Kaffeehauskultur: Der Kult um die Bohne

»Demel«, die bekannteste Konditorei Wiens: als ehemalige k. u. k. Hofzuckerbäckerei legendär und mit wechselvoller Geschichte.

© Peter Rigaud

»Demel«, die bekannteste Konditorei Wiens: als ehemalige k. u. k. Hofzuckerbäckerei legendär und mit wechselvoller Geschichte.

»Demel«, die bekannteste Konditorei Wiens: als ehemalige k. u. k. Hofzuckerbäckerei legendär und mit wechselvoller Geschichte.

© Peter Rigaud

Gustav Grüner war ein Freund Friedrich Torbergs, der in mindestens drei Kaffeehäusern, vor allem aber im »Café Herrenhof«, die Position eines Stammgastes beanspruchte. Von ihm stammt der fundamentale Satz: »Ein anständiger Gast stellt beim Verlassen des Kaffeehauses seinen Sessel selbst auf den Tisch.« Torberg schrieb dazu in seiner legendären Anekdotensammlung »Tante Jolesch«: »In dieser Form wurde Grüners Postulat Nacht für Nacht im Café Herrenhof von ihm erfüllt.«

Torberg und die Wiener Kaffeehäuser – kaum ein Schriftsteller hat mehr zur Legende der Wiener Kaffeehausszene beigetragen. »Im Grunde ist das ganze Buch ein Buch über das Kaffeehaus«, schrieb Torberg über die »Tante Jolesch«, in der er unzählige Geschichten aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg verewigte.

Das Geheimnis und damit das Unvergleichliche der Wiener Kaffeehauskultur beschrieb auch Stefan Zweig in »Die Welt von Ges­tern«: »Um dies zu verstehen, muss man wissen, dass das Wiener Kaffeehaus eine Institution be­son­derer Art darstellt, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist. Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stunden­­lang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten ­spielen, seine Post em­pfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann.« Ein leichtfüßig-melancholischer Ort am Rand der ver­ge­henden Zeit. Eine Insel im Verfließen des ­Tages.

Der Ursprung des Wiener Kaffeehauses geht auf eine Legende zurück: So soll der aus Polen stammende Georg Franz Kolschitzky nach der zweiten Türkenbelagerung 1683 ein paar Säcke mit Kaffeebohnen gefunden haben. Die Wiener hielten den Inhalt zunächst für Kamelfutter, Kolschitzky aber wusste, was es war, und so wurde er Wiens erster Kaffeesieder. Die Geschichte hat nur einen Haken: Sie ist frei erfunden. Tatsächlich war es eine schillernde Persönlichkeit armenischer Herkunft, nämlich Johannes Diodato, der 1685 vom Hofe die Erlaubnis erhielt, Kaffee auszuschenken. Dies war die eigentliche Geburtsstunde des ­Wiener Kaffeehauses.

»Café Imperial«: opulenter Rahmen im Nobelhotel an der Ringstraße.
»Café Imperial«: opulenter Rahmen im Nobelhotel an der Ringstraße.

Foto beigestellt

1714 existierten bereits 31 Kaffeehäuser, 1879 gab es 605 und 1918 etwas mehr als 800. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war von der heilen Kaffeehauswelt nur noch wenig übrig. Der Grund dafür: Ein Großteil der Gebildeten, Literaten, Ärzte und Anwälte jüdischer Abstammung, die einen wesentlichen Teil der Intelligenz ausgemacht hatten und von denen viele Dauergäste in den Wiener Kaffeehäuser gewesen waren, wurden von den Nazis ermordet. Sie waren einfach nicht mehr da. Heute ist die Wiener Kaffeehausszene eine gänzlich andere. Sie lebt zwar noch vom Mythos vergangener Zeiten, ist aber zwangsläufig moderner geworden, beeinflusst von Moden und internationalen Strömungen, die dafür sorgten, dass sich eine neue, trendige Szene etabliert hat.

Zu Zeiten Torbergs spielten vor allem die Cafés »Herrenhof«, »Parsifal«, »de l’Europe« und »Central« eine wichtige Rolle. Legendär war auch das »Café Museum«, in dem Karl Kraus, Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka, Robert Musil und Georg Trakl zu den Stammgästen zählten. Ähnlich viel Künstlerprominenz verkehrte auch im »Café Grien­steidl«, das 1847 von einem Apotheker dieses Namens eröffnet wurde. Man benannte es zwar 1848 in »Café National« um, die Liste der späteren Stammgäs­te vom Rang eines Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal oder Arnold Schönberg aber in­spirierte die Wiener ohnedies zu einem anderen Namen: Sie nannten das Lokal lie­bevoll »Café Größenwahn«. Das Ende des »Café National« kam 1897, erst 1990 wurde es wieder unter dem alten Namen »Griensteidl« eröffnet. Die Bedeutung von einst hat das durchaus schön gestaltete Café allerdings nie wieder erlangt.

Andere, wie das »Hawelka«, sind bis heute Eckpfeiler der Wiener Kaffeehauskultur geblieben – das Lokal hat es im Lauf der Zeit zu einer veritablen Touristenattraktion ­gebracht, durchaus vergleichbar mit der Spanischen Hofreitschule oder Schloss Schönbrunn. In den Reisebüros auf der ganzen Welt wird den Wien-Reisenden versichert: Wer nicht im »Hawelka« gewesen sei, sei nie wirklich in Wien ge­wesen.

Und dann gibt es natürlich die ehemalige k.u.k Hofzuckerbäckerei und Konditorei »Demel«, ebenfalls von Touristen gestürmt, denn zur wechselvollen Geschichte kommt auch ein unvergleichliches Interieur.

Der wichtigste Kaffeehausklassiker der Stadt aber ist noch immer das »Café Central«. 1876 gegründet, war das »Central« schon bald das »literarische WohnzimmerWiens«, ein geis­tiges Zentrum des Fin de Siècle. Manche waren dem Haus völlig verfallen. Der Kaffeehausliterat Peter Altenberg etwa gab das »Café Central« sogar als seine Wohnadresse an. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das »Central« geschlossen und 1975 neu renoviert wiedereröffnet. In den Achtzigerjahren erwarb dann der Supermarkt-Tycoon Karl Wlaschek die historische Lokalität und funktionierte sie zu einer begehrten Touris­tenattraktion um – mit einem lebensgroßen Peter Altenberg als Papp­figur gleich beim Eingang. Damit war der Geist von einst endgültig passé.

Zu den altbekannten Kaffeehausgrößen zählen auch das »Café Diglas«, das »Café Imperial«, das »Café ­Prückel«, das »Café Sperl« und vor allem aber: das »Café Landtmann«. Eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Institution. Durch die Lage in unmittelbarer Nähe zum Burgtheater, dem Rathaus und dem Parlament ist das 1873 ­gegründete Café im Lauf der Zeit zu einem Ballungszentrum der Macht geworden. In einem kleinen Nebenzimmer finden fast täglich Pressekonferenzen statt, für Journalisten, Politiker und Geschäftsleute ist das »Landtmann« seit Zeiten einer der wichtigsten Austragungsorte für geheimnisvolle Besprechungen.

Zu den Flaggschiffen der neueren Genera­tion von Kaffeehäusern gehört hingegen das »Café Engländer«. Zwar hat es auch eine ­lange Vergangenheit und hieß früher »Café Windhaag«, der heutige Betreiber Christian Wukonigg hat aus dem Lokal jedoch eine fast konkurrenzlose Institution für Künstler und Medienleute geschaffen. »Wer heute ein Kaffeehaus mit Erfolg betreiben will«, sagt Wukonigg, »der muss dem Lokal eine eigenständige Identität geben können.« Und das ist im »Engländer« zweifellos der Fall. Der Kabarettist Viktor Gernot nannte dieses Café in Gehweite zum Kabarett Simpl einmal »die teuerste Theaterkantine der Welt«.

Cafés mit einer neuen, modernen Identität weitab von der alten Kaffeehaustradition gibt es in Wien mittlerweile zuhauf. Eines der ersten dieser Art war etwa das »Caffè Delia’s« im Zentrum der Stadt – schräg vis-à-vis vom alt­ehrwürdigen »Café Korb«. Durch die Lage begünstigt, ist diese Mischung aus Café und Coffeeshop jeden Tag zum Bersten voll. Inzwischen gibt es aber eine noch wesentlich radikalere Kaffeehausszene, dazu ge-hören die sogenannten »Third-Wave-Cafés«. Zur Erklärung: In der ersten Welle ging es um die Kaffeehäuser an sich, die zweite Welle in den 1990er-Jahren wurde von Kaffeehaus-Ketten wie »Starbucks« geprägt, die dritte Welle steht für hochwertigste Bohnen aus meist eigenen Röstereien, für die überraschende Wiedergeburt des Filterkaffees – und für Kaffeemaschinen, die so teuer sind wie ein Kleinwagen.

Zu den wichtigsten Vertreterinnen dieser kaffeefixierten Community zählen Lokale wie etwa die »CoffeePirates«, die seit Jahren am Alsergrund zeigen, wie gut Kaffee sein kann. Die Kapitäne Evelyn Priesch und Werner Savernik holen Kaffee aus aller Welt, geröstet wird im Lokal. Ein Kult-Treff für Kaffee-Aficionados ist auch das »Balthasar« in der Praterstraße, wo der ehemalige Küchenchef Otto Bayer ein hippes Lokal mit grandiosen Kaffee-Spezialitäten (zum Beispiel Cold Brew) und kleinen Snacks in die Welt gesetzt hat.

Einer der besten Baristas der Stadt betreibt bereits mehrere Läden in Wien: Georg Branny hat nach seinem ersten »CaffèCouture« mittlerweile auch ein Lokal in der edlen Ferstelpassage in der Innenstadt eröffnet. Auch eine »Vienna School of Coffee« gibt es inzwischen in der Stadt. Dort lernt man sogar, einen eigenen Kaffee zu rösten. Einziger Nachteil: Man muss ihn zum Schluss auch verkosten.

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