FALSTAFF: Professor Jarisch, was können Sie Lesern raten, die den Verdacht haben, sie könnten unter einer Histamin-Intoleranz leiden?
Reinhart Jarisch: Zunächst, einen qualifizierten Arzt aufzu­suchen. Leider ignorieren viele Kollegen die Möglichkeit dieser Diagnose.

Heißt das, dass die Diagnose »Histamin-Intoleranz« unter Medizinern umstritten ist?
Das nicht. Aber viele Kollegen haben einfach nicht die notwendigen labortechni­schen Mittel. Beispielsweise muss der Serum­spiegel des Enzyms Diaminoxidase, das manchen Patienten fehlt, mit radiologischen Methoden bestimmt werden. Viele Kliniken können das nicht, und dann steht der Patient im Regen.

Gibt es einen Personenkreis, der besonders stark betroffen ist?
80 Prozent der Betroffenen sind weiblich und um die 40 Jahre alt. Und fast alle
von ihnen sagen, dass sie keinen Rotwein vertragen.

Das Vorurteil vermutet ja oft Schwefel, Restsüße oder Alkohol als Gründe für Kopfschmerz nach Weingenuss...
Der böse Bube im Rotwein ist eindeutig das Histamin. Den Schwefel als Ursache ­bezweifle ich sehr. Gut, wer Asthma hat und eine vorgeschädigte Lunge, dem wird Schwefel nicht guttun. Aber Kopfschmerz ist eine typische Reaktion auf Histamin. Der Alkohol kann indirekt beitragen, weil er die Diaminoxidase und damit den Abbau von Histamin im Körper hemmt. Für sich alleine macht Alkohol aber keinen Kopfschmerz. Bei der Süße käme nur eine Unverträglichkeit auf Fruktose infrage, aber ich glaube nicht, dass die beim Wein sehr relevant ist.

In einer Studie haben Sie den Histamin­gehalt verschiedenster Weine untersucht. Dabei kam beispielsweise heraus, dass Chardonnay mehr Histamin enthält als Riesling. Liegt das wirklich an der Rebsorte – oder spielt dabei eine Rolle, dass ­Chardonnay öfter als der Riesling mit ­biologischem Säureabbau und im Holzfass ausgebaut wird?
Das kann ich nicht beantworten. Da sind die Winzer gebeten, sich mit den Ergeb­nissen zu beschäftigen und uns bei der ­Interpretation zu helfen. Wir können am Floridsdorfer Allergie Zentrum kostengünstig anbieten, Weine auf ihren Histamingehalt zu untersuchen, wobei die Ergebnisse selbstverständlich vertraulich behandelt werden. Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Winzer als bisher dieses Angebot ­nützen würden. Denn letztlich ist es ja auch im Interesse der Weinwirtschaft, wenn wir Histamin-Intolerante wieder zurück ins Boot holen.

Buchtipp

© Thieme Verlag

Univ.-Prof. Dr. Reinhart Jarisch leitete bis zum Jahr 2010 das Floridsdorfer Allergie ­Zentrum, Wien, und praktiziert dort als Facharzt. Er ist ­zudem Hobbywinzer in der Wachau – und besitzt ein ­Kapitänspatent zur See FB2. Das von ihm herausgegebene Buch »Histamin-Intoleranz. Histamin und Seekrankheit« enthält zahlreiche auch für Laien gut lesbare Kapitel und liegt bereits in dritter Auflage vor. (Thieme Verlag, 196 S., € 29,99)


ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 05/2014
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