Harte Zeiten für Gastronomie und Landwirtschaft

Sepp Schellhorn, Helmut Brandstätter, Martina Salomon und Wolfgang Rosam

© Kurier/Gilbert Novy

Sepp Schellhorn, Helmut Brandstätter, Martina Salomon und Wolfgang Rosam

© Kurier/Gilbert Novy

»Wie viel Genuss steckt in der Politik – und wie viel Politik steckt im Essen?« Dieser Frage ging am Montag auf Einladung des »Kurier« eine hochkarätige Runde im »Le Ciel« im Wiener Grand Hotel nach. Wolfgang Rosam, Falstaff-Herausgeber und Politikberater, eröffnete die Podiumsdiskussion mit einer harschen Kritik: »Essen muss Spaß machen, aber die Politik versucht uns diesen Spaß zu nehmen.« Als Beispiel nennt er die EU, die schon zu Beginn mit den Vorschriften zur Krümmung der Banane, über die mühselige Allergen-Verordnung bis hin zum aktuellen Fall mit den Vorschriften zum Bräunungsgrad von Pommes Frites als Spaßbremse auftritt. Rosam tritt leidenschaftlich dafür ein, dass man den Menschen ihren Genuss lassen soll und dass man den aktuellen Teufelskreis unterbrechen muss. Durch den allgegenwärtigen Preisdruck überwiegt schlechte Qualität in den Regalen, Bauern und Händler können kaum davon leben, die Tiere werden krank gezüchtet und am Ende werden auch die Menschen krank.

Gastronom und Politiker Sepp Schellhorn stimmt grundsätzlich zu und zitiert seine Mutter: »Wer nicht genießen kann, wird ungenießber und läuft Gefahr, entsorgt zu werden.« Generell beklagt auch er den Preisdruck, der sich auch besonders in der Gastronomie auswirkt. »In Österreich wird der Gastronom als erstes am Preis gemessen.« Kurier-Journalistin und Autorin Martina Salomon vermisst in Österreich den Respekt vor dem Handwerk.

»Wenn wir mehr selber kochen würden, wären wir eine bessere Gesellschaft!«
Kurier-Redakteurin Martina Salomon

Diskussion im »Le Ciel« im Wiener Grand Hotel
Diskussion im »Le Ciel« im Wiener Grand Hotel

© Kurier/Gilbert Novy

Haftstrafe für Rohmilch zum Frühstück

Am Podium ist man sich einig, dass es hierzulande die besten Lebensmittel gibt, dass es aber nicht gelungen sei, Österreich als Genussdestination zu etablieren. Schellhorn bringt daraufhin ein Beispiel für die Überreglementierung in der Gastronomie. Er kenne einen Wirt am Arlberg, der bestraft wurde, weil er Rohmilch von einem benachbarten Bauern am Frühstückstisch angeboten hat. Da er sich weigert die Strafe zu bezahlen, droht ihm nun sogar Ersatzhaft. Allgemein betrachtet sieht der NEOS-Politiker ein Strukturproblem im Land, bei dem die Dienstleistungsgesellschaft unter der dominanten Freizeitgesellschaft leidet. Deshalb hätten am Sonntag auch schon so viele Betriebe geschlossen.

Dem stimmt auch »Steirereck«-Gründer Heinz Reitbauer Senior, der die Diskussion aus dem Publikum heraus mitverfolgte, energisch zu. In vielen anderen Branchen sei es üblich, Sonn- und Feiertagszuschläge zu verlangen, warum solle man das nicht auch in der Gastronomie tun? Wenn man sich darauf verständigen könnte, dass man für Küche und Service einen nur fünfprozentigen Zuschlag auf die Rechnungssumme addieren könnte, dann wäre der Gastronomie schon sehr geholfen.

»Ein Leben lang habe ich gekämpft, dass die Gäste zu mir kommen. Jetzt kommen sie und ich habe keine Köche und Kellner mehr.«
Heinz Reitbauer Senior

Für mittlere Reife

Sepp Schellhorn kennt den Fachkräftemangel aus seinen eigenen Betrieben und fordert einen anderen Bildungsweg mit mittlerer Reife. Jeder fünfte Lehrling wechselt innerhalb seiner Lehrzeit die Branche, weil man mit 14 noch nicht entscheiden kann, was man beruflich tatsächlich machen will. Deswegen fordert er eine Abkehr vom derzeitigen Schulsystem, das noch auf den Reformen von Maria Theresia beruht und will eine Schulpflicht bis 17. Zudem übt Schellhorn Kritik am AMA-Gütesiegel und würde sich wünschen, dass die Hälfte der AMA-Gelder (250 Millionen Euro) in vernünftiges Essen auf den Schulen investiert werden sollte. Rosam ergänzt Schellhorns Ausführungen und sieht Defizite bei den oft zu theoretischen Unterrichtsgegenständen: »Es fehlt eine Koch- und Ernährungslehre«. 

»Mitarbeiter kosten zu viel und verdienen zu wenig.«
Sepp Schellhorn

Der Weinskandal

PR-Profi Wolfgang Rosam plädiert dafür, mehr Bewusstsein für beste Qualität zu schaffen. Man müsse vehement gegen Massentierhaltung auftreten immer fragen: »Woher kommts?«. Kein Mensch würde Hendl aus Brasilien kaufen! Rosam spielt damit auf die Problematik an, dass bei vermeintlich traditionellen steirischen Backhendlstationen nicht die Hühner der benachbarten Mastbetriebe verarbeitet werden, sondern immer das billigst mögliche Fleisch, das aktuell meist aus Brasilien kommt. Sowohl Kurier-Herausgeber Helmut Brandstätter als auch Martina Salomon betonen, dass viele Probleme gar nicht auftreten würden, wenn wieder mehr zu Hause gekocht würde. Rosam stimmt dem zu und sieht ein mögliches Heil in der Informationspolitik: 

»Je mehr man über ein Produkt weiß, desto eher ist man auch bereit, mehr dafür auszugeben. Das konnten wir nach dem Weinskandal eindrucksvoll beweisen.«
Falstaff Herausgeber Wolfgang Rosam

Wolfgang Rosam
Wolfgang Rosam

© Kurier/Gilbert Novy

Preisdruck und Globalisierung

Heinz Reitbauer beklagt die Dumping-Strategie der heimischen Supermärkte: »Es geht immer ums Geschäft!«. Jeder Einzelne könne aber mitgestalten und verhindern, dass beispielsweise Spargel aus Peru vor der heimischen Spargel-Saison angeboten wird: Es dürfe ihn einfach keiner kaufen. Schellhorn und Salomon sehen bei der Nahversorgung ein Problem bei der Raumordnungspolitik. Während in Südtirol noch jedes Dorf einen Metzger hat, hat Österreich die größte Fläche an Shopping-Centern. Billig-Menüs in Supermarkt- und Möbelhaus-Restaurants setzen die Gastronomie unter Druck. Gasthäuser müssen zusperren, weil die Menschen nicht mehr bereit sind, Geld für Qualität auszugeben.

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