Jahrgang 2020: Weinjahr der Gegensätze in Österreich

Wetterumschwung im Traisental

© ÖWM / Marcus Wiesner

Wetterumschwung im Traisental

Wetterumschwung im Traisental

© ÖWM / Marcus Wiesner

http://www.falstaff.at/nd/jahrgang-2020-weinjahr-der-gegensaetze-in-oesterreich/ Jahrgang 2020: Weinjahr der Gegensätze in Österreich Eine erste Analyse des Jahres 2020 verspricht animierend frische Weiße, fein ausgewogene Rote und manche süße Rarität. http://www.falstaff.at/fileadmin/_processed_/0/4/csm_NOE_Traisental_Wetterkreuz-c-OEWM-Marcus-Wiesner--2604_edfcbb0f62.jpg

Das Jahr 2020 hat uns nicht nur angesichts der Corona-Pandemie vor große Herausforderungen gestellt, auch die heimischen Winzer hatten im vergangenen Jahr mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen. Nichtsdestotrotz gelang den Weinbauern ein beachtlicher Jahrgang 2020, wie nun die Österreich Wein Marketing in einer Aussendung mitteilte.

Trotz unterschiedlicher Jahrgangsverläufe in den einzelnen Weinbaugebieten zeichnen sich frische, aromatische, eher leichte Weißweine mit lebendiger Struktur ab. Bei den Rotweinen ergibt sich ein differenziertes Bild, wobei hohe physiologische Traubenreife in einigen Rotweinhochburgen auf sehr gute Qualitäten bei moderatem Alkoholgehalt hoffen lässt.

Wechselhaftes Wetter

Die ersten Monate des Jahres waren durch wenig Niederschlag geprägt, vor allem der April gesaltete sich als extrem trocken. Die Frostschäden fielen 2020 gering aus, der Mai brachte dann Regen in geballter Form und auch der Juni war sehr feucht und wechselhaft. Die Blüte erfolgte zu einem durchschnittlichen Zeitpunkt und verlief im Wesentlichen unproblematisch, mancherorts gab es bei einzelnen Rebsorten Verrieselungen.

Der Sommer gab sich wechselhaft, längere Hitzewellen blieben ebenso aus wie hohe Spitzentemperaturen. Die häufigen Niederschläge führten zu starkem Pflanzenwachstum und Krankheitsdruck, der Ausbreitung von Pilzkrankheiten musste daher mit sorgfältiger Laubarbeit und einer guten Belüftung der Trauben entgegengewirkt werden. Lokale Hagelunwetter führten teils zu schlimmen Schäden, etwa in der Wachau, im Krems- und Traisental.

Der September hatte ebenfalls zwei Gesichter: Einerseits verzeichnete er so viele Sonnenstunden wie ein Sommermonat und entsprechend hohe Tagestemperaturen, andererseits kam es gegen Monatsende in vielen Gebieten zu andauerndem Starkregen mit rekordverdächtigen Niederschlagsmengen. Aufgrund dieser feuchtwarmen Witterung hatten die Winzer alle Hände voll zu tun, um die Gesundheit der Trauben zu erhalten. Relativ niedrige Nachttemperaturen wirkten sich positiv auf die Aromenbildung und Säurestruktur aus.

Anfang September begann die Hauptlese, die sich bei recht guten Bedingungen großteils bis Ende Oktober zog. Nicht nur in den vom Hagel betroffenen Weinbaugebieten war eine genaue Selektion und somit ein kostenintensiver Ernteeinsatz erforderlich.

Niederösterreich & Wien: Facettenreichtum

In Niederösterreich und Wien sind sehr frische und fruchtbetonte Weine zu erwarten, mit etwas niedrigerem Alkoholgehalt und rassigerer Säure als in den vergangenen Jahren.

Die Sortentypizität kommt dabei sowohl bei der Leitsorte Grüner Veltliner als auch bei den Rieslingen und der Burgunderfamilie gut zum Ausdruck. Etwas schwieriger könnte es für Bukettsorten wie Muskateller und Traminer werden, ihre Vorzüge voll zur Geltung zu bringen. Sehr ansprechend sollten insbesondere Weine der Klassik- bzw. Gebietsweinkategorie ausfallen, weil sie kecke Frische und klare Frucht mit belebender, nicht aggressiver Säure verbinden.

Mit Spannung erwartet wird die Performance der Weißweine der Reservekategorie, die 2020 nach penibler Auslese nur in geringerer Stückzahl möglich waren. Hoffen darf man hier auf Rieden- und Premiumweine mit Balance, Präzision, Struktur und Standfestigkeit für eine längere Lagerung.

In den Rotweinzentren der Thermenregion und von Carnuntum rechnet man mit fruchtbetonten, etwas leichteren und eleganten Rotweinen, wobei alle Rebsorten und Gewichtsklassen verfügbar sein sollten; die besten Exemplare könnten das Format der feinfruchtigen 2016er erreichen. Besonders vielversprechend dürften neben Zweigelt und Blaufränkisch auch Sankt Laurent und Pinot Noir ausfallen.

Burgenland als Gewinner

Erste Verkostungen lassen die Vermutung zu, dass das Burgenland zu den Profiteuren des Jahrgangs 2020 zählen könnte. Die herbstlichen Regenfälle bieben dort großteils aus bzw. waren schwächer, die frühe Traubenreife ermöglichte beispielsweise rund um den Neusiedler See eine Hauptlese vor dem Wetterumschwung Ende September.

Kennzeichnend für die 2020er-Weißweine aller Rebsorten ist ein ausgereiftes, harmonisches Geschmacksbild, das von einer rassigen Säurestruktur ergänzt wird, sodass von Leithaberg & Co. einiges zu erwarten ist.

Hohe Erwartungen gibt es in allen burgenländischen Appellationen auch bezüglich der Rotweinqualität. Wie stets in kühleren Jahren war es 2020 wichtig, den Ertrag entsprechend zu reduzieren. In den besten Fällen sollten Rotweine von kühler Eleganz und mit saftiger Frucht erzielbar sein, die vielleicht mit 2016 vergleichbar sind. Alles in allem sind also ausgewogene Zweigelt und Blaufränkische von erstaunlicher Reife zu erwarten, aber auch die französischen Sorten aus geeigneten Lagen sollten aufzeigen können.

Spät, aber doch konnten 2020 sogar edelsüße Raritäten wie Ruster Ausbruch DAC und Neusiedlersee DAC gewonnen werden, wenn auch in geringer Menge. Vereinzelt haben eiskalte Nächte sogar die Kelterung von Eisweinen erlaubt.

Die Weingartenkapelle bei Neckenmarkt im Mittelburgenland.

Die Weingartenkapelle bei Neckenmarkt im Mittelburgenland.

© ÖWM / Robert Herbst

Steiermark: Geduldsspiel

Aus der Steiermark sind knackig-frische Welschrieslinge, Muskateller und Sauvignons zu erwarten, die reintönige, sortentypische Frucht mit Rasse verbinden. Ebenso wie die kräftigeren Orts- und Riedenweine besitzen sie somit jene Merkmale, die sie unverwechselbar machen.

Auch in der Steiermark bedeutete das regenreiche Tiefdruckgebiet im September eine gewisse Zäsur und hatte Ernteunterbrechungen zur Folge. Wer die Nerven hatte, die Lese erst einige Zeit nach dem Regen fortzusetzen, wurde mit wunderbar sonnigen Oktobertagen belohnt, die eine perfekte Ausreifung der Trauben ermöglichten. Freilich war zu diesem Zeitpunkt eine penible Selektion – unter Inkaufnahme von Mengenverlusten – essenziell, um gesundes Traubenmaterial einzufahren. So konnten ebenjene Riedenweine eingebracht werden, die für das hohe Renommee der steirischen Weinbaubetriebe verantwortlich sind.

Besonders attraktiv und charakteristisch sollte die steirische Leitsorte Sauvignon Blanc ausgefallen sein, die naturgemäß von guter Wasserversorgung profitiert. Nach dem erwähnten Zuwarten hat auch die Burgunderfamilie sehr gutes Niveau erbracht, was für die Rieslinge im Sausal in gleicher Weise gilt. Ein wenig schwieriger dürfte es fallweise für die Muskateller werden, da das Auftreten der Kirschessigfliege mitunter eine ungewollt frühe Lese erzwang. Insgesamt könnten die steirischen Weißen somit ein Profil erreichen, wie es vergleichsweise für die gelungenen 2013er und die leider bloß in geringer Menge erhältlichen 2016er kennzeichnend war.

Ähnliches gilt auch für die weststeirischen Schilcher, die nach einigen von hoher Reife geprägten Jahren wieder mehr typische Frische und Rasse bei schlankerer Statur in den Vordergrund stellen.

Der Aunberg in Tieschen im Vulkanland Steiermark.

Der Aunberg in Tieschen im Vulkanland Steiermark. 

© ÖWM / Marcus Wiesner

Weingärten bei Feldkirch in Vorarlberg (Bergland).

Weingärten bei Feldkirch in Vorarlberg (Bergland).

© ÖWM / Marcus Wiesner

Überraschendes Bergland

Rundum zufriedene Stimmen ertönten dieses Mal im – aus einer Vielzahl von Weinbauenklaven zusammengesetzten – Bergland.

Weinbauern aus Oberösterreich berichten von keinerlei Beeinträchtigungen durch Wetterkapriolen und einem exemplarisch gelungenen Jahrgang.

Ähnlich erfreuliche Nachrichten kommen auch aus Kärnten, wo ebenso ein schöner Herbst nach reichlichen Niederschlägen im Frühjahr und Sommer für zufriedenstellende Reife und ausgeprägte Aromatik gesorgt hat.

Ganz im Westen, in den Tiroler und Vorarlberger Weinbaufluren, war umsichtiger Pflanzenschutz noch wichtiger als sonst, um dem Befall durch Peronospora und Oidium vorzubeugen. Die dort im Herbst übliche Föhnwetterlage blieb 2020 zwar nahezu aus, dennoch konnte bei der Mitte bis Ende Oktober erfolgten Lese reifes Traubengut von überdurchschnittlicher Qualität geerntet werden.

oesterreichwein.at

 

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