Interview: Jürgen Ammerstorfer über seine Wien-Pläne

Jürgen Ammerstorfer

© Lisa Leutner

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Der gebürtige Linzer Jürgen Ammerstorfer hat mit Juli als General Manager bei »The Ritz-Carlton, Vienna,« begonnen (zum Artikel). Falstaff traf ihn zum Gespräch und erfuhr Spannendes aus seiner Vergangenheit, diskutierte die Herausforderungen der Corona-Krise und plauderte über die Pläne für das Wiener Luxushotel.

Comeback in Wien

Falstaff: Herzlich willkommen in Wien! Was verbindet Sie mit der Donaumetropole?

Jürgen Ammerstorfer: Ich hatte mehrere berufliche Berührungspunkte mit Wien. Ich bin gebürtiger Linzer, aber im Zuge meiner Reisebüro-Lehre durfte ich als 15-Jähriger für die Berufsschule nach Wien. Das Großstadtflair hat mich sofort in den Bann gezogen! 

Nach meiner Lehre war ich als Destinations-Verantwortlicher weltweit unterwegs. Ich liebe das Reisen! Ich lerne gerne unterschiedliche Kulturen kennen und liebe das Essen!

Mit 30 bin ich wieder nach Wien zurück und habe das »MODUL« (Anm.: eine hervorragend reputierte Tourismusschule und -Universität) gemacht. Da habe ich Wien auf eine ganz andere Art kennen gelernt. Und jetzt mit fast 50 bin ich wieder da und habe mich schon nach einer Woche so gefühlt, als wäre ich nie weg gewesen.

Ich schätze an Wien, dass die Stadt sehr pragmatisch funktioniert. In Wien gibt nicht nur schwarz und weiß, es gibt auch viele Grauzonen.

Internationale Erfahrungen

Sie waren 20 Jahre lang in der internationalen Luxushotellerie tätig, welche Stationen haben Sie am meisten geprägt?

Das ist für mich schwer zu beantworten, da ich überall wertvolle Erfahrungen gesammelt habe. Mein erster Job nach dem »MODUL« war bei einem »Leading Hotel of the World« in San Diego wo ich als Bankett-Manager angefangen habe und später in den Sales gewechselt bin. Hier konnte ich auf sehr hohem Niveau lernen.

Danach ging ich nach Salzburg in das »Hotel Pitter«, das ehemalige Crown Plaza. Mir wurde ein Job als Front Office Manager angeboten, obwohl ich das noch nie gemacht hatte. Danach wechselte ich intern in das Rooms Division Managment.

Nach Salzburg ging ich nach London, wo ich als Cluster Rooms Division Manager anheuerte und gleich für vier Hotels verantwortlich war, vom Vier-Sterne-Hotel bis zum Fünf-Sterne-Superior Hotel. Hier konnte ich extrem wertvolle Erfahrungen sammeln, da ich die unterschiedlichen Bedürfnisse und Gegebenheiten der Häuser kennenlernen konnte.

London ist eine super-schnelle Stadt, hier muss man schnell reagieren. Gastronomiekonzepte müssen sofort profitabel sein, da sie nach zwei Jahren schon überholt sind.

Danach wechselte ich in den Mittleren Osten, wo ich im »Hilton Kuweit« als Director of Operations begonnen habe. Das war ein wunderschönes Luxus-Resort! Innerhalb der Hilton-Gruppe heuerte ich dann im Hilton Sharm El Sheikh in Ägypten an, wo ich vom GM alle Freiheiten bekam. Ich habe das Hotel komplett umgestellt und nicht nur All Inclusive sondern auch Ultra Luxury All Inclusive angeboten. Das war eine wunderbare Spielwiese für mich!

In Jordanien habe ich meinen ersten Job als General Manager angetreten und ein »DoubleTree by Hilton« eröffnet. Die Herausforderung war groß, da es sich einerseits um eine neue Marke handelte, die erst etabliert werden musste und andererseits um eine neue Region. Dann kam auch noch der Arabische Frühling, wodurch die Touristen weitgehend ausblieben. In der Ausrichtung mussten wir auf Geschäftsreisende switchen und diese lockten wir mit einem in der Region einzigartigen FnB-Angebot. Wir eröffneten ein Steakhouse und hatten mit über 400 Weinen mit Abstand das beste Wein-Angebot der Region.

Durch Zufall landete ich danach auf einem Kreuzfahrtschiff der Celebrity Cruises, mit 3.500 Passagieren an Bord. Hier musste ich aber erkennen, dass die Entfaltungsmöglichkeiten für einen GM auf einem Cruiser sehr limitiert sind. Deshalb ging ich wieder nach London, wo ich als GM bei einem Hilton Hotel ohne Marke begann, später war es Teil der Curio Collection.

Danach nützte ich die Chance, das »Shangri La London At the Shard« zu eröffnen - ein gläserner Skyscraper mit unglaublicher Aussicht! Und nach zwei Jahren durfte ich schließlich das erste »Edition Hotel« der Marriott-Gruppe eröffnen, das von Kult-Designer Ian Schrager ausgestattet wurde. Durch das einzigartige Interior Design und den FnB-Fokus (Berners Tavern mit Starchef Jason Atherton) kamen viele lokale Gäste. Deren Anteil betrug sogar beim Frühstück rund 60 Prozent, beim Lunch oder Dinner sogar bis zu 90 Prozent! Auch die Bar war ein Besuchermagnet, der »Punch Room« wurde mehrfach ausgezeichnet. Insgesamt leitete ich das Edition fünf Jahre lang.

Trends aus London

Welche FnB-Trends gibt es aktuell in London und was davon wäre auch in Wien denkbar?

London ist eine riesige und vielseitige Metropole, FnB-Konzepte kann man für Wien nicht 1:1 umsetzen. Große Themen sind im Moment »plant based concepts«, wo jedes Detail pflanzlicher Herkunft sein muss. Und Zero Waste wird zum Teil so rigoros umgesetzt, dass wirklich nichts aus der Küche weggeworfen wird (z.B. im »Frog by Adam Handling«). Streetfood ist immer noch ein Dauerbrenner wird immer diversifizierter. Groß im Kommen ist im Moment afrikanische Küche.

Pläne für Wien

Was planen Sie für die Bars und Restaurants im »The Ritz-Carlton, Vienna«?

Das »Pastamara« ist ein wunderbares Konzept, da möchte ich von der Richtung nichts verändern. Ich möchte aber mit Events wieder mehr Aufmerksamkeit dafür generieren. Ich habe schon mit Ciccio Sultano (Anm.: sizilianischer Spitzenkoch, Mastermind hinter dem Pastamara-Konzept) gesprochen, er kommt gerne für Veranstaltungen nach Wien. Außerdem möchte ich die Public Spaces im Hotel etwas anders gestalten, mir schwebt hier eine umfassende Kunst-Kooperation vor.

Städtetourismus

So wie es aussieht, wird die Stadthotellerie noch lange sehr unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie leiden. Wie begegnen Sie dieser Herausforderung kurz und mittelfristig?

Die Sicherheit und das Wohlbefinden unserer Gäste und Damen und Herren ist unsere oberste und uneingeschränkte Priorität. Wir verfolgen daher aufmerksam die Empfehlungen des Center for Disease Control and Prevention (CDC) sowie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und befolgen sämtliche Richtlinien und Empfehlungen, um angemessene Hygienestandards zu gewährleisten. Das Marriott Global Cleanliness Council konzentriert sich darüber hinaus auf die Weiterentwicklung globaler Sauberkeitsstandards, Richtlinien und Verhaltensweisen in den Hotels, was uns in Wien dabei hilft, Risiken für Gäste und Mitarbeiter gleichermaßen zu minimieren und ihre Sicherheit zu erhöhen. Wir wünschen uns selbstverständlich, dass das kulturelle Leben Wiens bald wieder vollständig in der Stadt Einzug hält. Die Zeit des Städtetourismus wird wieder kommen! Bis dahin ist es uns besonders wichtig, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun, um unseren Gästen ein Höchstmaß an Sicherheit zu garantieren.

Standort Wien

Mandarin Oriental glaubt fest an eine positive Entwicklung in der Wiener Luxus-Hotellerie und will in drei Jahren ein Haus in Wien eröffnen. Sehen Sie das auch so positiv?

Der Standort Wien hat Zukunft! Wien ist eine Konferenzstadt, die gerade erst die Tür zur Welt aufgestoßen hat!

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