Interview: Typisch britisch?

Seine Exzellenz, Leigh Turner, wird von Antonio, seit 39 Jahren Butler der britischen Botschaft in Wien, mit Tea und Scones versorgt.

© Wolfgang Wolak

Seine Exzellenz, Leigh Turner, wird von Antonio, gebürtiger Spanier und seit 39 Jahren Butler der britischen Botschaft in Wien, mit Tea und Scones versorgt.

Seine Exzellenz, Leigh Turner, wird von Antonio, seit 39 Jahren Butler der britischen Botschaft in Wien, mit Tea und Scones versorgt.

© Wolfgang Wolak

Britische Popmusik, britische Ladys, britischer Whisky, bri­tische Mode, britisches Flair, britische Gentlemen, britischer Tweed, britischer Landhausstil, britischer Humor, britische Krimis, britisches Fair Play, britischer Fußball, britische Härte, britische Höflichkeit, britische Traditionen, britisches Königshaus, britisches Design, britischer Lifestyle …Wohl keine andere Nation auf der Welt wird mit so vielen unterschiedlichen Attributen in Verbindung gebracht und gleichzeitig für so viele davon geschätzt wie un­sere Freunde jenseits des Ärmelkanals. Britisch zu sein, ist zu einer Trademark ge­worden, ein Gütesiegel, mit dem sich ­gerne schmückt, wer als erfolgreich, modern und gleichzeitig traditionsbewusst gelten will, ohne dabei verstaubt zu wirken. »Being ­British is an attitude« – britisch zu sein, ist eine Frage der Haltung. Diese Einschätzung würde die große Mehrheit der Britinnen und Briten sofort unterschreiben. Aber: ­Was macht diese Haltung aus? Und woher kommt sie überhaupt? Falstaff bat den britischen Botschafter in Wien, Leigh Turner, einen langjährigen Beobachter und Kenner unseres Landes, um eine Einschätzung: Woher kommt die weltweite Begeisterung für alles Britische? Und wo unterscheiden sich Briten und Österreicher?

Falstaff: Herr Botschafter, Großbritannien ist für Millionen Menschen weltweit ein Vorbild auf sehr vielen, sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Ebenen. London gilt als vielfältigste und spannendste Metropole der Welt. Was machen Britinnen und Briten offenkundig besser als andere?
Leigh Turner: Das hat mit mehreren Faktoren zu tun. Zum einen hat Großbritannien eine sehr lebendige Geschichte und war schon vor 200, 300 Jahren ein sehr welt­offenes Land. Auch die Entwicklung der modernen Mode und eines modernen Lebensstils hat hier schon sehr früh begonnen. Ein weiterer Faktor ist, dass Großbritannien sehr lange eine relativ stabile Gesellschaft gewesen ist. Sogar 1848, als es in halb Europa zu Revolutionen gekommen ist, war es bei uns verhältnismäßig ruhig. Und obwohl natürlich auch wir unter den Folgen der Weltkriege gelitten haben, ist das nicht zu vergleichen mit der Zerstörung der Gesellschaft, wie sie in vielen anderen europäischen Ländern stattgefunden hat. Das alles hat zu jenem Lebensstil geführt, den man heute als britisch bezeichnet.

Ein Lebensstil, der von den meisten Menschen als sehr traditionell wahrgenommen wird.
Einerseits ja. Aber auf der anderen Seite war Großbritannien immer auch schon Vorreiter bei neuen Entwicklungen, ­sei es technischer oder kultureller Natur. Es gibt bei uns eine starke Konzentration von Talent und Tradition. Wobei ich aber immer sage, dass Großbritannien kein sehr traditionsreiches Land ist im Vergleich etwa mit Österreich.

Wie ist das zu verstehen?
Sehen Sie, wenn man zum Beispiel fragt, welche Tracht ein typischer Brite trägt, ist das schwer zu sagen. Was ist ein typisch britisches Volkslied – schwer zu sagen. Ein britischer Tanz – schwer zu sagen. Wenn ich die Wiener Ballsaison anschaue, dann respektiere ich diese Tradition natürlich, ich gehe auch selbst gerne auf Bälle. Aber in Großbritannien sind solche Bälle schon in den 1950er-Jahren ausgestorben, weil niemand mehr hingehen wollte. Es war einfach nicht cool, Tradition hin oder her. Gleichzeitig gibt es in unserer Gesellschaft aber viele traditionelle Werte wie Humor, Lebensstil, Toleranz und – sehr wichtig in diesen Zeiten – Weltoffenheit. Jeder dritte Bewohner Londons ist nicht in Großbritannien geboren, das ist eine hohe Zahl. Und ich bin zuversichtlich, dass dieser Austausch zwischen Großbritannien und der Welt auch weiterhin fortgesetzt wird.

Zahlreiche Länder auf dem Kontinent gehen derzeit einen anderen Weg und versuchen zunehmend, ihre Grenzen zu schließen …
Wir sind eine Nation von Seefahrern, und ich denke, das spürt man quer durch die Gesellschaft. Man akzeptiert Unsicherheit und weiß, dass die Welt nicht wirklich ­unter Kontrolle gebracht werden kann. Gleichzeitig haben wir einen größeren Optimismus, was politische Stabilität angeht. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass unsere Insel zuletzt im Jahr 1066 besetzt worden ist.

Wie gelingt es den Briten so scheinbar mühelos, traditionelle Werte mit dem permanenten Streben nach Erneuerung zu vereinbaren?
Das klappt sehr gut! Unser Königshaus ist dafür das beste Beispiel. Die Rolle der Royals wurde bereits im 18. Jahrhundert reformiert und an die gesellschaftlichen Veränderungen angepasst. Seither haben sie kon­stitutionell relativ wenig Macht, gleichzeitig aber weiterhin eine sehr wichtige Funktion.

Lassen Sie uns noch kurz über kulinarische Genüsse sprechen. Sie leben seit vier Jahren in Österreich – welche Landesküche bevorzugen Sie, die britische oder die österreichische?
Ich neige zu vegetarischen Speisen, aus gesundheitlichen wie ökologischen Gründen. Und ich versuche, unterschiedlich zu genießen. Ich mag auch österreichisches Essen gerne, etwa Käsespätzle oder kalte Köstlichkeiten vom Heurigenbuffet. Und ich bin auch bei einem Würstelstand happy – bei Käsekrainern werde ich schwach.

Was empfehlen Sie aus der britischen Küche?
Die ist so vielfältig. Einerseits sind sogenannte »comfort foods« wie etwa Fish & Chips wirklich gut. Und dann haben wir natürlich viele unterschiedliche Küchen aus aller Welt bei uns. Aber es gibt auch Dinge, von denen ich Neulingen abraten würde. Haggis etwa, der mit Innereien gefüllte Schafsmagen. Ich liebe es, aber das ist de­finitiv kein Essen für jedermann.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 01/2020
Zum Magazin

MEHR ENTDECKEN

  • 12.03.2020
    Britischer Wein – Tausend Jahre Tristesse
    Die Geschichte des Weinbaus in England: von den Römern importiert, von den Mönchen kultiviert und vom Adel meist ignoriert – Winzer hatten...
  • 12.03.2020
    Gourmet-Eldorado: Brit Chic für den Tisch
    Eine gute Portion royalen Genuss? Table-Decor-Highlights und kulinarische Must-haves – very British!
  • 23.03.2020
    World Champions: Taylor’s Port
    Seit der Gründung im Jahr 1692 ist das Portweinhaus Taylor’s in britischer Hand. Das färbt auf den Stil der Weine ebenso ab wie auf die...
  • 12.03.2020
    English Sparklings: Klasse statt Masse
    Der Klimawandel lässt auch auf den britischen Inseln die Temperaturen steigen – und hat einen wahren Weinbau-Boom ausgelöst. Vor allem mit...
  • 13.03.2020
    Die Briten und der Weinhandel
    Obwohl selbst nicht mit auch nur einigermaßen ernst zu nehmenden Lagen gesegnet, bestimmt England – den Seefahrern sei dank – seit...
  • 13.03.2020
    Die Geschichte des Claret
    Viele Jahrzehnte aus der Mode, hat sich der zutiefst englische Begriff zuletzt wieder fest im Vokabular der Weinliebhaber etabliert. Aber...

Mehr zum Thema

News

Nachgefragt: Wann geht die Party wieder los?

Falstaff sprach mit dem bekanntesten und charismatischsten Gastgeber und Insider auf Ibiza Ulises Braun über die Auswirkung von Corona auf die...

News

Individuelle Schirm-Konzepte mit Doppler

Neu- oder Umgestaltung des Gastgartens? Auf das Gesamtkonzept kommt es an. Doppler liefert die Lösung aus einer Hand.

Advertorial
News

Well-Being: Check-in neues Ich

Bio-Hotel und Medical-Spa: gut und schön – aber im »Imlauer Hotel Schloss Pichlarn« denkt man noch einen Schritt weiter und bietet auch ästhetische...

News

Territorium, Natur, Mensch und Kunst

La Regola zählt zu den Weinpionieren in Riparbella, unweit von Bolgheri an der toskanischen Küste. Falstaff sprach mit Flavio Nuti, Direktor und...

Advertorial
News

Ändert Covid unseren Appetit?

Im Falstaff-Interview spricht der Trend- und Zukunftsforscher Tristan Horx über Nachhaltigkeit, Fleischkonsum und die Covid-Krise.

News

Die Architektur des Aromas

Er ist der Herr der Weingläser in elfter Generation. Für Maximilian Riedel sind Gläser Werkzeuge des Trinkgenusses, verbinden Funktionalismus mit...

News

Nachgefragt: Wie fliegen wir in Zukunft?

Falstaff sprach mit dem Top-Manager der Luftfahrtbranche Tim Clark über Drohnen und die Auswirkung von Corona auf Flugreisen.

News

Erwin Wagenhofer im Falstaff-Talk

Sagen Sie einmal, Erwin Wagenhofer … ändert der Klimawandel unser Essen?

News

Interview mit Mireia Torres: »Wir sollten nicht radikal werden«

Falstaff im Gespräch mit der Generaldirektorin des spanischen Weinguts Jean Leon über lokale und internationale Sorten sowie andere Stilfragen.

News

Young Talent Mikic: »Ich bleibe der Gastronomiebranche treu.«

Sandra Mikic hat an Wettbewerben Gefallen gefunden, sie gäben ihr Selbstbewusstsein und ein besseres Auftreten. Im Interview spricht sie über ihre...

News

Genusstipps von Sektmacher Norbert Szigeti

»Gutes Schmalz, gutes Brot - mehr brauch ich nicht!« Norbert Szigeti verrät uns wo er am liebsten essen geht.

News

Mörwald, Herzig und Tement: Service, Bitte!

Pandemie und Lockdown. Eine Zerreißprobe für Unternehmer und Mitarbeiter. Toni Mörwald, Sören Herzig und Armin Tement über fehlendes Personal,...

News

Interview mit Wein & Vinos: Reservas laufen gut

Wird das von Weintrinkern geschätzt oder geht der Trend zu jüngeren Weinen? Was hat sich durch Corona verändert? Ein Gespräch mit zwei...

News

Steiermark: Das Grüne Herz als Top-Destination

Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer und Tourismuslandesrätin Barbara Eibinger-Miedl über die neue Struktur in der steirischen Tourismuslandschaft...

News

Kaffee: »Mit Innovationen immer einen Schritt voraus.«

Annette Göbel von Jura spricht im Experten-Interview über die Rolle als Innovationsleader bei Kaffeespezialitäten-Vollautomaten, Service und...

Advertorial
News

Lugana und Valpolicella

Große Weine aus zwei außergewöhnlichen Gebieten in Norditalien. Falstaff sprach darüber mit Alberto Zenato.

Advertorial
News

Wird Beyond Meat das nächste Amazon?

Björn Witte im Gespräch mit Falstaff über Proteinalternativen und ihre Entwicklung.

News

Interview mit Mario Pulker und Jochen Danninger

Niederösterreich: Der WKÖ-Gastronomie-Spartenobmann und der Tourismus-Landesrat im Falstaff-Talk.

News

Christina Artner-Netzl: Lieblingsdestination Piemont

Im Falstaff-Talk spricht die Spitzenwinzerin Christina Artner-Netzl über das Verreisen und ihre Liebe zum Piemont.

News

Die neue Frische in Vicky Heilers Küche

Unternehmerin und Trendsetterin Vicky Heiler (@vickyheiler) gibt uns exklusive Einblicke in ihre neue Küche.

Advertorial