Leo Hillinger: Der Tausendsassa im Portrait

Leo Hillinger mauserte sich vom Sohn eines burgenländischen Weinhändlers zum bekanntesten
Winzer Österreichs. 

© Rafaela Pröll

Leo Hillinger mauserte sich vom Sohn eines burgenländischen Weinhändlers zum bekanntesten Winzer Österreichs. 

Leo Hillinger mauserte sich vom Sohn eines burgenländischen Weinhändlers zum bekanntesten
Winzer Österreichs. 

© Rafaela Pröll

Im Nachhinein klüger zu sein, ist einfach. Hätte man vor 20 Jahren prognostiziert, dass Leo Hillinger im Jahr 2020 der bekannteste Winzer Österreichs sein würde, dann hätte man selbst in Fachkreisen höchstens ein müdes Lächeln geerntet. Heute ist Hillinger als Marke und Person so gut wie jedem Haushalt der Alpenrepublik geläufig. Leo Hillinger ist präsent in den Medien, er lacht als Testimonial seiner Kosmetik-Linie von den Plakatwänden, er hält Impuls-Vorträge für Spitzenmanager. Bei Leo gibt es für alle was, seine Angebote bedienen jedermann, vom Sportler bis zum Banker – und hinter all dem steht der Weinmacher aus dem Burgenland. Mit seinem Bioweingut in Jois am Leithaberg erzeugt der Winzer eine breite Palette an erstklassigen Rebsortenweinen und Cuvées, in Kooperation mit Hofer hat Leo Hillinger das Projekt »Flat Lake« ins Leben gerufen, mit dem Weine junger burgenländischer Produzenten unter einer gemeinsamen Dachmarke erfolgreich an den Konsumenten gebracht werden.

Ein Weg mit Hindernissen

Bis es Leo Hillinger aber hinein in die ­Köpfe und die Wohnzimmer der Österreicher schaffte, hatte er einen langen und oft harten Weg zu absolvieren. Liest man seine Autobiografie, dann wird schnell klar, welche Philosophie sich durch diesen Erfolgsweg zieht wie ein roter Faden:

»Lerne Rückschläge als Motivation zu begreifen, optimiere mit Mut dein Handeln und befolge eisern drei Dinge: Konsequenz, Konsequenz und nochmals Konsequenz!«
Leo Hillinger

Begleiten wir den Umtriebigen auf einigen wichtigen Stationen seines bisherigen Weges: 1967 wird Leo als Sohn eines kleinen Weinhändlers geboren, der weniger als einen Hektar Eigenweingarten bewirtschaftet und seine Weine in Liter- und Doppelliterflaschen und beim Heurigenbetrieb der Familie verkauft. Für einen jungen Mann, der bereits früh die Berufung zum Winzer wahrnahm, keine rosigen Startbedingungen. Nach Besuch der Weinbauschulen Eisenstadt und Krems tritt der junge Leo Hillinger ein dreimonatiges Praktikum in Neustadt an der Weinstraße in der deutschen Pfalz an, bleibt dort drei Jahre und arbeitet unter anderem für das legendäre Weingut Bassermann-Jordan in Deidesheim.

Mit ­einem Stipendium der österreichischen Weinwirtschaft gelingt Leo der Sprung ­über den großen Teich, die nächste Station heißt Walter Schug, ein bekanntes Weingut eines deutschstämmigen Winzers im kalifornischen Carneros, wo Hillinger die ­Atmosphäre der großen weiten Welt aufsaugt. Auf dem Rücken der Pferde oder ­am Golfplatz weitet sich hier sein Horizont – allerdings immer nur für wenige Stunden, denn vor allem harte Arbeit im Weinkeller ist das tägliche Brot im echten Leben des angehenden Jungwinzers.

Seine ersten Erfolge

Zurück in Österreich beginnt er mit innovativen Ideen zunächst den Heurigenbetrieb auf Vordermann zu bringen. Seine ersten Weine keltert er unter einfachen Bedingungen aus Trauben, die ihm zwei gute Freunde aus Rust und Podersdorf verkaufen. Der tüchtige junge Weinhändler nimmt an einer AUA-Verkostung teil und darf 3000 Flaschen für die Business Class liefern, das war Anfang der 1990er-Jahre.

Nach diesen ersten Erfolgen weitet er sein Geschäft aus, verkostet und kauft Weine ­einer qualitativ gut aufgestellten Genossenschaft, füllt sie unter seiner Marke ab. Und verkauft 280.000 Flaschen zu einem Zeitpunkt, als ein eigenes Weingut noch in weiter Ferne zu liegen scheint. Als nächsten Schritt schafft Hillinger, der immer schon ein Auge für Gewinnoptimierung hatte, eine mobile Füllanlage an, die schon bald darauf nicht nur seine, sondern auch die Weine von anderen Winzern aus dem Burgenland, aus Wien, Niederösterreich und sogar aus Ungarn auf ­die Flaschen bringt. Leo arbeitet Tag und Nacht, denn daneben müssen Verkostungen abgehalten werden und der Wein Abneh­mer finden. Er ist noch keine 30, als ihm ein Ruster Winzer, der keine am Weinbau interessierten Nachkommen hat, das Angebot macht, ihm seine zwölf Hektar Anbaufläche zu verkaufen.

Leo wird Winzer

Es ist einer dieser wichtigen Wendepunkte des Lebens. Da es ihm an flüssigen Mitteln – gemeint ist Geld und nicht Wein – mangelt, muss eine Fremdfinanzierung her. Heute sagt Leo dazu: »Keine Ahnung, wohin mich mein Weg ohne diesen Kredit geführt hätte. Der Weinhandel lief gut, der Heurige auch, ebenso das Abfüllgeschäft. Hätte ich das Geld von der Oberbank damals nicht bekommen, wäre ich vielleicht der bunteste Vogel von Jois geblieben, angefeindet von einem neiderfüllten Umfeld und unentdeckt von der internationalen Weinszene.« Aber es sollte anders kommen …

Nun geht es darum, Wein aus den neuen Lagen zu erzeugen, denn aus dem Weinhändler ist ein richtiger Weinbauer geworden. Und das Kind brauchte auch einen ­Namen – bei einem Abend im Restaurant »Tauben­kobel« wird dieser geboren: »Deine Reben liegen an einem Hügel in Rust, einem Hill. Und dein Name ist Hillinger. Und deshalb wäre ›HILL‹ der optimale Name«, sprachen Frau und Herr Eselböck. Flugs waren »HILL 1 rot«, »HILL 2 weiß« und »HILL 3 süß« aus der Taufe gehoben. Die Weine kommen gut an. Ein Umstand, der gebührend, aber auch medienwirksam gefeiert werden muss. Also wird der junge Herr Hillinger 1997 wieder bei der Bank vorstellig, um einen Kredit über eine Mil­lion Schilling zu beantragen. »Kaufst du neue Weingärten?«, fragt der Bankbeamte. »Nein, ich organisiere eine große Party, ­damit alle mitbekommen, wie toll meine Tropfen sind«, lautet Leos Antwort. Er bekommt das Geld. Das Fest ist ein voller Erfolg und die Geburtsstunde des neuen HILL-Logos mit den umgedrehten Ls, die nun seit mehr als 20 Jahren sein Markenzeichen sind.

Das Weingut Hillinger

Zehn Jahre später der nächste Meilenstein mit der Wein-Serie »Flat Lake«, die er für Hofer entwickelt und die seit 2007 großen Zuspruch erfährt. Und weil es bei Hillinger in den Siebenerjahren immer Einschneidendes zu geben scheint, hat im Jahrgang 2017 Sohn Leo Thaddeus seinen ersten Wein erarbeitet – die Weine des Juniors firmieren seither unter dessen Spitznamen »Jack«.

Anfang der Zweitausenderjahre macht sich Leo Hillinger auf die Suche nach einem geeigneten Bauplatz in der Umgebung von Jois, wo er sein neues Weingut errichten will. Mit dem Wiener Architektenpaar Gerner entsteht ein funktionelles Kultobjekt, das in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus war und ist. Die Kellerei wurde fast zur Gänze in den Hang integriert, nur das Empfangsgebäude und die Degustationslounge sind sichtbare Teile der modernen, geradlinigen Konstruktion. Bei der Eröffnungsfeier 2004 ist »Hillinger« längst eine Marke, das Fest eine mit Promis gespickte Party. Aber auch wenn das Weingut Hillinger seither zur stark frequentierten Anlaufstelle einer ständig wachsenden Fangemeinde geworden ist, soll das nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier auch um das modernst ausgerüstete Herz einer Spitzenwein-Produktionsstätte handelt. Denn hier werden die Trauben in erstklassige Produkte verwandelt, die nach zertifiziert biologischen Richtlinien in den mittlerweile auf 90 Hektar Eigenfläche angewachsenen Weingärten gewachsen sind. Das Weingut besitzt heute 30 Hektar in Rust, 25 Hektar in Oggau sowie 35 Hektar in Jois.

»Constantia Hill«

Auf seinen unterschiedlichen Böden erzeugt Leo Hillinger eine breite Palette an Sorten, die bei den Weißweinen von Welsch­riesling, Grünem Veltliner, Sauvignon Blanc und Pinot Blanc über Chardonnay bis Gelber Muskateller reicht. Zu Rotwein werden Blaufränkisch, Zweigelt, St. Laurent, Merlot, Cabernet Sauvignon und Syrah verarbeitet. Die Stilistik reicht von klassisch-fruchtig bis hin zu Weinen, die in neuem wie gebrauchtem Holz reifen, von reinsortig bis zu Cuvées aus mehreren Sorten.

»Es ist mein Anspruch, typisch österreichische Weine in Topqualität zu schaffen – verwechselbare, internationale Moden sind nicht meine Sache«, sagt Leo Hillinger. Und weiter: »Wir möchten neben gutem Wein auch unser Lebensgefühl transportieren.« Daher lautet die Devise des Unternehmens auch »more than wine«. In 24 Länder der Welt werden die Weine aus dem Joiser Betrieb heute exportiert. Und zweimal jährlich reist Leo Hillinger übri­gens höchstselbst nach Südafrika, wo er seit 2012 mit Alexander Waibel vom Weingut Constantia Glen die Weinserie »Con­stantia HILL« kreiert.

Durch einen Zufall lernt Leo Hillinger die Arbeiten der Stararchitektin Zaha Hadid kennen, die ihn so faszinieren, dass er den Entschluss fasst, sich von ihr ein Heim planen zu lassen. Und obwohl die irakisch-britische Architektin von der Idee zunächst nicht überzeugt ist, lässt sich Leo Hillinger nicht abwimmeln. Er ist so lange hartnäckig, bis er den Bauplan der Meisterin tatsächlich in Händen hält. Erst als ihm die Kosten dieses Bauvorhabens bewusst werden, entscheidet sich der Winzer anders. Er nützt aber das Momentum und bittet Hadid um das Design für eine Weinflasche, die eine ganz besondere Cuvée aufnehmen sollte. Und die 2016 verstorbene Architektin und Designerin gestaltet eine aufregende, ikonische Flasche für den »Icon HILL 2009«, von dem zunächst gerade einmal 999 Flaschen abgefüllt werden und der 2013 in der Wiener Albertina festlich präsentiert wird.

Die ikonische Flasche für den »Icon HILL« gestaltete Star-Architektin Zaha Hadid

Die ikonische Flasche für den »Icon HILL« gestaltete Star-Architektin Zaha Hadid 

© Rafaela Pröll

Doch um Hillingers Weine kennenzulernen, muss man nicht zwangsläufig nach Jois fahren. Bereits 2005 eröffnet der weitsichtige Winzer seinen »Hillinger Store« im Designer-Outlet in Parndorf, daneben sind heute Weinshop-Bars in Wien (Wollzeile), Kitzbühel und München-Lehel Bezugspunkte für Fans. Als tolle Event-Location für bis zu 100 Gäste dient der wunderschöne Heiligenkreuzerkeller in Winden am See. Und damit sich die Weinfreunde auch erholen können, plant Hillinger die Eröffnung eines Hotels samt »virtueller Weinwelt«. Wer Hillinger kennt, weiß, dass er Versprechen hält. Man darf sich also auch in Zukunft auf jede Menge Innovationen aus Jois freuen.

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Falstaff Nr. 09/2020
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