Interview: »Wien erfindet sich immer wieder neu«

Bürgermeister Michael Ludwig (Mitte), Wirtschaftskammer-Wien-Präsident Walter Ruck (l.) und Finanzstadtrat Peter Hanke.

© C.Jobst/PID

Bürgermeister Michael Ludwig (Mitte), Wirtschaftskammer-Wien-Präsident Walter Ruck (l.) und Finanzstadtrat Peter Hanke.

© C.Jobst/PID

Falstaff: Die Auszeichnung als »Lebens-werteste Stadt der Welt« hat Wien seit vielen Jahren offenbar für sich gepachtet – wie kommt es zu dieser Dominanz? Und was ist das Geheimnis, dass auch so viele Menschen aus dem Ausland, die im Laufe ihres Berufslebens nach Wien kommen, die Stadt als so außergewöhnlich lebenswert empfinden?
Michael Ludwig: Wien ist eine Weltstadt, in der moderne Stadtentwicklungsgebiete traditionellen Grätzelstrukturen gegenüberstehen. Diese einzigartige Mischung macht Wien zu dem, was es ist. Und gerade in den letzten Monaten haben wir gesehen, dass Faktoren wie eine gute Gesundheitsversorgung, soziale Sicherheit und politische Stabilität über Nacht entscheidend geworden sind. Wien hat sich genau hier in den letzten Jahrzehnten positioniert. Die vielfache Auszeichnung als lebenswerteste Stadt der Welt, in die viele solcher Indikatoren einfließen, ist das deutlichste Zeichen für diese Schwerpunktsetzungen.
Peter Hanke: Wien ist eine Metropole mit kurzen Wegen, einer hohen Dichte an gut ausgebildeten Fachkräften und bietet hohe soziale Standards. Es gibt ein sehr breites Angebot an Kinderkrippen und Kindergärten. Diese sind ganztags geöffnet und gratis. Wir haben ein sehr gut ausgebautes Öffi-Netz und eine Jahreskarte für einen Euro am Tag. Das sind alles wichtige Standortfaktoren für internationale Unternehmen. Das sehen wir nicht nur bei der Auszeichnung als lebenswerteste Stadt, sondern auch bei den internationalen Betriebsansiedlungen, wo wir im Jahr 2019 mit 266 wieder einen Rekord verzeichnet haben.
Walter Ruck: Wien ist eine der wenigen Weltstädte, in der Wohnen, Arbeiten und Freizeitgestaltung noch möglich ist. Es ist auch eine Stadt der kurzen Wege. All das macht Wien auch als Arbeitsstätte attraktiv, wovon wir Wirtschaftstreibenden profitieren. Was in Wien besonders gut funktioniert, ist die Zusammenarbeit zwischen der Politik und den Sozialpartnern, ein wesentlicher Faktor, warum Wien so eine hohe Lebensqualität hat. Gemeinsam gehen wir den Wiener Weg.

Sie sind alle von Berufs wegen permanent in Wien unterwegs, kennen jedes Grätzel. Welches sind Ihre persönlichen Lieblingsecken – und weshalb?
Hanke: Die Alte Donau im 21. Bezirk ist so eine Oase der Ruhe für uns geworden. Dorthin ziehen meine Familie und ich uns gerne zurück und genießen die Nähe zum Wasser.
Ruck Ich kann mich nicht auf eine oder zwei Lieblingsecken festlegen. Wien ist so vielfältig. Ich sitze gern in einem Schanigarten auf einen Kaffee.
Ludwig: Eigentlich überall, wo die Wiener Küche glänzt. Am liebsten, wenn es Fleischlaberl gibt.

Wien hat in den letzten Jahrzehnten eine beachtliche Wandlung von einer durchwegs grauen, ziemlich provinziellen Stadt zu einer lebensfrohen, bunten, vielfältigen Metropole durchgemacht. Wie kam es dazu? Und wie wird es sich fortsetzen?
Ludwig: Ich sehe Wien als Stadt, die sich immer wieder neu erfindet und innovative Lösungen entwickelt, um eine nachhaltige Zukunft für alle zu ermöglichen. Eine Stadt, die auch in herausfordernden Zeiten sozialen Zusammenhalt und ein leistbares Leben für alle in Wien lebenden Menschen an erster Stelle sieht. In naher Zukunft soll Wien Digitalisierungshauptstadt Europas und bis 2030 »Innovation Leader« werden.
Ruck: Ich bin mir sicher, dass wir den Wiener Weg gemeinsam zum Wohle der Stadt weitergehen werden. Wien hat sich toll entwickelt, was auch daran liegt, dass Unternehmen hier ein gutes Umfeld finden. Wenn die Wirtschaft prosperiert, ist das positiv für die Entwicklung der ganzen Stadt.
Hanke: Wien ist der Wirtschaftsmotor Österreichs. 2019 haben wir einen Beschäftigungsrekord verzeichnet, das Null-Defizit geschafft und so viele Betriebsansiedlungen wie noch nie verzeichnet. Wir sind in vielen Bereichen effizienter geworden. Und auch jetzt werden wir der Krise trotzen und diesen Weg entschlossen weiter gehen.

Stichwort Kulinarik – die Bandbreite an Lokalen und Küchen in Wien ist riesig – welcher davon gehört Ihr Herz? Und welche Speise vermag es, Sie – egal wo auf der Welt – emotional sofort wieder nach Wien zu bringen?
Ruck:
Ich schätze das vielfältige kulinarische Angebot Wiens sehr. Angefangen von der Wiener Küche, für die wir bekannt sind, bis zu internationalen Küchen. Ich mag die Abwechslung, weshalb ich im Ausland gerne die lokalen Küchen genieße. Was mich aber immer sofort an Wien erinnert, ist ein guter Kaffee.
Hanke: Ich muss zugeben, neben der Wiener Küche liebe ich dalmatinisches Essen.
Ludwig: Mein Herz gehört der Wiener Küche. Wenn ich im Ausland bin, schmeckt es mir natürlich auch gut, aber emotional zurück nach Wien »beamt« mich verläslich eine Sachertorte.

Gibt es, bei aller Vielfalt, eine Küche oder eine gastronomische Strömung, die Sie in Wien vermissen und gerne in der Stadt sehen würden?
Hanke: Bei der großen und bunten Auswahl an Genüssen, die Wien bietet, bleibt kein Wunsch offen.
Ludwig: Wien hat mit über 6000 Gastronomiebetrieben eine Vielfalt, die auch ich noch nicht zu Gänze erforscht habe. Die Strömungen stimmen. Von Schnitzel bis Thai Curry, von Apfelstrudel bis veganem Eis ist alles da.
Ruck: Mir fehlt hier kulinarisch gar nichts.

Es gibt das geflügelte Wort »Wien ist ein Dorf« – und in der Tat hat Wien auch heute noch sehr dörfliche Strukturen. Es gibt viele Menschen, die »ihr« Grätzel oft tage- wenn nicht wochenlang kaum verlassen. Liegt in dieser strukturellen Kleinheit ein Geheimnis für den hohen Lebensstandard?
Ludwig: Wien ist aus Dörfern erwachsen. Die Menschen gestalten ihre Umwelt und Grätzel entwickeln sich, weil die Bewohner gerne so leben wollen. Der hohe Lebens-
standard Wiens ist das Ergebnis der fleißi-gen und ernsthaften Arbeit der Bürgerinnen und Bürger. Gemeinsam mit einer guten politischen Führung. Die Menschen arbeiten täglich hart und konsequent, aber sie verstehen es, den Tag mit Lebenslust, Schmäh, und Herzlichkeit zu verweben. Das macht Wien zur lebenswertesten Stadt der Welt.
Ruck: Funktionierende Grätzel, Nahversorgung und belebte Erdgeschoßzonen sind die Basis einer lebenswerten Stadt. Vor allem besiedelten Erdgeschoßzonen gilt unser verstärktes Augenmerk, auch weil sie das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung heben. Wer geht schon gerne durch finstere Straßen? Beleuchtete Geschäfte schaffen eine positive Atmosphäre.
Hanke: Der Vorteil in Wien ist, dass man sich in sein Grätzel zurückziehen und dort die Möglichkeiten von Einkauf bis zur Gastronomie nutzen kann. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, schnell und unkompliziert jeden anderen Teil Wiens zu erreichen und auf die dortigen Annehmlichkeiten zuzugreifen. Dies trägt zu einem großen Teil zum hohen Lebensstandard bei.

Wenn man Wien mit ähnlichen Städten vergleicht, fällt auf, dass es hier verhältnismäßig günstig ist, eine gute Zeit zu verbringen. Man kann, muss aber nicht zwingend viel ausgeben, um Spaß zu haben, Natur und Kultur zu genießen und gut essen und trinken zu können. Und auch der Weg zum Vergnügen ist günstig – kaum eine andere Großstadt ist vom öffentlichen Verkehr her so gut erschlossen. Wieso ist das in Wien möglich und in vielen anderen Städten nicht?
Ruck: Die Frage ist, ob wir – gerade in der Gastronomie – nicht sogar etwas zu günstig sind?! Wien hat viel zu bieten, das Preis-Leistungs-Verhältnis ist ausgezeichnet. Wir sollten unser Licht nicht unter den Scheffel stellen.
Ludwig: Die gute Infrastruktur fußt ja auf der Arbeit unserer Vorgängerinnen und Vorgänger, die sie mit den Bürgerinnen und Bürgern entwickelt und gebaut haben. Und auch wir werden die Stadt weiterentwickeln. Der gemeinsame Spirit der Menschen in Wien macht manches möglich, was in anderen Städten nicht möglich ist. Jeder, auch alle Hinzukommenden werden von diesem Spirit erfasst. Das ist toll!
Hanke: Der Ausbau der öffentlichen Infrastruktur war immer ein großes Anliegen der Stadt Wien. Dies ist eine Grundvoraussetzung, um allen den Zugang zu den Erholungsgebieten und Freizeitaktivitäten ermöglichen zu können. Auch das macht Lebensqualität aus.
 

Zu einem guten Essen gehört eine Getränkebegleitung – in Wien wird sowohl erstklassiger Wein hergestellt als auch großartiges Bier gebraut. Wozu greifen Sie lieber?
Hanke: Ich genehmige mir sowohl gerne ein erfrischendes Bier als auch guten Wein – es kommt immer auf die Gegebenheit an.
Ruck: Vor dem Essen gerne ein kleines Bier, und zum Essen dann ein gutes Glas Wein.
Ludwig: Im Biergarten zu Bier und bei einem Heurigen zu Wein. Und beides in Maßen.

Den Wienern wird nachgesagt, trotz aller Herrlichkeit ihrer Heimatstadt ein grantiger, mieselsüchtiger Menschenschlag zu sein. Können Sie diese Zuschreibung bestätigen?
Ludwig: Das ist eindeutig ein Vorurteil, über das ich nur schmunzeln kann. Alleine wenn man sich den Zusammenhalt der Menschen in den letzten Monaten anschaut, weiß man, dass das Gegenteil der Fall ist.
Hanke: Aber nein, den grantelnden Wiener per se gibt es nicht. Ich begegne hier durchwegs freundlichen und offenen Menschen.
Ruck: Mir wäre das bis jetzt nicht aufgefallen. Der grantelnde Wiener ist ein Klischee.

Wie würden Sie einem Menschen, der noch nie in Wien war und auch keinerlei Vorstellung davon hat, die Stadt beschreiben?
Ruck: Ich würde ihn oder sie nach Wien einladen, um sich von seiner Einzigartigkeit und Gastlichkeit zu überzeugen.
Hanke: Wien ist eine Stadt, die dich nicht mehr loslässt. Sie fesselt durch eine einzigartige Mischung aus jahrhundertealtem historischem Flair, gepaart mit Modernität und Weltoffenheit. Sie ist, so wie ihre Bewohnerinnen und Bewohner, einzigartig, charmant, bunt und pulsierend.
Ludwig: Wien ist für mich die schönste und lebenswerteste Stadt der Welt. Und für mich als Bürgermeister dieser Stadt ist es eine Ehre, jeden Tag die Ärmel für unser Wien hochkrempeln zu dürfen.

Letzte Frage: Wenn wir noch Zeit hätten, um gemeinsam einen Happen zu essen – wohin würden Sie spontan gehen?
Ludwig: Gehen wir zum Wirt um die Ecke.
Ruck: In einen schattigen Schanigarten.
Hanke: Wenn es schnell gehen müsste, sag’ ich zu einem guten Paar Würstel am Würstelstand nicht nein.

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