profits beim Handel geblieben waren, kann dieser heute froh sein, wenn er 30 Prozent Marge hat – und diese wohlgemerkt als Summe für die gesamte Lieferkette, also für Bordelaiser Handel, Zwischenhandel und Wiederverkäufer vor Ort. In einzelnen Jahrgängen, etwa 2006 und 2011, blieben dem Handel in Summe sogar nur rund 10 Prozent Marge.

Ein Schlaglicht auf den Zustand vor allem des Bordelaiser Weinhandels werfen zwei weitere Kennziffern aus den Bilanzen der Handelshäuser, die Liv-Ex zitiert: Die durchschnittliche Lagerdauer, also die Zeitspanne, die im Durchschnitt zwischen der physischen Einlagerung eines Weines und seinem Verkauf vergeht, stieg zwischen den Jahren 2012 und 2018 von 220 auf etwa 310 Tage. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich der Verschuldungsgrad eines durchschnittlichen Bordelaiser Handelshauses von 60 Prozent des Eigenkapitals auf 90 Prozent.

En Primeur in der Krise

Dieser hohe Verschuldungsgrad des Handels bei gleichzeitig verlängerter Lagerdauer der Weine lässt vor allem einen Schluss zu: Der Handel möchte es um alles in der Welt verhindern, den Markt mit Preissenkungen in Gang bringen zu müssen. Denn offenbar schätzt er die Gefahr von Domino-Effekten und einer Abwärtsspirale bei den Preisen als höher ein, als die Gefahr, an der Obstruktion des Marktgeschehens zugrunde zu gehen.

Ein Blick auf die Primeur-Verkäufe der letzten Jahre lässt Skepsis aufkommen, ob diese Einschätzung dauerhaft Bestand haben wird. Denn während beispielsweise die Liv-Ex-Mitglieder aus UK noch beim 2010er Jahrgang rund 230 Millionen Pfund Sterling an Primeurkäufen umsetzten, muss man die Umsätze der drei ebenfalls guten bis großen Jahre 2015, 2016 und 2018 zusammenrechnen, um auf eine ähnliche Summe zu kommen.

Und während man bei diesen Zahlen noch entgegnen kann, dass die Primeur-Bilanz in anderen Teilen der Welt – etwa in China – nicht ganz so drastisch ausfällt, sollte eine andere Zahl in Bordeaux endgültig die Alarm-Glocken zum Schrillen bringen: Noch im Jahr 2010 entfielen im Handelssystem von Liv-Ex 95 Prozent des – weltweiten – Umsatzes auf Bordeaux-Weine. Anfang 2020 war dieser Anteil auf 50 Prozent gesunken. Und in der Woche von 10. bis 16. April markierte der Bordeaux-Anteil in der Statistik der Liv-Ex-Umsätze einen neuen Tiefststand: bei sage und schreibe 33,1 Prozent.

Liv-Ex jedenfalls hat einen eindringlichen Appell an die Akteure in Bordeaux bereit: »Diejenigen, die ihre En Primeur-Verkaufszahlen steigern wollen, sollten dieses Jahr vielleicht einen dramatischeren Zug in Betracht ziehen, wenn sie Investoren zu einer Kaufentscheidung überzeugen wollen. Die Antwort wird wie immer im Preis liegen.«

Ob die Châteaux diesmal weniger beratungsresistent sind als in der Vergangenheit, wird sich zeigen müssen, wenn die 2019er Primeur-Kampagne dann tatsächlich irgendwann losgeht.

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