Icons: Christofle

Das luxuriöse Tafelbesteck von Christofle.

© Luxproductions pour Christofle

Das luxuriöse Tafelbesteck von Christofle.

© Luxproductions pour Christofle

Gourmets denken bei Christofle zuerst an Blut. An zerquetschte Herzen, brechende Karkassen, zermalmte Fleischreste. Das alles mit einem ordentlichen Schuss Cognac versehen – schon steht eines der berühmtesten Gerichte der Kochgeschichte servierbereit: Canard au sang, Blut-Ente. Etwas euphemistischer auch »Caneton à la presse« genannt. 

Möglich wurde dieses kulinarische Ereignis durch ein mindestens 20 Kilo schweres, imposantes Küchenaccessoire, neben dem eine andere französische Erfindung, nämlich die Guillotine, beinahe freundlich anmutet: die Presse de Canard, die Entenpresse. Die berühmtesten Exemplare stammen aus dem Haus Christofle, sind aus galvanisiertem Silber und heute nicht unter dem Preis eines Oberklassewagens zu haben. Erst im Mai vergangenen Jahres versteigerte das Pariser Auktionshaus Artcurial eine Entenpresse des französischen Edelsilberherstellers um 40.200 Euro, die zuvor im Pariser Restaurant »La Tour d’Argent« gedient hatte.

Das »Tour d’Argent«, das zu den ältesten und berühmtesten Sterne-Restaurants der Welt zählt, und Christofle scheinen ja auf gewisse Weise untrennbar miteinander verbunden zu sein: Seinen berühmtesten Auftritt hatte das Ent-Produkt in dem Film »Some-one is killing the great chefs of Europe«, eine tiefschwarze Komödie aus dem Jahr 1978 über die Feinschmeckerszene, an der Weltstars wie Robert Morley, Jacqueline Bisset, George Segal oder Philippe Noiret mitwirkten. Morley spielt darin einen übergewichtigen Restaurantkritiker, dessen fürsorgliche Sekretärin ihm das Abnehmen erleichtern will, indem sie alle großen Küchenchefs Europas mithilfe deren eigener »Waffen« zur Strecke bringt. Aber noch viel wichtiger: Fast alle gekrönten Häupter Europas seit Ende des 19. Jahrhunderts delektierten sich in dem einst top-geführten Haus an dem legendären Gericht, bei dem die Christofle-Presse Hauptakteur ist. Sie wurde so unermüdlich eingesetzt, dass man am linken Flussufer der Seine bald begann, die Essens­portionen durchzu­nummerieren: König Edward VII. genoss den Caneton Nummer 328, die britische Königin Elizabeth II. ließ sich Numero 185397 schmecken. 

Der Hang zu den Mächtigen und zum Hochadel zeichnete generell den Weg des Unternehmens. Es wurde 1845 von Charles Christofle gegründet, nachdem dieser sein Handwerk im Geschäft seines Schwagers Hugues Calmette, eines Pariser Bijoutiers, gelernt hatte. 1830 übernahm er 25-jährig 
die Leitung von dessen Geschäft. 1842 sicherte er sich das Patent, Silber, das bis dato nur rein manuell behandelt wurde, mithilfe des galvanischen Verfahrens, der Elektrolyse, zu bearbeiten. 1844 erhielt Christofle den Auftrag, ein Service für das Château d’Eu in der Normandie, damaliger Sommersitz der französischen Könige, zu entwerfen. Seither trug er den Titel des Hoflieferanten (»orfèvre du roi«). Kaum war Napoléon III. an der Macht, gab auch er Silberservices für die Tuileries bei Monsieur Christofle in Auftrag. An die hundert Couverts sollten bei öffentlichen Empfängen gedeckt werden können, was einer Stückzahl von etwa 4000 entsprach. 

Einige Surtouts (Tafelaufsätze) sowie Kandelaber waren derart kunstvoll gefertigt, dass sie bei den Pariser Weltausstellungen in den Jahren 1855 und 1867 der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Zu diesen renommierlichen Aufträgen kamen weitere Bestellungen für royale Zweitresidenzen wie Château de Saint Cloud oder Château de Compiègne. In Herrscherkreisen war man eben gewohnt, großzügig zu denken. Christofle belieferte auch die russische Zarenfamilie, den deutschen Kaiser, das Haus Habsburg-Lothringen und das Osmanische Reich. 

Charles Christofle, Gründer der Marke, die seit bald zwei Jahrhunderten stets am Puls der Zeit agiert.

© Luxproductions pour Christofle

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte die Familie Christofle den ersten Schritt in die Breite, ohne vom Elitären abzuweichen: Weltweit wurden Ministerbüros, Botschaften, Parlamente sowie der boomende Luxustourismus mit seinen Grand Hotels wie dem »Ritz«, den Salonwagen des Orient Express oder Luxusdampfern – etwa das Paquebot Normandie, in den 1930-er Jahren der Inbegriff für französische Luxusreisen – ausgestattet. Langsam benötigte das Pariser Stammhaus Entlastung: Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein Christofle-Werk in Karlsruhe errichtet, das nur wenig später dem Ersten Weltkrieg zum Opfer fiel. Selbst im 20. Jahrhundert büßte das Unternehmen, dessen Produkte mittlerweile in der Normandie gefertigt wurden, nichts von seiner Innovationskraft ein. Zu Zeiten des Art nouveau und Art déco glänzte Christofle in allererster Reihe. Eindrucksvolle Stücke – etwa ein früher Toast-Warmhalter – sind im Pariser Musée d’Art Nouveau, das oberhalb des »Maxim’s« liegt, zu sehen. Die einzigartige Jugendstilsammlung, die drei Stockwerke umfasst, wurde vom Pariser Couturier Pierre Cardin zusammengetragen; ihm gehört auch das ganze Haus.

Der Hang zu den Mächtigen zeichnete den Weg des Unternehmens. Christofle belieferte die Habsburger, den deutschen Kaiser, die Zaren und – natürlich Napoleon III.

Ab den 1930er-Jahren suchte der Silber­hersteller vermehrt die Zusammenarbeit mit modernen Künstlern wie Gio Ponti, Man Ray, Jean Cocteau, Lino Sabattini oder Andrée Putman. Diese Politik setzt sich bis heute fort und spiegelt sich wider in den Kerzenleuchtern des französischen Designers Ora-Ito oder der Table­ware des dänischen Designers Marcel Wanders, »Jardin d’Eden«. Vor bald zwei Jahren wurde das 24-teilige Besteck-Ei »Mood« entworfen, das sich aufgrund seiner Schlichtheit und Erschwinglichkeit für den alltäglichen Gebrauch eignet und mittlerweile Kultstatus genießt. Letztes Jahr präsentierte man die Edelstahl-Serie »Club«, bestehend aus Schreibtisch-Dosen, Brieföffnern und -beschwerern, diversen Tabletts und anderen Büro-Accessoires. Sie ist – aber hallo?! – eher männlich gehalten mit schlichter, nordischer Handschrift. »Wir gehen mit der Zeit, ohne die Pfade der Tradition zu verlassen«, steht sinngemäß übersetzt in einer Kurzversion zur Philosophie des Hauses. 

Manchmal wird sie – die Zeit – dennoch außer Kraft gesetzt. Etwa wenn die Order für eine Entenpresse eingeht. Der Kunde bekommt dann freundlich, aber bestimmt mitgeteilt: Bis zur Fertigung und Auslieferung dauere es wohl mindestens vier Monate. Weil dieser Rahmen so gut wie unverhandelbar ist, tröstet man sich am besten mit einer Weisheit vom Sprüchekalender: Da ist Reden Silber, Schweigen aber – Gold.

Tafelaufsatz für Napoleon III.

© Luxproductions pour Christofle

Im Auftrag ihrer Majestät

So extreme Feinarbeiten wie der Tafelaufsatz für Napoleon III (Foto oben) sind heute nicht mehr gefragt. Dennoch werden in der Haute Orfèverie Objekte angefertigt, die ihresgleichen suchen; diese Sonderbestellungen betreffen vor allem Yachtprojekte. Das Werk in der Normandie beschäftigt heute an die 250 Mitarbeiter, viele davon in dritter oder gar vierter Generation. Interessant: In Österreich war Christofle bereits zu Zeiten der Monarchie so gefragt, dass das Unternehmen bereits im 19. Jahrhundert eine eigene Preisliste erstellte. In der Wiener Silberkammer sind einige dieser alten Objekte zu sehen.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 06/2017
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