Homestory: Zu Gast bei den Arrivabenes

© Rafaela Pröll

© Rafaela Pröll

Könnte man Venedigs Stil-DNA aneinem einzigen Platz zusammenfassen, so gäbe es wohl keinen besseren Ort als Giberto Arrivabenes Palazzo Papadopoli. Wenige Bootminuten von der Rial­tobrücke entfernt, atmet der weiße Palazzo aus dem späten 16. Jahrhundert, wo sich Maler-Ikonen wie Cesare Rotta oder Giambattista Tiepolo verewigten, La Serenissima der venezianischen Geschichte. Conte Arrivabene Valenti Gonzaga, 58, direkter Nachfahre der Familie Papadopoli, ist mit diesem Stadtjuwel so verwachsen wie der Markusdom mit dem gleichnamigen Platz. »Ich habe hier meine Kindheit verbracht und würde dieses Haus nie verlassen«, erzählt uns der Mann mit den ausdrucksstarken Augen, der unsere Schwärmerei für seinen Familiensitz wohlwollend goutiert. Certamente, eine Schatzkammer ist dieser Ort, im Jahr 1864 von den Papadopolis erworben, durch Kunst und Kultur aus fünf Jahrhunderten geprägt und seit dem Einzug der internationalen Luxus-Hotelkette »Aman« 2013 mit modernem Interior-Design lässig und großzügig in Szene gesetzt.

Wir sind für den aktuellen LIVING-Cover-Shoot bei der gräflichen Familie geladen, die nach wie vor im letzten Stock des Palazzos residiert – mit geschmackvollen Salons, jeder Menge italienischem Flair und einer geordneten Unordnung an Skulpturen, Antiquitäten, Gemälden, Familienbildern und charmanten Erinnerungsstücken aus der Kindheit. Nicht zuletzt ist es der sagenhafte Blick auf den Canal Grande, der fasziniert, neben einer facettenreichen farbenfrohen Glassammlung – Gibertos großer Stolz. Vor rund fünfzehn Jahren hat sich der sympathische Graf mit dem gepflegten weißen Bart der Glaskunst verschrieben und produziert für internationale Luxus-Brands wie Dior oder Artemest kreatives Glasdesign.

Venedig für sich ist Geschichte. Jedes einzelne Eck ist voll davon. Obwohl ich hier lebe, entdecke ich immer wieder Neues.

Giberto Arrivabene

Kreativtalent

Der Graf vor dem Gemälde seiner Urgroßmutter aus der Papadopoli-Dynastie.

Der Graf vor dem Gemälde seiner Urgroßmutter aus der Papadopoli-Dynastie. © Rafaela Pröll

Der Conte drückt uns einen Espresso aus der Maschine in die Hand – er macht ihn selbst, Standesdünkel gibt es im Hause Arrivabene nicht. Wie aus dem Bilderbuch erscheint »La Famiglia« – besser könnte in der Tat royaler italienischer Lifestyle nicht präsentiert werden. Die Gattin, Prinzessin Bianca di Savoia Aosta, schenkte dem Grafen fünf Kinder und managt nicht nur die Familie – in der Kunst zu Hause, hält die elegante Principessa den Vorsitz bei Christie’s Italien und betreibt nebenbei eine feine Event-Agentur. Und im Gegensatz zu ihren zugeknöpften britischen Kollegen dürfen die jüngsten Mitglieder dieser edlen Linie auch ihr fabelhaftes Dasein auf Instagram zur Schau stellen und das Scheinwerferlicht genießen. Die It-Girls der Familie (die venezianischen Versionen von William und Harry) heißen Viola und Vera Arrivabene. Zusätzlich zu ihrem ererbten Rang auf der höchsten Stufe der italienischen Society haben sich die bildhübschen Schwestern als unabhängige Fashionistas etabliert und das trendige Schuhlabel ViBi Venezia gegründet – natürlich ganz im Sinne des Herrn Papa.

Der LIVING-Talk über Glas-Ästhetik, die Liebe zum Design, Kindheitserinnerungen und warum Europa Venedig helfen muss.

LIVING: Der Palazzo Papadopoli, ein prachtvoller Palast aus dem späten 16. Jahrhundert, ist seit 1864 in Ihrem Familienbesitz. Vor sieben Jahren wurde darin das erste »Aman«-Hotel Italienseröffnet. Wie kam es dazu?
Giberto Arrivabene:
Es war eigentlich eine sehr schöne Entwicklung in der Geschichte unseres Palazzos. Wir waren zu wenige, um dieses »Haus« zu bewohnen und wussten nicht, was wir machen sollten. Ich hatte dann die Idee, hier Apartments zu bauen, aber dank eines glücklichen Zufalls kontaktierte mich Adrian Zecha, der Gründer der »Aman« Hotels weltweit. Wir trafen uns, verstanden uns sofort, und er schlug mir vor, ein »Aman« in unserem Palazzo zu eröffnen.

Dann wollten Sie doch verkaufen?
Nein, nie. Wir einigten uns darauf, dass er den Palazzo von uns mietet, immerhin ein Mietvertrag für die nächsten dreißig Jahre, und ich mit meiner Familie das oberste Stockwerk weiterhin bewohne. Somit leben wir in unserem Palast und gleichzeitig in einem der schönsten Hotels der Welt. Es hätte uns nichts Besseres passieren können!

Ein Ort voller Historie, der viele Geschichten erzählt. Wie hat dieser Platz Ihr Leben beeinflusst?
Wenn man hier aufwächst, gehört dieser Ort zu deinem Leben und du gewöhnst dich daran. Venedig für sich ist Geschichte, jedes einzelne Eck ist voll davon. Obwohl ich schon so lange hier lebe, gibt es noch immer Plätze, die ich neu entdecke – das belebt den Geist für die Arbeit und ist perfekter Inspirationsmotivator.

Alles begann mit einem Spiel. Ich habe versucht, gebrochene Gläser zu reparieren. Dann habe ich meine Firma gegründet.

Giberto Arrivabene

Nun, es kommt ja auch nicht so oft vor, dass man als Sechsjähriger unter Giambattista Tiepolos Freskenmalerei frühstückt …
Certamente (lacht). Wie gesagt, als Kind nimmt man diese Privilegien gar nicht so wahr. Tiepolos schönste Deckenmalerei war jene im Schlafzimmer meiner Mutter. Ich bin auf ihrem Bett herumgesprungen und habe dabei auf Tiepolos Kunst gestarrt. Natürlich inspirieren mich
seine Arbeiten bis jetzt, wie alles in Venedig.

Dann erinnern Sie sich sicher gerne an das Lied »Santa Lucia« – von einem Gondoliere gesungen …
Es war ein besonders heißer Tag in Venedig. Ich war ein kleiner Junge, und die Hitze war selbst
im Palast fast unerträglich. Auch in der Nacht wurde es nicht besser. Ich bin mehrmals auf­gewacht, und da habe ich erstmals einen Gondoliere »Santa Lucia« singen hören. Dieses Lied ist eine wunderbare Kindheitserinnerung, ich fühle mich wohl und zu Hause, wenn ich es höre.

Wie ist es zur Glaskunst gekommen? Eigentlich sind Sie doch Broker bei dem Versicherungs­unternehmen Aon …
Alles begann mit einem Spiel. Ich habe von meiner Familie wunderbare Glassammlungen aus dem 18. Jahrhundert vererbt bekommen. Irgendwann sind diese alten Gläser gebrochen oder
haben Sprünge bekommen. Ich bin nach Murano gefahren und habe in Glasmanufakturen versucht, die Gläser wiederherzustellen. Als meine Freunde registriert haben, was ich mache, habe ich auch für sie Gläser repariert und ihnen damit geholfen. Dann habe ich Lust bekommen, mich immer mehr mit Glasdesign zu beschäftigen. Das war der Startschuss für ein Hobby, das neben meinen Tätigkeiten für Aon auch zu meinem Beruf geworden ist. 

Was bedeuten Ihnen Gläser persönlich?
Schöne Gläser transportieren Ästhetik pur, sie sind elementare Bestandteile eleganter Tischkultur und implizieren Freude am geselligen Beisammensein. Es ist immer wieder interessant, welche Geschichten man mit Glasdesign erzählen kann. Ich liebe es, die alten Formen zu bewahren und ihnen einen gewissen modernen Twist zu geben. Aber vor allem: Schöne Gläser gehören natürlich zu Venedig, so wie auch die Rialtobrücke oder »Harry’s Bar«!

Sie kreieren viele verschiedene Glas-Objekte. ­Was davon designen Sie am liebsten?
Das ist ganz unterschiedlich. Wenn man ein neues Glas-Design macht, das man vorher noch nirgends gesehen hat, macht das Freude. Ich mag auch meine Bilderrahmen, denn sie sind sehr
speziell, da ich beim Rahmen einen Mix verschiedener Materialien verwende, darunter auch Stoffe. Ich mag unsere Brieföffner, denn für diese verwende ich schwere Materialien wie Kristalle oder Achat, kombiniert mit Glas, Holz oder Samt. Es sind sehr simple und elegante Objekte, aber dennoch schwierig in der Produktion.

Woher nehmen Sie die Inspiration für diese unterschiedlichsten Objekte?
Von überall. Aus den Gassen Venedigs, aus Gesprächen, Spaziergängen und natürlich von Reisen. Ich habe ein Lieblingsglas, das das »Aman« Hotel in den Restaurants benützt. Es hat eine besonders schöne Gravur. Auf dieses Design bin ich in Marrakesch gekommen. Es wurde uns Tee in diesen kleinen, bunten, verzierten Gläsern serviert. So wurden die »Palazzo« Gläser geboren.

Fest steht ist, dass Muranoglas auf der ganzen Welt berühmt ist. Was macht denn nun so speziell und einzigartig?
Glas ist ein Material, das nie gleich ist und sich  im Laufe der Zeit ständig verändert. Es gibt
irgendwann Risse, es arbeitet oder hat leichte Farbveränderungen. Im Gegensatz zu Kristallglas ist Muranoglas ein warmes Glas – die ­exakt definierte Mischung aus feinstem Quarzsand, Kalk und Soda führt zu der besonders reinen Optik und hohen Qualität. Nur die Familien der Glaskünstler kennen die genaue Zusammensetzung. Ist die Mischung fertig, wird sie mehrere Stunden bei 1200 Grad Celsius geschmolzen, erst dann ist der Rohstoff bereit zur Verarbeitung.

Muranoglas gehört weltweit auch zum teuersten Glas. Nicht verwunderlich, wenn man die Kosten für die Produktion kennt …
In der Tat. Die Produktionskosten sind vor ­allem in der letzten Zeit immens angestiegen. Das Gas für die Brennöfen ist teurer geworden, und auch die Glasbläser verlangen sehr hohe Stundensätze – in einer Stunde werden circa dreizehn Stück hergestellt, die Kosten dafür betragen 500 Euro. Nicht zu vergessen jene Stücke, die fehlerhaft sind und deshalb ausgeschieden werden müssen. So bleiben vielleicht siebzig Prozent von einer Produktion, die tatsächlich verwendet werden können.

Gibt es ein Lieblingsstück?
Das ist die Glas-Skulptur der einmaligen, aus Carrara-Marmor bestehenden Paolina Borghese – eines der berühmtesten Werke Antonio Canovas. Sie wurde 1805 gefertigt und ist heute in der Galerie Borghese in Rom zu sehen. Dieses Projekt hat in Kooperation mit Factum Arte fast zwei Jahre gedauert, da wir uns erst von der Regierung in Rom die Erlaubnis holen mussten, Paolina in Glas zu kopieren. Mittels 3D-Scan hatten wir die Möglichkeit, die Skulptur perfekt umzusetzen. Wir machten erst einen Gipsabdruck, dann folgte das Wachsmodell, zum Schluß das Glas. Diese Produktion war unglaublich intensiv und dauerte sechs Monate. Ich habe drei Stück von ihr gemacht – eines davon ist in den Cast Courts  des Viktoria and Albert Museum in London ausgestellt, was mich sehr stolz macht.

Schöne Gläser transportieren Ästhetik pur und sind elementare Bestandteile ­eleganter Tischkultur.

Giberto Arrivabene

Haben Sie spezielle Projekte, die Sie in den nächsten Jahren verwirklichen wollen? 
Ich arbeite gerade an zwei außergewöhnlichen Projekten, die ich bis zur nächsten Glas-Biennale finalisieren möchte. Da ist zum einen Alberto Giacomettis »Der schreitende Mann« und weiters Giacomo Manzùs »Der Kardinal«. Ich könnte mir nicht vorstellen, diese Objekte woanders zu fertigen als in Murano selbst.

Ein Venezianer hat mir einmal gesagt, dass es ein Geschenk ist, in Venedig aufwachsen zu dürfen und man dieser Stadt immer in besonderer Weise verbunden sein wird. Geht es Ihnen auch so?
Über Weihnachten fahren wir jedes Jahr einige Wochen nach Südamerika – es ist eine wunder­bare Zeit. Doch was soll ich sagen: In der letzten Woche werde ich schon ziemlich unrund, da ich Venedig bereits vermisse. Das geht sogar so weit, dass ich selbst auf den schrecklichen Kanal-
Gestank nicht verzichten möchte, denn dieser Geruch ist so wie all die schönen Dinge dieser Stadt in meinem venezianischen Herz verankert.

Erzählen Sie mir von der aktuellen Situation in Venedig. Die Probleme der globalen Klimaerwärmung schreiten voran – die Überschwemmungen im Dezember waren so dramatisch wie schon lange nicht mehr. Wird Ihre Heimatstadt in 50 Jahren noch existieren?­
Es ist leider sehr traurig und schwierig. Seit Jahrzehnten arbeitet man hier schon am immer wiederkehrenden Hochwasser-Problem – das sogenannte MO.S.E.-Projekt hätte schon vor ein paar Jahren fertiggestellt werden sollen. Dieses System besteht aus riesigen mobilen Deich-Modulen, die den Eingang der Lagune bei drohendem Hochwasser versperren sollen. Ich bin diesem Projekt gegenüber optimistisch eingestellt, dennoch weiß man nicht genau, was daraus wird. Das Risiko ist, dass mit diesem System die Stadt in Hochwassermonaten fast ständig vom Frischwasser abgeschnitten wäre und sich schnell in eine Kloake verwandeln könnte. 

Was wünschen Sie sich für Venedig?
Ich würde mir wünschen, dass sich Europa um Venedig kümmert, was leider unmöglich ist.
Um Venedig wieder attraktiv für junge Leute zu machen, dürfte man nur geringe Steuern verlangen, und man müsste Apartments zur Ver­fügung stellen. Die Stadt stirbt sukzessive, und nur mit jungen Familien, die hier ihre Unternehmen und Firmen gründen, kann Venedig überleben. Und meine Hoffnung stirbt zuletzt.

ERSCHIENEN IN

LIVING Nr. 02/2020
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