Interview: »Ich wollte dem Ball seine Würde wiedergeben«

Zum Fototermin trafen sich Maria Großbauer und Dominique Meyer in der Direktionsloge der
Wiener Staatsoper.

© Johannes Kernmayer

Zum Fototermin trafen sich Maria Großbauer und Dominique Meyer in der Direktionsloge der
Wiener Staatsoper.

© Johannes Kernmayer

Maria Grossbauer: Dominique, ich hab’ mir ein paar heikle Fragen überlegt für Dich! Was mir Menschen sehr oft über Dich sagen, ist, dass Du sympathisch bist, dass Du freundlich bist ...
Dominique Meyer: Ja, das stimmt. (lacht)

... dass Du eine gute, positive Stimmung in die Staatsoper gebracht hast. Mir haben Musiker aus dem Orchester erzählt, dass Du in den ersten beiden Wochen Deines Engagements jeden Abend im Orchestergraben gestanden bist und jeden einzelnen Musiker begrüßt und seine Hand geschüttelt hast.
Das mache ich noch immer.

Außerdem hast Du darauf geachtet, dass Qualität und Stimmung in der Kantine passen.
Das war meine erste Entscheidung.

Wie wichtig sind aus Deiner Sicht die menschliche Komponente und die Stimmung für den Erfolg eines Opernhauses? Und was war für Dich persönlich der größte Meilenstein?
Am allerwichtigsten ist, dass die Stimmung gut ist. Hier arbeiten 970 Personen und jeder ist wichtig – vom Portier bis zum Dirigenten oder zum großen Sänger. Ich persönlich kann viel Einsatz zeigen, viel arbeiten – aber ich muss auch den Eindruck haben, dass die ganze Mannschaft in die gleiche Richtung rudert. Und das kann nur entstehen, wenn man Spaß an der Sache hat. Was mich in der Staatsoper beeindruckt, ist, dass diese Freude an der Zusammenarbeit sehr an der Liebe zur Oper und zum Ballett hängt. Und, um auf die Kantine zurückzukommen: Die habe ich auch deshalb gemacht, weil ich der Meinung bin, dass die Armee besser arbeitet, wenn sie gut gefüttert wird.

In Wien bzw. in ganz Österreich heißt es, dass der Staatsoperndirektor ebenso bekannt ist wie der Bundespräsident ...
Na, viel mehr! (lacht)

Du wirst auf der Straße, in der Straßenbahn angesprochen, eigentlich überall. Ist das nur in Wien so, dass einem Staatsoperndirektor Derartiges widerfährt?
Das ist nur in Wien so! Ich habe lange in Paris gearbeitet und war auch dort Operndirektor – aber da wurde ich nicht ein einziges Mal angesprochen! Hier passiert es dauernd. Ich finde es manchmal anstrengend, um ehrlich zu sein, weil der Eindruck entsteht, dass man beobachtet wird. Aber die Menschen sind immer freundlich und nett. Immer positiv. Sie reden so gern über die Oper. Das ist ein Zeichen der Verbundenheit zwischen Bevölkerung und Oper. Ich finde das schön, weil es auch alle Schichten der Gesellschaft betrifft, nicht nur die Reichen und die Älteren. Es ist einfach wunderbar zu sehen, dass die Oper im Zentrum der Gedanken steht. In Frankreich sagt man, dass die Kultur ein Zusatz der Seele sei. Hier in Wien ist sie die Seele selbst. Und das finde ich sehr schön.

Du hast eine Debütantin am Zebrastreifen getroffen, oder?
Ja, genau. Sie hat mich gefragt, ob ich mich an sie erinnere. Ich habe nur gemeint, dass mir ihr Gesicht bekannt vorkommt, aber dass ich nicht weiß, woher. Sie hat geantwortet, dass sie im letzten Jahr Debütantin am Opernball war. Wahrscheinlich war es die Frisur oder die Kleidung, die anders war, und ich habe sie deshalb nicht erkannt. (lacht)

Zu den großen Veränderungen der letzten Jahre zählt, dass es am Opernball heute auch tolle Kulinarik gibt. Und feinsten Wein.

Zu den großen Veränderungen der letzten Jahre zählt, dass es am Opernball heute auch tolle Kulinarik gibt. Und feinsten Wein.

© Johannes Kernmayer

Wie bist Du eigentlich zum Genre Oper gekommen?
Die erste Oper, die ich gesehen habe, war im Fernsehen. »Tristan und Isolde«, dirigiert von Karl Böhm, mit Jon Vickers und Birgit Nilsson, das war bei den Festspielen von Orange. Ich war 17 und hatte bis dahin keinen Ton von irgendeiner Oper gehört. Wenig später bin ich in die Oper gegangen, es gab »Parsifal«, meiner Meinung nach die einfachste Einstiegsoper, es hat mich gleich komplett erwischt. Seither muss ich immer lachen, wenn ich höre, dass Oper nur was für gebildete Menschen ist. Das ist Quatsch. In der Oper geht es um Emotionen, die jeden erwischen können. Auch in Momenten, wo man das gar nicht glaubt.

Du bist als Staatsoperndirektor künstlerischer Leiter, Hausherr, aber auch Gastgeber. Ist Letzteres eine Rolle, die einem liegen muss? Was verlangt sie Dir ab?
Ich finde, das ist extrem wichtig. Man könnte das Publikum natürlich auch als Kunde sehen, aber eigentlich haben die Menschen allesamt die gleiche Krankheit wie ich – sie brennen für die Musik, sie brennen für die Oper, sie brennen für das Ballett. Das heißt: Wenn ich da unten stehe, treffe ich prinzipiell Leute, die die gleiche Leidenschaft haben wie ich. Deshalb sollte man da offen und zugänglich sein. Es ist faszinierend, denn auf der einen Seite ist die Staatsoper ein großes internationales Haus, auf der anderen Seite aber auch ein Haus des Viertels. Es ist, als würde man zu Freunden gehen.   

Von wo aus verfolgst Du die Aufführungen in Wien, welche sind die besten Plätze? Manche behaupten ja, die sind im Orchester ...
Beruflich vielleicht, aber sonst eher nicht. Es hängt sehr viel von der Position ab, die man im Orchester hat. Wenn man vor den Posaunen oder den Trompeten sitzt, kann es schon sehr laut sein und es ist nicht sicher, dass man auch die Flöte gegenüber hört. Ich denke, es gibt viele gute Plätze in der Oper, die ja sehr gut gebaut wurde nach dem Krieg. Meine Lieblingsplätze kann ich leider nur während der Proben genießen, die befinden sich in der letzten Reihe des Parketts, beim Stehplatz. Das ist fußfrei, man sieht sehr gut und die Akustik ist wunderbar. Sehr zu empfehlen.

Du kommst aus Frankreich, Franzosen gelten gemeinhin als sehr kulinarikaffin. In vielen Werken ist die Kulinarik immer wieder ein Thema. Warum ist das eigentlich so, dass in Opern derartig viel gegessen und getrunken wird?
Ehrlich? Ich habe nie darüber nachgedacht. Aber die Choristen der Staatsoper lieben mich, weil ich in den »Liebestrank«-Vorstellungen wieder echte Würste eingeführt habe. Es gibt ein Bankett am Anfang des zweiten Aufzugs. Und da hatten sie jahrelang nur Würstel aus Plastik. Jetzt gibt es wieder echte.

Und die werden dann auch gegessen?
Ja, die Kantine bereitet sie vor und bringt sie auf die Bühne. Der Otto Schenk wollte das so, irgendjemand hatte das abgesagt aus Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann. Ich habe das wieder eingeführt. Dafür sind die Choristen sehr dankbar.

Du kochst ja auch selbst sehr gerne. Was kommt denn bei Dir auf den Tisch? Und: Kochst Du nach Kochbuch?
Ich koche nicht nach Kochbuch, nein. In meiner Familie wurde viel gekocht, wir waren ja vier Kinder, ich war der Älteste. Ich habe meiner Mutter sehr früh das Leben erleichtert, indem ich erst geholfen und dann auch selbst gekocht habe. Ich muss nicht viel nachdenken, ich weiß,
wie es geht. Und ich koche das, was ich beim Einkaufen finde – es sei denn, mein Sohn hat spezielle Wünsche. Dann muss ich kochen, was er will. Meist italienisch.

Du kommst aus Thann im Elsass, bist auch auf dem Bauernhof Deiner Großeltern aufgewachsen. Gibt es einen Geschmack aus Deiner Kindheit, der Dich geprägt hat?
Es gibt viele, die aber leider verschwunden sind. Auf diesem Bauernhof, der klein war, sechs Hektar, haben wir alles selbst gemacht. Wir haben geschlachtet, unsere eigene Butter hergestellt, Früchte und Gemüse eingelegt. Und wenn man einmal Würstel selbst gemacht hat, kommt keine andere Wurst an die heran. Deshalb sind das Geschmäcker, die vergangen sind. Manchmal koche ich noch alte Rezepte aus meiner Jugendzeit, besonders Mehlspeisen. Und die mache ich nach Rezept. Weil Mehlspeisen machen ist wie Chemie – da muss man sehr präzise sein.

Dominique Meyer in seinem Büro in der Staatsoper. Für seine Gäste macht der Hausherr übrigens selbst Kaffee.

© Johannes Kernmayer

Welche Mehlspeisen sind das?
Ich mache Unterschiedliches, oft sehr Einfaches wie Gugelhupf, Kekse, natürlich auch Weihnachtskekse. Gugelhupf war in meiner Familie immer die Aufgabe der Männer. Ich bin oft daran gescheitert. Bis ich das bei meinem Onkel, der Patissier war, echt gelernt habe. Ich war todtraurig, als ich das Rezept beim Umzug nach Wien verloren habe. Ich hatte ja lange daran gearbeitet, um das beste Rezept zu entwickeln. Jetzt muss ich wieder arbeiten. (lacht) Aber ich kann auch Sachen wie Brandteig, Choux à la crème, Mille-feuille. Das ist nicht viel Arbeit, aber es braucht Zeit.

Lass’ uns vielleicht zum Opernball kommen. Ich finde, Du hast den Wiener Opernball wieder zu einem Ball der Künstler gemacht, ihn ernst genommen und sein Potenzial erkannt. Wie war das für Dich, als Du zum ersten Mal auf einem Ball in Wien warst?
Zuerst war es für mich eine große Überraschung, denn so etwas kannte ich ja gar nicht. Der erste Ball meines Lebens war der Opernball im Jahr, bevor ich angetreten bin. Ich war überrascht und mir hat nicht alles gefallen, ehrlich. Ich hatte den Eindruck, dass es ein Ball im Gebäude der Oper ist und kein Ball der Oper. Mein Wunsch war es, dass die Künstler des Hauses mehr Gewicht bekommen, vor allem natürlich unser Schmuckstück, die Philharmoniker – die waren nie vorhanden. Nun spielen sie seit 2010 die Eröffnung! Der Opernball ist für mich nicht nur ein Ball, er ist auch eine Visitenkarte des Hauses. Deshalb sind heute alle Künstler des Hauses anwesend. Es hat sich vieles getan, wir haben gereinigt und geputzt, dass er edler ausschaut. Ich wollte dem Ball seine Würde wiedergeben.

Da waren wir ganz einer Meinung. Deshalb durfte ich beim Opernball auch einige kulinarische Änderungen vornehmen, neben tollem Wein gibt es auch viele Spezialitäten aus der österreichischen Küche. Was magst Du besonders gerne an der österreichischen Küche?
Vieles! Zuerst erinnert sie mich an die Küche meiner Jugend im Elsass. Weil es viele Dinge gibt, die bei uns anders heißen, aber ähnlich sind. Zum Wiener Schitzel sagen wir Escalope panée, zum Tafelspitz Pot-au-feu. Am Sonntag gab es bei meinem Großvater immer Tafelspitz. Nach der Suppe gab es das Fleisch und aus dem Gemüse haben wir – anders als in Wien – einen warmen Salat gemacht. Das war herrlich.

Deine nächste Station ist Mailand, die Scala. Ich gehe davon aus, dass Du die italienische Küche magst?
Ja, sehr! Mi piace molto!

Und wohin gehen wir in Mailand essen?
Das sag ich nicht, weil sonst kommen alle. Aber wir essen Risotto alla milanese. Und keine Angst: Ich kenne viele gute Lokale.

Letzte Frage: An diesem Tisch, an dem wir hier sitzen, durfte ich schon oft mit Dir sitzen. Es ist kein Bürotisch, sondern ein runder Tisch. Warum hast Du Dich für einen solchen entschieden? Kommt er auch mit nach Mailand?
Nein, er gehört mir nicht, er gehört der Oper. Aber ich habe in Mailand schon einen Tisch bestellt und bekommen.

Einen runden?
Ja, ich mag den üblichen Schreibtisch nicht, weil er für mich wie ein Bruch zwischen Direktor und Kollegen ist. Ich finde, Oper funktioniert dann gut, wenn es eine Zusammenarbeit von Menschen ist. Ich habe seit 30 Jahren einen runden Tisch, das habe ich mir von einem Kollegen in Paris abgeschaut. Das Tolle daran: An einem runden Tisch gibt es auch keine Sitzordnung – und das hat schon eine Bedeutung. Man fühlt sich so besser.

»Der Opernball ist nicht nur ein Ball, er ist auch eine Visitenkarte des Hauses. Deshalb sind heute alle Künstler des Hauses anwesend.«
Dominique Meyer

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