René Gabriel
René Gabriel / beigestellt

Dann lieben Sie den Wein gar nicht! Sie benutzen ihn nur! Sie machen nur mit, weil es gerade so zur Gesellschaft passt! Oder chic ist! Oder Ihnen Wein zum Essen halt etwas besser schmeckt als eine andere Flüssigkeit. Ich gebe es hiermit offen zu: Ich liebe den Wein, und zwar von ganzem Herzen. Und wer so intensiv und innig liebt, der liebt täglich.

Ich muss auch niemandem mehr beweisen, dass ich eine gewisse Zeit ohne Wein leben könnte. Diesen Beweis habe ich bereits die ersten 15 Jahre meines Lebens geliefert. Dies mit nur ganz wenigen Aus­nahmen. Manchmal schlich ich mich heimlich in die Küche, nahm dort ein Glas und füllte es zu zwei Dritteln mit Hahnenwasser, dann ergänzte ich mit dem stetig in Literflaschen vorhandenen Kochwein und mischte viele Löffel Zucker dazu. Manchmal durfte ich am Sonntagmittag einen kleinen Schluck vom Walliser Rotwein ­probieren. Und noch ein drittes Weintraining fand bereits in meiner Jugendzeit statt: Zu Silvester gab es für uns immer süßperligen, billigen Asti Spumante.

Junge Weine sind Arbeit – reife sind Vergnügen
In den folgenden 40 Jahren lerne ich den Wein stufenweise kennen und schätzen. Mit Respekt und Ehrfurcht begegne ich jedem Tropfen. Dabei unterscheide ich klar zwischen Arbeit und Vergnügen. Junge Weine sind Arbeit – reife sind Vergnügen. So einfach trenne ich diese Situation. Bei jungen Weinen bin ich gewohnt zu taxieren, zu ­notieren, zu punktieren, manchmal auch zu kritisieren. Bei gereiften versuche ich, intensiv und bewusst ganz und gar der Genießer zu sein.

Vor ein paar Jahren fragte ich einmal Pomerols berühmtesten Châteaubesitzer Christian Moueix bei einem Mittagessen, wie er es mit dem Weinkonsum halte. Seine Antwort kam postwendend. »Es gibt für mich, außer dem Frühstück, keine Mahlzeit ohne Wein.«

Poesiealbum für Erwachsene
Mit Wein wird jedes Essen ­besser. Einst lud ich meine Freunde zu mir in die kleine Junggesellenbude ein und knöpfte jedem »Gast« stolze hundert Franken (ca. 80 Euro) für einen solchen Abend ab. Dafür wurden meine Freunde von mir fürstlich bekocht, und ich kaufte dazu damals schon relativ teure Weine. In einem Album verewigte ich dann das Menü und klebte die Etiketten der Weine mit einem kleinen Kommentar ein. Ja – damals konnte man praktisch alle Etiketten noch ganz ­einfach ablösen, indem man die ­Flaschen ein paar Stunden lang ins kalte Wasser legte. Nur an ein Etikett erinnere ich mich noch, bei dem ich das nicht schaffte. Es war ein Château Brane-Cantenac aus Margaux. Dieser hatte (und hat auch heute noch) ein goldenes ­Etikett. Auch nach einem Tag im Kaltwasserbad klebte das Ding hartnäckig an der Flasche. Da ich auch diese Erinnerung unbedingt in mein Album kleben wollte, wählte ich schließlich eine Rosskur. Ich nahm eine ganz hohe Pfanne voll Wasser, legte die Flasche hinein und ließ das Experiment eine Stunde kochen. Das Resultat war verblüffend: Das Etikett war weiß geworden und das Kochwasser golden.

Heute sind meine Weinnotizen wesentlich intensiver geworden – dafür klebe ich keine Etiketten mehr ein. Und es gibt auch jedes Jahr einen Monat, in dem ich ­meinen monatlichen Weingenuss konsequent etwas reduziere. Das
ist ­immer im Februar. Der hat am wenigsten Tage!

von René Gabriel

aus Falstaff Nr. 02/2012

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