Kommentar: Warum wird im Médoc so viel rechts gewählt?

Die Ergbnisse der Präsidentschaftswahlen in Frankreich lassen einige Fragen offen. 

© Shutterstock

Frankreich

Die Ergbnisse der Präsidentschaftswahlen in Frankreich lassen einige Fragen offen. 

© Shutterstock

http://www.falstaff.at/nd/kommentar-warum-wird-im-medoc-so-viel-rechts-gewaehlt/ Kommentar: Warum wird im Médoc so viel rechts gewählt? Die Weingüter in Médoc-Gemeinden wie Margaux, Pauillac und Saint-Estèphe florieren – doch die Bevölkerung der Gegend hat bei den französischen Präsidentschaftswahlen trotzdem mehrheitlich ihr Kreuzchen bei Marine Le Pen gemacht hat. Wie kann das nur sein? http://www.falstaff.at/fileadmin/_processed_/f/3/csm_Frankreich-c-shutterstock-2640_b490c9c494.jpg

Margaux 54,6 Prozent, Saint-Julien 57,1 Prozent, Pauillac 56 Prozent, Saint-Estèphe 65,8 Prozent: Hätte Frankreich im zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahlen als ganzes Land gewählt wie die Weinbaugemeinden des Médoc, würde nun Marine Le Pen im Élysée residieren und nicht Emmanuel Macron. Man fragt sich: Wie kann es sein, dass es in einem der ruhmreichsten Weinbaugebiete der Welt so viel Unzufriedenheit gibt und so viel Bereitschaft, eine Protestpartei zu wählen?

Eine erste Erklärung, die schnell zur Hand ist, hält einem genaueren Blick nicht stand: dass außerhalb größerer Städte ohnehin eher rechts gewählt werde. Das ist zwar, blickt man auf die französische Wahl-Landkarte als Ganzes, durchaus richtig. Doch im Bordelais stellt sich die Lage differenzierter dar: Ein ländlicher Weinbauort ist auch Saint-Émilion am geografisch rechten Ufer der Gironde, dort jedoch kam bei der Wahl Emmanuel Macron auf den ersten Platz: Mit einem Stimmenanteil von 60,1 Prozent lag sein Ergebnis sogar über dem Landesdurchschnitt.

Marion und Le Pen.

Im französischen Präsidentschaftswahlkampf setze sich Emanuel Marcon gegen Marie Le Pen, trotz der schlechten Ergebnisse in Médoc, durch.

© Shutterstock

Die Kommunen leiden

Eine zweite Erklärung deutet in Richtung der Betriebsstrukturen des Médoc: Diesem Thema widmete die »Frankfurter Allgemeine« nach dem ersten Wahlgang einen großen Artikel, in dem sie darlegte, dass sich die Wut der Médocains aus ihrer ökonomischen Benachteiligung speise. In dieser Diagnose steckt viel Wahres, die großen Rebflächen, die das Médoc kennzeichnen, bringen einen hohen Anteil an schlecht gebildeten und schlecht bezahlten Arbeitskräften mit sich, die am Reichtum der Weingüter, auf denen sie arbeiten, so gut wie gar nicht partizipieren. Dazu komme,  so die »FAZ«, dass die Kommunen kein Geld für Infrastruktur und Sozialprojekte haben: Da der Weinbau fast die einzige Einnahmequelle der Gegend ist, die Châteaux jedoch als Landwirtschaftsbetriebe keine Gewerbesteuer bezahlen müssen, ist selbst Pauillac, die Welthauptstadt des Cabernet, arm wie eine Kirchenmaus.

Gastronomie-Vakuum

Man muss diesen Faden jedoch noch etwas weiter spinnen, um dem Phänomen wirklich auf den Grund zu gehen. Das wesentliche Indiz zur Beschreibung der Malaise liefert die Schwäche der Gastronomie. Das kulinarische Vakuum ist so groß, dass Thomas Duroux auf Château Palmer beim derzeitigen Umbau der Betriebsgebäude die Einrichtung einer Kantine eingeplant hat – in erster Linie für die eigenen Mitarbeiter. Diese seien es einfach leid, sagt Palmers Kommunikationsdirektor Dante Nolleau, jahrein, jahraus immer nur ein belegtes Baguette zu Mittag zu essen.

Als Jean-Michel Cazes 2006 den Weiler Bages in der Nachbarschaft seines Château Lynch Bages wiederbelebte und das Restaurant »Café Lavinal« ansiedelte, einen Bäcker, einen Metzger und eine Épicerie, tat er das mit dem expliziten Wunsch, dass hoffentlich wieder etwas bürgerliches Leben und Genussfreude in diesen Ortsteil Pauillacs zurückkehren mögen. 15 Jahre später sind noch der Metzger da und das »Café Lavinal«, das Weinreisende aus aller Welt davor bewahrt, sich über Mittag ein Sandwich bei Carrefour kaufen zu müssen, um nicht ohne feste Nahrung in die zweite Tageshälfte gehen zu müssen.

Margaux in Frankreich

Das historische Schloss Margaux, liegt an der berühmten Weinroute Médoc, in der Nähe von Bordeaux in Gironde.

© Shutterstock

Doch in die Räume der Épicerie ist heute ein Fahrradverleih eingezogen – immerhin steht das Geschäft nicht ganz leer wie viele andere in Pauillac. Der Bäckermeister, der die Bäckerei in Bages gepachtet hatte, verschwand vor ein paar Jahren von heute auf morgen – wie damals kolportiert wurde, mit bedeutenden Schulden. Offenbar waren die Einheimischen nicht bereit, 30 Cent mehr für ein wirklich exzellentes Baguette zu bezahlen, und eine Bäckerei kann eben nicht nur von Touristen leben.

Kulinarisch ist das Médoc, abgesehen von drei oder vier brauchbaren Restaurants auf einer Strecke von 40 Kilometern, eine ziemliche Wüste. Und dieser Umstand führt bei der Analyse komplett weg von den Landarbeitern. Es scheint im Médoc unabhängig von der Einkommensklasse kaum eine soziale Schicht zu geben, die kommunikativ und genussfreudig genug ist, um gastronomischen Reichtum hervorzubringen. Die Direktoren der großen Châteaux verwalten die Betriebe von Paris aus, für Events auf diesen prestigereichen Weingütern werden Sterneköche und Caterer von irgendwo hergeholt. Die Verwalter derjenigen Châteaux, die sich im Besitz einer Bank oder einer Versicherung befinden, pendeln in der Regel morgens aus der Stadt Bordeaux heraus und abends dorthin zurück. Zumindest als abendliche Gäste in einem Restaurant scheiden sie ebenfalls aus.

Der fehlende soziale Kitt

Nicht zuletzt sind aber offenkundig auch die vor Ort lebenden Inhaber der kleineren Weingüter und die mittleren Führungskräfte der klassifizierten Châteaux keine Kundengruppe für gediegene Gastronomie. Ein seit Längerem in Bordeaux lebender Weinhändler aus dem englischen Sprachraum, mit dem ich über die Wahlergebnisse und den auffälligen Mangel an guter Gastronomie sprechen konnte, hatte sehr schnell eine ziemlich plausible Erklärung zur Hand: Im Médoc, so sagte er, lerne man von Kindheit auf, den Nachbarn als Konkurrenten anzusehen. Das Nachbar-Château in anderthalb Kilometern Entfernung sei de facto eine andere Welt, mit der man keinen Austausch suche. Sich am Abend in einem Restaurant um zwei Flaschen Rotwein und ein großes Côte de Bœuf zusammenzusetzen? So etwas passiere im Médoc einfach nicht, oder nur sehr selten – anders als beispielsweise in Saint-Émilion, wo es wenigstens Klüngel gebe, die von Interessen geeint würden.

Was ein solches soziales Klima für die politische Färbung des Médoc bedeutet, darüber darf spekuliert werden. Dass es einen in der Sache präzisen, aber im Ton fairen, dass es einen demokratischen Austausch von Argumenten begünstigt, darüber sind Zweifel angebracht.

Mehr zum Thema

News

Pinault ist neuer Eigentümer von Clos de Tart

Der Kaufpreis für das 7,5 Hektar große Weingut im Burgund wurde auf Rekordverdächtige 200 Millionen Euro geschätzt.

News

Portrait: Karl-Friedrich Scheufele nimmt sich Zeit für Wein

Schon in jungen Jahren entdeckte Scheufele seine Leidenschaft für Wein. Mit dem Kauf des Château Monestier ­La Tour im Herzen von Bergerac erfüllte...

News

Reise ins Bordeaux für Wein-Kenner!

Reisen Sie mit Winzer Yves Michel Müller durch das Bordeaux und kosten Sie unterwegs die größten Weine der Region.

Advertorial
News

Gewinnspiel: Unvergesslicher Aufenthalt im Le Phébus & Spa

Oase mit kulinarischer Raffinesse im Herzen der Provence: Pures »Art de vivre« im Le Phébus & Spa***** Relais & Châteaux – wir verlosen eine Reise für...

Advertorial
News

Feiertag: Ein Hoch auf die französische Genusskultur!

Das Gastronomie-Event »Goût de / Good France« feiert weltweit am 21. März 2018 die französische Kochkunst! In Österreich können alle Feinschmecker...

Advertorial
News

Französische Gastronomie: Erfolgreicher Flirt zwischen Tradition und Revolution

Tradition und Revolution sind kein Widerspruch – jedenfalls nicht in der französischen Küche. Neue Trends lassen die traditionsreiche Kochkunst...

Advertorial
News

Französische Weinkultur: Entdeckungsreise der neuen Art

Neben der jahrhundertelangen Tradition französischer Weine überrascht das Land der edlen Tropfen mit einer modernen und unkonventionellen...

Advertorial
News

Relais & Châteaux: Leben wie Gott in (Süd-)Frankreich

Relais & Châteaux vereint die schönsten Reiseziele zur Entdeckung der Vielfalt von Regionen und Ländern. Wo lässt sich am Schönsten leben? Wir...

Advertorial
News

Kochgigant Paul Bocuse ist tot

Die ganze Welt trauert um den wohl bedeutendsten Koch aller Zeiten. »Monsieur Paul« ist im Alter von 91 Jahren verstorben.

News

Homestory: Wohnen auf französisch

Oder auch: L’art de vivre à la française. LIVING hat die französische Interior-Designerin und Autorin Sarah Lavoine zum Gespräch getroffen.

News

Le Roi, c’est ECKART

Das atemberaubende Schloss Versailles war der Ort, an dem heuer die ECKARTS verliehen wurden. Und Schloss und Gärten wurden zur großen Bühne für...

News

Gewinnspiel: Entdecken Sie den Südwesten Frankreichs!

ASL Airlines fliegt ab 26. Mai 2017 zweimal wöchentlich von Wien in die Metropolen Bordeaux und Toulouse – in nur knapp zwei Stunden! Wir verlosen...

Advertorial
News

Spektakuläre Eigentümerwechsel

Zum Jahreswechsel überschlagen sich die Meldungen über den Verkauf namhafter Weingüter: Bonneau du Martray und Biondi-Santi haben neue Anteilseigner,...

News

Spekulationen um Brangelinas Weingut

Die Hollywood-Stars Angelina Jolie und Brad Pitt gaben ihre Trennung bekannt. Die Zukunft des gemeinsamen Weinguts »Château Miraval« in der Provence...

News

Taittinger gibt Präsidentschafts-Pläne wieder auf

Nach nur zwei Tagen tritt der Präsident des berühmten Champagner Hauses von seiner Kandidatur zurück.

News

Taittinger will den Elysée-Palast erobern

Der Präsident des berühmten Champagner Hauses will jetzt als unabhängiger Kandidat für Frankreich antreten.

News

Allan Sichel ist neuer Präsident des CIVB

Sichel folgt Bernard Farges nach und wird dem Conseil Interprofessionnel du Vin de Bordeaux drei Jahre lang vorstehen.

News

Französischer Armagnac: Still alive!

Armagnac? War das nicht immer das bevorzugte Geschenk für Jubiläen und Geburtstage, weil es mit Jahrgängen versehene Flaschen gibt? Ist es nur das,...

News

Demonstranten leeren spanische Wein-Tankwagen

Aufgebrachte Französische Winzer protestieren gegen billigen Wein aus Spanien.

News

Die Weltspitze im Weinbiz

Höchste Qualität, Charakter, Originalität, Erfolge bei Auktionen, in Spitzenrestaurants und bei der globalen Weinkritik. Die Falstaff-Liste der besten...