Mag. Erwin Gartner »Wein aus Kärnten«-Sprecher und Winzer im Lavanttal / Foto: beigestellt
Mag. Erwin Gartner »Wein aus Kärnten«-Sprecher und Winzer im Lavanttal / Foto: beigestellt


FALSTAFF: Wie viel Wahrheit steckt wirklich in den unzähligen Geschichten, die den Kärntner Wein umranken?
ERWIN GARTNER: Der Kärntner Weinbau hat zwar keine große, dafür aber eine lange und gut beurkundete Geschichte. Dass Weingärten schon vor über 1000 Jahren schriftliche Erwähnung fanden, ist in Kärnten nahezu in Vergessenheit geraten. Dabei zeugen etliche regionale Vulgo- und Flurnamen mit eindeutigem Bezug zum Weinbau von einer ehemals breiten Streuung des Weinbaus in Kärnten. Thomas Zeloth vom Landesarchiv kam nach einer sys­tematischen Auswertung von Urkunden zu dem Schluss, dass sich die Entwicklung in mehreren Schüben abspielte. In den Jahren um 950, 1050 und 1450 kam es jeweils zu einer Ausweitung des Weinbaus, wobei diese nicht unbedingt mit Klimaerwärmungen synchron verlief.

Die historische Literatur sagt den damaligen Kärntner Weinen ein resches Säurekleid nach.
Viele Durchreisende mokierten sich über den hohen Säuregehalt des Kärntner Weins. Diese Urteile, die heute noch in Vorurteilen weiterleben (z. B. »Sauerampfer«), werden von Weinhalbwissenden gerne mit der klimatischen Situation in Verbindung gebracht. Dabei lag der Hauptgrund für den hohen Säuregehalt in der Sortenwahl. Die Kärntner Weingärten waren meist klein und zum Teil sehr weit gestreut, sodass es im Herbst zu einem ungünstigen Vögel-Trauben-Verhältnis kam. Daher wurde auf Spät­sorten wie den Weißen Heunisch oder den Blauen Wildbacher gesetzt, die nebenbei auch besonders frosthart sind. Ertragssicherheit vor Qualität lautete also das Motto, und die Weinbauern hielten bis zum »sauren« Ende des Kärntner Weinbaus an den »autochthonen« Sorten fest. Seit dem Neubeginn in den 1970er-Jahren gehören Vogelschutznetze zur Grundausstattung jedes Weingartens. Aus Angst vor zu später Reife wurde mit Frühsorten begonnen, doch die Winzer erkannten bald, dass mit den bekannteren späteren Sorten qualitativ bessere Weine hergestellt werden können.

Was veranlasste die Kärntner einst dazu, sich mit dem Weinbau auseinanderzusetzen?
Der Weinbau in Kärnten war kaum wirtschaftlich oder qualitativ motiviert. Im Mittelalter benötigten die Geistlichen »Messwein-Reserven«, um auch bei Import-Engpässen aus dem heutigen Italien und Slowenien Messen zelebrieren zu können. Aus diesem Grund entwickelten sich die Kärntner Weinbauzentren häufig um Stifte, Klöster und Bischofssitze herum. Den weltlichen Herrschern ging es eher um die edle Optik der Weingärten rund um ihre Burgen und Schlösser. Sie bauten Wein zum Teil in Höhenlagen an, wo es heute niemand mehr wagen würde. Der Import von Wein aus Italien und Slowenien funktionierte im Mittelalter sehr gut und deckte den Bedarf der Oberschicht vollständig ab. Da auf dem in Kärnten gekelterten Wein keine Zölle und Transportkosten lasteten, gelangte dieser hauptsächlich in den öffentlichen Ausschank und wurde zum Volksgetränk. Mit der Auflösung von Klöstern durch Josef II. und der Abschaffung der Binnenzölle in der Monarchie geriet der Kärntner Wein preislich enorm unter Druck.

Es war die Pilzkrankheit Mehltau, die Ende des 19. Jahrhunderts das Ende des Kärntner Weinbaus einleitete.
Seit 1972 wird der Wiederaufbau der Weingärten forciert. Um dem intensiven Pflanzenschutz zu entgehen, den der Falsche Mehltau mit sich brachte, greifen Kärntner Winzer vermehrt auf neue, schädlingsresistente Sorten zurück, die durch Kreuzung von amerikanischen und europäischen Reben entstanden sind. Von Bioweinbausorten wie Solaris, Johanniter, Regent, Mucaris oder Cabernet Cortis wird in Zukunft nicht nur aus Kärnten, sondern auch international sehr viel zu hören und zu kosten sein.


Aus Falstaff Nr. 05/2013