Hans Peter Doskozil im Interview

Hans Peter Doskozil, Jahrgang 1970, steht dem Burgenland seit Februar 2019 als Landeshauptmann vor.

© Manfred Weis

Hans Peter Doskozil, Jahrgang 1970, steht dem Burgenland seit Februar 2019 als Landeshauptmann vor.

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FALSTAFF: Herr Landeshauptmann, das Burgenland hat sich in den letzten Jahren in vielen Bereichen enorm weiterentwickelt. Was zeichnet das jüngste Bundesland Österreichs heute aus?
Hans Peter Doskozil: Wir haben seit dem EU-Beitritt der Republik tatsächlich einen Aufschwung genommen, der österreichweit beispiellos ist – mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten bei Wirtschaftskraft, Beschäftigung und Tourismus. Der Wirtschaftsstandort Burgenland hat enorm an Attraktivität zugelegt – das zeigt auch die geplante Ansiedlung des Autozulieferers IAC in Neutal, einer der weltweit größten Player im Bereich innovativer Automobilkomponenten. Was mir besonders wichtig ist: Wachstum geschieht hier nicht im Widerspruch zu Nachhaltigkeitszielen. Dieses kluge Wachstum, das den Sozial-, Bildungs- und Umweltbereich miteinschließt, ist für mich die wichtigste Grundlage für die erfolgreiche Entwicklung unseres Bundeslands: mit der Energiewende, der Biowende, kostenlosen Bildungseinrichtungen, einem fairen Mindestlohn, neuen Angeboten im Pflegebereich. Ein starkes Burgenland ist ein Burgenland mit einem starken Wachstum und einem starken Zusammenhalt – da will ich hin!

Sie stehen dafür, den Burgenländern auf Augenhöhe zu begegnen und suchen stets das Gespräch mit der Bevölkerung. Warum ist Ihnen das wichtig?
Weil jeder Politiker den Bürgern stets Rede und Antwort stehen können muss. Ich will immer aus erster Hand erfahren, was ihre Anliegen sind, wo der Schuh drückt. Einfach, um zu wissen, ob unsere Linie stimmt und akzeptiert wird, ob und wo es Korrekturbedarf gibt. Das funktioniert am besten in einem ungezwungenen Rahmen. Die Menschen schätzen es, wenn man offen sagt, dass etwas nicht von heute auf morgen geht oder nicht finanzierbar ist. Ich mag die offene, ehrliche Kommunikation.

Vier große Themen werden seit Ihrem Amtsantritt als Landeshauptmann diskutiert: Mindestlohn, Pflegeplan, Biowende und der Gratiskindergarten. Was erwarten Sie sich von dieser Themensetzung?
Dass unser Burgenland zu einem Vorbild für eine Entwicklung wird, wo wirtschaftliche und soziale Fortschritte im Gleichklang stehen und nicht als Gegensatz verstanden werden. Das ist auch eine Absage an ein neoliberales Politikverständnis, das in den letzten Jahrzehnten weltweit extremen Schaden angerichtet hat. Die Burgenländer sollen vom Kleinkindalter an faire Bildungschancen ohne finanzielle Hürden haben, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss gewährleistet sein, es muss Einkommen geben, die ein ordentliches Leben ermöglichen. Und im Pflegebereich geht es darum, dass der Wunsch der überwiegenden Mehrheit – nämlich so lange wie möglich im vertrauten Umfeld daheim bleiben zu können – berücksichtigt wird. Da haben wir mit einem Anstellungsmodell für betreuende Angehörige eine Pionierrolle übernommen.

»Im Alltag bin ich ein unbürokratischer, direkter Arbeiter, der auch hemdsärmelig agieren kann – da prägt mich meine Fußballleidenschaft.« Hans Peter Doskozil über seinen politischen Stil

»Im Alltag bin ich ein unbürokratischer, direkter Arbeiter, der auch hemdsärmelig agieren kann –
da prägt mich meine Fußballleidenschaft.« Hans Peter Doskozil über seinen politischen Stil

© Manfred Weis

Fällt der Name Hans Peter Doskozil, ist der Begriff »hemdsärmelig« nicht weit. Liegt das Anpacken in Ihrer Natur?
Ja, absolut. Das war immer schon so. Ich bin kein Politiker, der sich mit vagen Versprechungen von Wahltermin zu Wahltermin hangelt – ich möchte an dem gemessen werden, was tatsächlich umgesetzt wird.   

Wie würden Sie Ihren politischen Stil beschreiben? Und wie kann man sich Hans Peter Doskozil im Büroalltag vorstellen?
Ich habe das schon am Anfang meiner politischen Laufbahn auf eine Formel zu bringen versucht, an der ich festhalte: wirtschaftspolitisch pragmatisch, gesellschaftspolitisch liberal, sozialpolitisch links und in Sicherheitsfragen konsequent. Im Alltag bin ich ein unbürokratischer, direkter Arbeiter, der auch hemdsärmelig agieren kann – da prägt mich meine Fußballleidenschaft. Ich bin aber auch ungeduldig und beharrlich, wenn es um wichtige Anliegen für die Menschen geht.

Sie haben sich zum Ziel gesetzt, das Burgenland zukünftig flächendeckend als Bioland zu positionieren. Warum?
Es ist wesentlich zu wissen, was wir essen, was diese Lebensmittel in sich haben, wo sie herkommen und wie es dabei unserer Umwelt geht. Deshalb haben wir uns mit dem 12-Punkte-Plan »Bioland Burgenland« das Ziel gesetzt, die biologische Landwirtschaft besonders zu fördern. Mit diesem umfassenden Konzept setzt das Land auf nachhaltige Landwirtschaft; mit einer eigenen Förderrichtlinie für Bioneueinsteiger bis hin zu flankierenden Maßnahmen bei Stallbauten und Bodenschutz. Der Einsatz von biologischen Produkten in landesnahen Betrieben, Kindergärten und Schulen stellt die nächste Etappe auf unserem Weg zum Bioland Nummer eins dar. Das Ziel ist die Steigerung der Bioquote in Kindergärten und Landesschulen auf 50 Prozent bis 2021 und auf 100 Prozent bis 2024. Um den heimischen Bauern neue Absatzmärkte zu sichern, werden wir außerdem in Landes- und landesnahen Küchen und Buffets den Bioanteil stetig erhöhen: 2021 soll er bei 50 Prozent, 2024 bei 100 Prozent liegen. In den Spitälern der KRAGES sind wir da schon sehr weit.

»Was mir besonders wichtig ist: Wachstum geschieht im Burgenland nicht im Widerspruch zu Nachhaltigkeitszielen.«
Hans Peter Doskozil über Visionen

Das Burgenland ist europaweit die Nummer eins bei der Nutzung erneuerbarer Energie. Ein weiteres Indiz für eine zukunftsorientierte Umweltpolitik …
Ja, mittlerweile produzieren wir rund 150 Prozent des im Land benötigten Stroms aus erneuerbarer Energie – eine Ausnahme in Europa. Wir planen aber jetzt schon weiter: Mit einem Investitionspaket von über 400 Millionen Euro wird die Energie Burgenland die dritte Windkraft-Ausbauphase starten, die aus dem Tausch älterer durch neue leistungsstärkere Anlagen besteht, aber auch massiv in Fotovoltaik, Fernwärme und Entwicklung investieren. Die große Herausforderung liegt darin, wie wir den Überschuss von im Land erzeugtem Ökostrom für Mobilität einsetzen können. Das Thema Wasserstoff ist dabei besonders vielversprechend. Unser Ziel ist es, dass bereits ab Herbst 2021 Wasserstoffbusse im öffentlichen Verkehr eingesetzt werden. Das ist auch Teil der ambitionierten neuen Klimastrategie des Landes, die darauf abzielt, bis 2050 den gesamten Energiebedarf aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Ich sage da auch ganz deutlich: Für diesen Weg der Nachhaltigkeit müssen sämtliche Bereiche der Daseinsvorsorge – von der Wasserversorgung über die Müllentsorgung bis hin zur Energieversorgung – in öffentlicher Hand bleiben. Wer mit Privatisierungsideen spielt, beißt bei mir auf Granit!

Wie vereinbar sind Regionalität und Bio?
Im Burgenland ergänzen sie einander sehr gut und müssen künftig noch enger Hand in Hand gehen. Was im Land biologisch produziert wird, soll auch regional in bekannter burgenländischer Top-Qualität verkauft werden. So vermeidet man lange Transportwege und schützt die Umwelt. Eine Win-win-Situation.

Das Burgenland ist unbestritten ein Weinparadies von Weltruf. Soll der Wein künftig eine noch zentralere Rolle spielen?
Ja, selbstverständlich. Der Wein ist ein weltweites Aushängeschild des Burgenlands und für seine Top-Qualität bekannt. Dass unser Wein heute in rund 90 Länder exportiert wird, zeugt von dessen Qualität und Wertschätzung. Diese Erfolge sind das Ergebnis einer hervorragenden Ausbildung junger Winzer und von Innovationsgeist. Das ist ein Beispiel, das auch für andere Wirtschaftsbereiche wie den Tourismus gilt: Das Bekenntnis zu Qualität macht sich bezahlt!

Freie Stunden genießt der Landeshauptmann mit seiner Lebensgefährtin Julia in der Natur.

Freie Stunden genießt der Landeshauptmann mit seiner Lebensgefährtin Julia in der Natur.

© Manfred Weis

Auch die Kulinarik hat das Burgenland zum Besuchermagneten gemacht. Was sind die Notwendigkeiten, um die Region weiter stark positionieren zu können? Welche Vision haben Sie für den Tourismus?
Das Burgenland ist heute ein national und auch international angesehenes Genussland, das für seine hervorragenden Produkte bekannt ist. Aber auch mit Kultur, Wellness und Natur ist das Burgenland eine beliebte Reisedestination geworden. In einem nächsten Schritt muss es uns nun gelingen, diese Bereiche noch besser aufeinander abzustimmen und so stärker zu positionieren. Daher muss es künftig eine noch engere Zusammenarbeit zwischen Tourismus, Kulturveranstaltern, Wein- und Landwirtschaft geben. Wir stützen uns im Moment noch sehr stark auf Inlandsgäste und Gäste aus dem deutschen Sprachraum – der nächste große Schritt muss in Richtung Internationalisierung gehen.

Sie haben die Kultur zur Chefsache erklärt und offenbar Gefallen daran gefunden. Welche Funktion haben Ihrer Ansicht nach Kunst und Kultur in einer Gesellschaft?
Eine sehr wichtige! Sie bringen etwas ganz Wesentliches zum Ausdruck, nämlich die Identität eines Landes und der Menschen, die hier leben. Das Burgenland ist aufgrund seiner kulturellen, sprachlichen und konfessionellen Vielfalt unvergleichlich – das spiegelt sich auch in der Kulturlandschaft wider, das prägt ein Klima der Offenheit. Diesen Reichtum gilt es zu fördern.

Welche Perspektiven möchten Sie hier der Kunst in den nächsten Jahren eröffnen?
Mir geht es nicht um die Bewertung, was »gute« oder »weniger gute« Kultur bzw. Kunst ist. Ich will einen Rahmen schaffen, der das Kunst- und Kulturschaffen in seiner ganzen Bandbreite unterstützt. Da stecken enorme Chancen drin, vor allem für junge, kreative Menschen. Wir befinden uns derzeit in einer Neuaufstellung der Kulturbetriebe Burgenland und in einer Neuordnung der Festival-Landschaft. Nach der Einigung mit Esterházy und der damit verbundenen Wiederaufnahme der Opernfestspiele in St. Margarethen haben wir mit dem Um- bzw. Neubau des KUZ Mattersburg, dem Ankauf der Synagoge Kobersdorf, der Sanierung der Burg Schlaining und dem Ankauf von Schloss Tabor als neues Kulturzentrum im südlichsten Burgenland bereits wichtige Etappen eingeleitet. Generell geht es darum, die Kulturbetriebe Burgenland als »Dach« oder Partner für Kulturinitiativen anzubieten, natürlich ohne »Zwangsbeglückung«. Das soll ein gemeinsames Auftreten im Marketing, Ticketing und im Vertrieb erleichtern und zu einer optimalen Abstimmung führen. Unterm Strich werden sich unsere Festivals und Kulturstandorte dann noch besser in Szene setzen können – mit allen damit verbundenen positiven Effekten für Tourismus und Wirtschaft!

Letzte Frage: Wie entspannt sich der Landeshauptmann an einem freien Tag?
Freie Tage gibt es im Moment naturgemäß wenige. Aber ich genieße jeden Moment mit meiner Lebensgefährtin Julia, vor allem in der wunderschönen Natur des Burgenlands. Und wenn es mal außerhalb des Landes sein darf, ist ein Rapid-Match bekanntlich ein Highlight für mich …

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