»Ich bin seit drei Jahren schuldenfrei, beschäftige 63 Mitarbeiter und setze 16 Millionen Euro um. Ist doch nicht schlecht für einen, der mit 400.000 Euro Schulden begonnen hat.« Leo Hillinger, Winzer / © Ian Ehm
»Ich bin seit drei Jahren schuldenfrei, beschäftige 63 Mitarbeiter und setze 16 Millionen Euro um. Ist doch nicht schlecht für einen, der mit 400.000 Euro Schulden begonnen hat.« Leo Hillinger, Winzer / © Ian Ehm

London, Kensington Gardens, ein Sonntagabend Mitte Oktober. 90 handverlesene Gäste, alle mit Geld wie Heu, relaxen in der noblen Serpentine Sackler Gallery. Dort zu sehen: revolutionäre Ausstell­ungsarchitektur von Pritzker-Preis-Trägerin Zaha Hadid. Dort zu kaufen: die neue 90-Meter-Luxusyacht »Jazz« der exklusiven deutschen Schiffswerft »Blohm & Voss«, Design ebenfalls by Hadid. Dort zu trinken: der edle Tropfen »Icon Hill«, gekel­tert aus nur einer Traube pro Rebstock, drei Jahre gereift, serviert aus einer kostbaren Bouteille, geformt von – ja, genau – Zaha Hadid.

Der Mann, der den Gästen am Galerieeingang den Wein in die Gläser einschenkt, ist ein gewisser Leo Hillinger, 46-jähriger Winzer aus Jois im Burgenland. Es ist sein eigener Wein, der beste, den er je gemacht hat.

So ein Wein, dachte sich Hillinger, muss ­entsprechend eindrucksvoll präsentiert werden. »Vier Jahre hab ich Hadid bekniet, dass sie mir diese Flasche entwirft«, erzählt Hillinger, »was das gekostet hat, will ich gar nicht sagen.«

Leo Hillinger ist wahrscheinlich Österreichs bekanntester Winzer, ein genialer Selbstvermarkter, der die Melange aus seinen Produk­ten und seiner äußerlichen Erscheinung perfekt zur Trademark hochstilisiert hat. Doch wenn einer auf den ersten Blick wie eine Mischung aus Skilehrer und Calvin-Klein-Model aussieht, dann wird er als Winzer womöglich nicht gleich von allen ernst genommen.

Damit hatte Hillinger tatsächlich einige Zeit zu kämpfen. Doch inzwischen sind selbst so renommierte Weinexperten wie der Schweizer René Gabriel vom Können des Burgenländers überzeugt. Gabriel über den »Icon Hill«: »Das ist kein Wein, der wie eine neue Multi-Weinbombe daherkommt, sondern seine erste Zukunft bedacht, mit Klasse und Harmonie angeht.«

Fachurteile wie diese und Erfolgsmomente wie in London sind für Hillinger die Trieb­feder, den »unzähligen Neidern«, die ihm seit Jahr und Tag mehr Marketing- als Winzerkönnen unterstellen und ihn oft genug an den Rand der Pleite kolportiert haben, Lügen zu strafen. Allein für sein kaufmännisches Talent wurde er vorigen Herbst von der internationalen Wirtschaftstreuhandgesellschaft Ernst & Young zu Österreichs »Entrepreneur of the Year« gekürt.

Leo Hillinger: Eine jahrelange Durststrecke blieb dem Burgenländer nicht erspart / © Ian Ehm
Leo Hillinger: Eine jahrelange Durststrecke blieb dem Burgenländer nicht erspart / © Ian Ehm


Leo Hillinger: Eine jahrelange Durststrecke blieb dem Burgenländer nicht erspart / © Ian Ehm

»Ich bin seit drei Jahren schuldenfrei, beschäftige 63 Mitarbeiter, setze 16 Millionen Euro um, produziere eine halbe Million Flaschen aus 50 Hektar Eigenanbau in Jois und Rust und exportiere die Hälfte meiner Weine inklusive Vertragsweingüter in alle Welt. Ist doch nicht so schlecht für einen, der mit 400.000 Euro Schulden begonnen hat«, sagt er mit einer Genugtuung, so groß wie ein 1000-Liter-Weinfass.

In ähnlichem Stakkato verdichtet sich eine nun bald 25-jährige Weinkarriere, die Leo Hillinger bekannt gemacht hat wie ein offe­nes Buch. Dessen wichtigste Kapitel: Geboren 1967 in Eisenstadt in eine Weinhändlerfamilie, volatile Schulkarriere, schließlich solide dreijährige Weinbau-Ausbildung in der Pfalz und in Kalifornien. 1990 Einstieg in den Familienbetrieb, ausgedehnte Rucksacktrips zu Winzern in Südafrika, Australien und Neuseeland, erste eigene Weine mit zugekauften Trauben. 1997 Kauf von zwölf Hektar Anbaufläche vom damaligen Lieferanten Reinhold Hasibar in Rust, Start der Hill-­Serie und Beginn einer ausgedehnten, jahrelangen Tour durch Society-Events und Seitenblicke-Veranstaltungen zwecks Vermarktung seiner selbst und der Weine mit dem ­gespiegelten Doppel-L.

Ab 2004 Bau einer neuen Produktions­stätte samt modernster Kellertechnik, Degustations-Lounge und Seminarraum (1850 Quadratmeter Nutzfläche, sieben Millionen Euro Kos­ten), bald darauf Eröffnung des ersten Flagship-Stores im Outlet-Center Parndorf, zu dem sich im Dezember der siebte Hillinger-Laden in Kitzbühel gesellen wird, sowie Vertrieb der Einzelhandelslinien »Small Hill« (Spar, Merkur) und »Flat Lake« (Hofer).

Dann 2008 der Einbruch: das Scheitern der Deutschland-Produktion »German Hill« als Folge des Ausbruchs der Wirtschaftskrise (Verlust: eine Million Euro oder eine Jahresproduktion von 100.000 Flaschen). Die Folge: Burnout, körperlicher Zusammenbruch, Engagement bei Sozialprojekten wie der Krebshilfe oder Pink-Ribbon.

Leo Hillinger ist einer der bekanntesten Weinmacher Österreichs – und einer der erfolgreichsten / © Ian Ehm
Leo Hillinger ist einer der bekanntesten Weinmacher Österreichs – und einer der erfolgreichsten / © Ian Ehm

Das Lieblingsbuch von Leo Hillinger ist Patrick Süskinds Roman »Das Parfüm«, in dem es heißt: »Es gibt eine Überzeugungskraft des Duftes, die stärker ist als Worte, Augenschein, Gefühl und Wille.« Das gelte auch für die Alchimie des Weines, sagt Hillinger. Oft wird sie durch winzige Turbulenzen durcheinandergewirbelt. So entstehen dann winzige Weinfehler mit eigenem Geruch – flüchtiger Essigduft, leichtes »Uhu«-Aroma wegen kleiner Schäden auf den Trauben, das seltene Mäuseln durch zu wenig Schwefel, Mufftöne infolge schmutziger Fässer, der gefürchtete Böckser, zwischen verbranntem Gummi und gekochtem Kohl changierend, ein unerwünschtes Häuchlein von Akazien oder Geranien oder das entfernte Odeur von nassem Pferdeschweiß, Brettanomyces genannt.  

Nicht alle Menschen haben das Talent, dies zu riechen. Leo Hillinger kann es. »Ich habe diese Fähigkeit erst auf der Weinbauschule entdeckt«, erzählt er. »Zu Hause wäre ich nie draufgekommen. Da gab es nur drei Weinsorten – rot, weiß und halbtrocken. Ich selbst hab damals bloß Almdudler-Rot getrunken.« Drei Jahre lang trainierte er die Kunst des Riechens in der Pfalz, ein halbes Jahr verfeinerte er sie danach im kalifornischen Weingut Schug Cellars im Sonoma Valley.

Allein: Bis Hillinger die Früchte dieses ­speziellen Könnens ernten konnte, blieb ihm eine jahrelange Durststrecke nicht erspart. Die Ausgangslage 1990: Übernahme des schwer verschuldeten Elternbetriebs mit nicht einmal einem Hektar eigener Weinbaufläche sowie hohen Fremdkosten durch Traubenzukäufe. Also wurde tagsüber geschuftet – und abends Party für Party abgeklappert, bis er selbst zur Marke wurde. Wenn Hillinger von dieser Zeit erzählt, dann mithilfe seiner mächtigen, prankenartigen Hände. Er nimmt sie hoch und sagt: »Meine Finger ­waren vom Zupacken doppelt so breit wie heute, die Handflächen von der Erde und vom Roten zerfurcht und schwarz. Wenn ich manchmal den Mädels über die Strumpfhosen gefahren bin, hatten sie nur noch Laufmaschen.«

Parallel dazu erkaufte er sich mit einem mühsam errungenen Kredit Mitgliedschaft und Sponsoring im Golfklub Donnerskirchen, wo so manche Prominenz der 90er- Jahre verkehrte. Hillinger schleppte sie in den alten Heurigen der Eltern, lockte mit Jazz-Brunches, Konzerten, Ganslessen und Gratis-Verkostungen oder verhökerte seine Weine direkt aus seinem VW-Bus heraus, etwa an Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky oder SCS-Magnat Hans Dujsik.

Mit dem ständigen Hin- und Herhetzen sei inzwischen längst Schluss, sagt Hillinger. Es sei denn, dass abermals ein unverzichtbarer Termin aussteht. Am 4. November war schon wieder so einer: Da musste Hillinger unbedingt zur Eröffnung des neuen Hadid-Museums nach Kasachstan. Es heißt, dort wollte man nicht länger auf seinen Icon Hill warten.


INFO
Weingut Hillinger
A-7093 Jois
T: +43/2160/83 17-0
www.leo-hillinger.at

 

Text Rainer Himmelfreundpointner   
Fotos Ian Ehm

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