Kulinarische Heimat: Wurzelwerk

Der brasilianische Künstler Daniel Lie erinnert sich an seine kulinarischen Kindheitserinnerungen.

© Vanessa Bohn

Der brasilianische Künstler Daniel Lie erinnert sich an seine kulinarischen Kindheitserinnerungen.

© Vanessa Bohn

Als die Festwochen 1951 erstmals über die Bühne gingen, war Wien noch eine von den Alliierten besetzte und in vier Zonen geteilte Stadt. Das neu gegründete Festival sollte ein Signal in die Welt senden – ein Land wollte zeigen, dass es wieder nach vorne blickt und seine Rolle als »Welthauptstadt der Musik« erneut einnehmen möchte. Es ging nach dem Krieg um ein »Wiedererwachen auf kulturellem Gebiet«, wie es der damalige Stadtrat Hans Mandl formulierte. Bereits 1952 vermerkte man stolz: »Schon sieben ausländische Gastdirigenten, darunter Bruno Walter.« Gerade in der Anfangszeit waren die Festwochen, die durchaus wörtlich ein Fest für alle Wienerinnen und Wiener sein wollten, sehr offen. In den kommenden Jahren hat sich das erfolgreiche Festival, das nicht mehr aus dem Kulturkalender der Hauptstadt wegzudenken ist, öfter neu erfunden. 

Was konstant geblieben ist: Die Festwochen bringen die Welt nach Wien, sie laden herausragende internationale Künstlerpersönlichkeiten ein und stellen einen Dialog mit der heimischen Szene her. Inzwischen ist Wien aber auch jenseits der Festwochen kosmopolitischer geworden, zahlreiche junge Kunstschaffende aus aller Welt haben sich hierzulande niedergelassen – und damit auch einen Teil ihrer kulinarischen Identität mitgebracht. Falstaff hat fünf Festwochen-Akteure ausgewählt und zu den Küchen ihrer Heimat befragt.  

Daniel Lie

ist ein brasilianischer Künstler. Im Rahmen der Festwochen zeigt er im Performeum »Death Center for the Living«, eine sinnliche Arbeit, die Grenzen zwischen Performance, Installation, Ritual und Körpererfahrung überschreitet. 

Ich arbeite gern mit Früchten

In vielen meiner Arbeiten spielen Früchte eine große Rolle, manchmal serviere ich sie den Zuschauern vor der Show als eine Art Bankett, dann wieder sind sie Teil einer Installation und verrotten mit der Zeit auf der Bühne. Mir ist dabei aber wichtig, kein Essen zu verschwenden. Ich verwende nur Früchte, die bereits von Supermärkten weg-geworfen wurden. Mich interessiert, wie sich Essen im Laufe der Zeit verändert, aber auch, wie sich die Leute verhalten, wenn es Obst gratis gibt, besonders jene Früchte, die in meiner Heimat Brasilien sehr beliebt sind. Die meisten sind zuerst ziemlich überrascht, wie intensiv der Duft ist, oft wie ein sehr starkes Parfüm.

Süßkartoffeln mit Mate-Béarnaise: eine Kreation vom brasilianischen Starkoch Alex Atala aus seinem Buch »D.O.M.«.

© Sergio Coimbra

Ich glaube nicht, dass die Leute abgestoßen sind, es sind eher verwirrende Gefühle, die über sie hereinbrechen. Unsere westliche Gesellschaft tendiert ja dazu, alles, was mit Tod und Müll verbunden ist, gänzlich auszublenden. Dabei erzählt Kulinarik so viel über eine Kultur. In den letzten fünf Monaten war ich viel in Brasilien unterwegs, das Essen ist so unterschiedlich, je nachdem, wo man sich befindet, es spiegelt die Kultur der Leute wider – von den indigenen Brasilianern, den Afro-Brasilianern, den ehemaligen Kolonialherren aus Europa, den asiatischen Einwanderern. Ich bin in São Paulo aufgewachsen und weiß noch gut, wie mein indonesischer Vater für uns Jackfruits geöffnet und portioniert hat. Das ist für mich eine starke Kindheitserinnerung. 

Weitere kulinarische Kindheitserinnerungen von den Künstlern Tonica Hunter, Magdalena Chowaniec, Elisabeth Bakambamba Tambwe und Anna Jermolaewa lesen Sie im Falstaff Spezial Wiener Festwochen 2017.

Aus dem Falstaff Wiener Festwochen Spezial 2017

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