Kärnten: Land aus Seen und Bergen

Der Weissensee liegt am Fuße der Gailtaler Alpen. Wer hier ein Bad nimmt, hat es nicht weit in die Berge. 

© Ewald Groeger

Der Weissensee liegt am Fuße der Gailtaler Alpen. Wer hier ein Bad nimmt, hat es nicht weit in die Berge. 

© Ewald Groeger

In meinem Kopf taucht immer wieder eine frühe Erinnerung auf: Ich bin in einem Bootshaus. Durch die Ritzen der Bretterwände schickt die heiße Sommersonne schräge, goldgelbe Strahlen, in denen winzige Staubkörnchen schweben. Es ist warm. Zu meinen Füßen schaukeln langsam zwei Ruderboote auf weichen Wellen. Die Sonne zeichnet blendende Muster aufs Wasser, deren Spiegelungen an den Holzwänden des Bootshauses tanzen und glitzern.

Leise klirren die Ketten, an denen die Boote befestigt sind. Wasser schlägt platschend an Holzpfähle. Gedämpft dringen von draußen Stimmen und Gelächter zu mir. Ich balanciere auf einem schmalen Balken zwischen den Booten hin zum weit geöffneten Tor des Bootshauses und trete aus dem Schatten. Alles wird gleißend hell. Die Haut wird warm. Vor mir liegt die ganze Weite des Faaker Sees. Zu meinen Füßen das Wasser, irgendwo zwischen Türkis, Blitzblau und transparentem Grün, daneben ein Dickicht aus wachsglänzenden Seerosenblättern und zartrosa Blütenschalen, die auf der Wasseroberfläche hin und her schwanken. Ich wippe auf den Zehen, drücke mich ab und springe ins Wasser.

Kärntner Farbenspiel

Mir fallen noch viele andere Dinge ein, die für mich untrennbar mit Kärnten verbunden sind. Das lodernde Orange der wilden Feuerlilienblüten auf den Sommerwiesen. Die scheinbar endlos in die Tiefe des Horizonts gestaffelten Bergzüge und Gipfel, wenn man im Gailtal an einem späten Herbstnachmittag von der Sonnseite aus in Richtung Abenddämmerung schaut. Die strahlend blauen Wintertage, an denen der lichtübergossene Schnee einen blendet und die runden, baumlosen Gipfelkuppen der Nockberge wie eine einzige Aufforderung zu einer ewigen Berg- und Talfahrt aussehen. 

Herbstliches Farbenspiel erfreut am Magdalensberg das Auge. 

© Franz Gerdl

Oder die gigantisch aufgetürmten Gewitterwolken im August, bevor die ersten Blitze über den dunklen Himmel zucken. Ping, ping, ping machen die ersten dicken Regentropfen auf der Wasseroberfläche. Bevor sie zerplatzen, sitzen sie für Sekundenbruchteile als schimmernde, wabernde Halbkugeln auf dem Wasser. Dann rennen alle lachend wie die Ameisen durcheinander, raffen ihre Sachen zusammen und stehen bald halb nass und kichernd unter Vordächern. Der Sommerregen ist oft kurz und heftig in Kärnten. Wenn er aufhört, steigt von den Straßen ein warmer Dampf auf. Man merkt, man ist im Süden. Nicht nur an den weiten Maisfeldern, zu denen hier jeder nur Kukuruz sagt. Auch an den lauen Abenden. Oder an den Schwalben im Frühling und dem langen, leuchtenden Herbst. 

Besonderheiten der Charakterseen

Da ist das seidig-weiche Moosgrün des Ossiacher Sees, aus dem man während des Schwimmens stets aufschaut zum Gipfel der Gerlitzen, dem Paradies der Paragleiter. Von der Flanke der Gerlitzen segeln und trudeln bunte Schirme gleich dutzendweise lustig zu den Seewiesen herunter. 

Das gemütliche Dunkel des Ossiacher Sees mit seinen weichen Wasserschlingpflanzen ist so ganz anders als das gleichzeitig gerade und verspielte Wesen des Millstätter Sees oder das helle, aufgekratzte Blitzblau des Wörthersees, auf den die Spuren von Booten in der Hochsaison ein Kreuz- und Quermuster zeichnen. Wenn es hier im Herbst ruhiger wird, strahlt das Rot-Gelb der Herbstbäume aus den Villengärten, und das mondäne Wesen des Wörtherseelebens tritt erst so richtig zu Tage. 

Seltsam, dass jeder See und jeder Berg so deutlich seinen eigenen Charakter hat. Das ist nicht immer leicht zu beschreiben, aber fühlen tut man es sofort. Ganz besonders in Kärnten. Kärnten ist gemacht aus Bergen und Seen. Wer hier aufwächst, ist für immer auf eine Landschaft aus Seen und Bergen geprägt. Alle Wege nach Kärnten führen durchs Gebirge. Im Norden sind es die Hohen Tauern mit ihrem goldhaltigen Gestein, die früher die Säumer mit ihren wendigen, trittfesten Pferden überquerten, um Waren aus dem Salzburgischen nach Italien und zurück zu bringen. Die Karnischen Alpen und die Karawanken bilden die Grenze im Süden, der Zug der Koralpe im Osten. Innerhalb dieser gebirgigen Umfriedung liegt – je nachdem, wie man zählt – das Land der gut und gerne 200 Seen.

In der majestätischen Landschaft der Nationalpark-Region Hohe Tauern liegt die Mohar-Kapelle.

In der majestätischen Landschaft der Nationalpark-Region Hohe Tauern liegt die Mohar-Kapelle.  

© Martin Steinthaler

Verstehen Sie mich nicht falsch. Nicht, dass andere Gefilde nicht auch schön wären: die flachen Landschaften oder die hügeligen oder die ganz gebirgigen ohne viel Wasser. Ich kann das erkennen. Aber fühlen tue ich etwas anderes: Was soll mir ein Berg, der ohne See daherkommt? Oder ein See, an dessen Ufer kein Berg liegt? Ohne Seen und Berge geht es für mich nicht.

»Ich erinnere mich nicht, dass wir als Kinder oder dass andere Kärntner Kinder oft auf Urlaub gefahren wären. Es war ja alles da.«
Julia Kospach

Im Sommer fuhren wir mit dem Fahrrad – später auch (streng verboten!) als Beifahrer auf altersschwach keuchenden Mofas – zum See. Im Winter gingen wir Ski fahren oder rodeln. Und ganz besonders viel eislaufen, vor allem zum Weissensee. Das Ritsch-Ratsch, das die Kufen unserer Eisschuhe auf dem zugefrorenen See machten, war oft das einzige Geräusch, das man hörte. 

Variierendes Farbenspiel

Es gibt wenig, was damit zu vergleichen ist: Links und rechts steigen die Berge steil auf, dazwischen der Weissensee, schmal wie ein Fjord. Wenn man Glück hat, ist Spiegeleis. Eingefrorene Luftblasen sprenkeln die dicke Eisschicht, die so durchsichtig ist, dass man jedes Detail der Baumstämme und Wasserpflanzen auf dem Seegrund erkennt. Das ist der Winter.

Alle anderen Jahreszeiten sind am Weissensee nicht minder schön: die Farbschattierungen des Wassers, die von karibischem Türkis und Himmelblau über helles Flaschen- und dunkles Tannengrün bis zu Tiefseeblau und beinahe Schwarz reichen. Kleine Buchten, weißgraue Kalksteinfelswände und mildgrüne Schilfgürtel, blühende Feuchtwiesen mit Dutzenden von raren Pflanzenarten, Knabenkrautorchideen direkt am Wegrand, und überall ein Summen und Brummen, Zwitschern und Sirren, untermalt vom leisen, wohligen Schlag kleiner Wellen ans Ufer. 

Der friedliche Riese ist allgegenwärtig

Hinter einem anderen See, dem Faaker See nämlich, steigt der Mittagskogel empor. Er heißt so, weil er von Schloss Rosegg im Rosental aus genau im Mittag steht. Der Mittagskogel ist der gutmütige Gigant meiner Kindheit. Von dort, wo ich aufgewachsen bin, kann man ihn immer sehen. Und immer zeigt er die eindringliche Silhouette eines felsigen Vulkans. Kahl, grau und kantig im Sommer; mit weiß gemaserten Flanken im Winter. Ich wusste, er würde nie ausbrechen. Ich wusste sogar, dass der Mittagskogel eine Art Mogelpackung ist. Denn das, was vom Tal aus wie ein oben horizontal abgebrochener Vulkankegel aussieht, ist eigentlich ein Hochplateau. Ich weiß es. Ich war oben. 

Ich kenne auch einige andere Gipfel der Karawanken, zu denen der Mittagskogel gehört, aus eigener Ansicht. Zackig, kahl und schroff erheben sie sich als schützende Phalanx an der Kärntner Südgrenze. An manchen Tagen, wenn die Luft klar ist, sieht man dahinter noch einzelne Gipfel der Julischen Alpen hervorlugen. Dann weiß man sich schon in Slowenien und Italien. Überhaupt ist es in Kärnten so, wie es in einer anonymen Beschreibung der Erstbesteigung des Großglockners aus der Zeit um 1800 heißt: Nicht nur von diesem höchsten der Gipfel Kärntens aus habe man den Eindruck, »einer Kette von Felsengebirgen« gewahr zu werden, »welche die Provinz Kärnten auf natürliche Art zu umfassen scheinen«.

Und alle Wege aus diesen Bergen führen früher oder später hinein in ein Tal und ans Ufer eines Sees. Versprochen!

Aus dem Falstaff Kärnten Spezial 2017

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