Peter Hämmerle
Peter Hämmerle © Ingo Pertramer

Die Küche rangiert heute als Statussymbol gleich hinter dem Auto. Selbst Durchschnittshaushalte investieren beachtliche Summen in eine Portion gastrosophisches Pres­tige. Die Auswirkungen dieses Trends waren bei der Küchenmesse Living Kitchen in Köln zu sehen: Alle Hersteller wollen beim großen Geschäft dabei sein. »Unsere Firma hat im vergangenen Jahr in China genauso viel umgesetzt wie in Deutschland«, sagt Peter Bruns, Geschäftsführer bei Gaggenau, »und das, obwohl die dortige Verkaufsstruktur erst im Aufbau ist.«

SieMatic BeauxArts.02: ein ungewöhnliches Spiel wechselnder ­Oberflächen und Dimensionen/Foto: Hersteller
SieMatic BeauxArts.02: ein ungewöhnliches Spiel wechselnder ­Oberflächen und Dimensionen/Foto: Hersteller

Die aktuelle Entwicklung geht auch bei den Küchengeräten in Richtung Energieeffizienz, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Konkret sichtbar wird der funktionale Fortschritt dann bei Induktionsfeldern, Dampfgarern und Abzugshauben. Sämtliche namhaf­ten Hersteller bieten neuerdings »intelligente« Induktionsfelder. Dampfgarer werden mit allen erdenklichen Features ausgestattet. Und die Abzugs­hauben verlieren ihr stereotypes Aussehen und scheinen auf wundersame Art mit den physikalischen Gesetzen zu spielen.

Die singende Küche
Die Küchenhersteller verfolgen zwei Trends: Einerseits gehen sie ins Detail und erarbeiten aufwendige Detaillösungen, andererseits bedienen sie die komplette stilis­tische Bandbreite. SieMatic hat bereits vor wenigen Jahren mit der BeauxArts einen mutigen Versuch lanciert – und geht in Köln nun in die zweite Runde. Auf der Living Kitchen präsentierte der Chicagoer Küchendesigner Mick de Giulio die BeauxArts.02 persönlich. Die Reaktionen auf den ersten gewagten Entwurf waren selbst für den Marketingchef des Herstellers, Jörg Overlack, eine Überraschung: »Als wir die Baureihe präsentier­ten, waren die Reaktionen verhalten. Nach einiger Zeit aber sind sie alle gekommen, die Händler wie die Verkäufer.«

Der Gegensatz zur puristischen S1 von Siematic könnte größer nicht sein. Die BeauxArts.02 kennzeichnet ein eklektizistischer Architekturstil, der auf eine Pariser Schule zurückgeht, die Anleihen bei römischer Antike, Renaissance und Barock nahm, und der die amerikanische Architektur der ­letzten beiden Jahrhunderte maßgeblich prägte. Mick de Giulio hat den Trend nach Europa zurückgebracht. Er sehe in einer Küche mehr als nur einen Stil, erklärt de Giulio in seinem Buch »Kitchen centric« (www.balconypress.com). Wichtig sei das individuelle Spiel mit Symmetrie und Asymmetrie, mit unerwarteten Kombinationen von Materialien, mit Arbeitsplatten in unterschiedlicher Stärke – ganz nach dem Motto: »Die richtige Proportion gibt der Küche Rhythmus und lässt sie singen!« Und wenn mittendrin ein riesiger Wolf-Herd mit Bedienhebeln wie von einem Umspannwerk steht, dann weiß man: Dieses Ding wird 100 Jahre alt. Oder in de Giulios Worten: »Eine Küche muss funktionieren.«

Auch bei Poggenpohl hatte man mit einem ungewöhnlichen Konzept unerwarteten Erfolg. »Als wir die Porsche-Küche entwickelten, stand nicht der Verkaufserfolg im Vordergrund, sondern sie sollte ein Innovationsträger sein – so wie ein Autohersteller sich ein Rennteam leistet«, sagt PR-Chef Thomas Oberle. Der Zuspruch der Kunden zu dem strengen und technoiden Entwurf ist jedoch überraschend groß. Wie die neue Schubladenführung zeigt, finden spezielle Innovationen nun Anwendung in anderen Serien – der Platzgewinn ist beträchtlich und macht absolut Sinn.

Porsche-Küche von Poggenpohl: Der ­Innovationsträger wird zum Verkaufserfolg/Foto: Hersteller
Porsche-Küche von Poggenpohl: Der ­Innovationsträger wird zum Verkaufserfolg/Foto: Hersteller



Intelligente Induktionsherde

Sämtliche großen Hersteller hieven bei den Küchengeräten die Induk­tion auf die nächste Evolutionsstufe. Gaggenau macht es am eindrucksvollsten vor: Das Kochfeld CX 480 besteht aus 48 Mikroinduktoren, die nicht nur die Lage des Topfs und seine Größe erkennen, sondern auch, auf welchen Platz er verschoben wird. Das große Touch-Display schlägt daraufhin die passende Einstellung vor – ein Tastendruck, und das Kochvergnügen nimmt seinen Lauf. Auch beim Dampfgaren setzt Gaggenau eins drauf: Der Vollflächengrill des BS 270 bietet nun auch die Funktionen Grillen und Gratinieren, auf Wunsch mit Umluft oder Dampf. Siemens wiederum legt in Sachen Sicherheit eine intelligente Lösung für seine Induktionsmulde vor: Die DiscControl ermöglicht das Ansteuern über das Drehen kleiner Scheiben, die zum Reinigen oder zum Schutz von Kindern einfach aus ihrer Mulde genommen werden. Eine weitere Modellneuheit von Siemens ist der Dampfgarer für den Oberschrank mit der Bedienleiste an der Unterkante des Geräts. Waren bisher Kühlschränke und Geschirrspüler die Energiesparmeister, so werden jetzt auch Backrohre besonders gedämmt. Liebherr, ohnehin

Gaggenaus neue Induktionsmulde: Sie erkennt Töpfe, auch wenn man sie verschiebt/Foto: Hersteller
Gaggenaus neue Induktionsmulde: Sie erkennt Töpfe, auch wenn man sie verschiebt/Foto: Hersteller

Sparweltmeister, zeigte einige mutige Entwürfe für Fronten freistehender Geräte, aus Beton etwa. Auch bei Abzugshauben gibt es ein Umdenken – es passt einfach nicht zum Niedrig­energiehaus, wenn kubikliterweise warme Raumluft ins Freie geblasen wird. Überhaupt waren auf der Living Kitchen erstaunliche Geräte zu sehen: etwa eine automatisch absenkbare Haube von Berbel oder die Arte von Gutmann, die nur noch Haube heißt, aber keine mehr ist. Miele zeigte einen Dunstabzug, der situationsabhängig reagiert. Aus der Menge an Neuheiten verdient zuletzt noch ein kleines, sehr praktisches Gerät eine Erwähnung: der Quooker. Er liefert kochend heißes Wasser, sekundenschnell. Unter der Spüle eingebaut, ist nur ein kleiner Hahn zu sehen; sein Reservoir ist besonders gut ­gedämmt. So stellt man sich angewandte Innovation vor.

TOP-ADRESSEN
www.berbel.de
www.gaggenau.com
www.gutmann-exklusiv.eu
www.kueppersbusch.com
www.liebherr.com
www.miele.de
www.poggenpohl.de

www.quooker.de
www.siematic.com
www.siemens.de

 

von Peter Hämmerle

aus Falstaff Nr. 2/2011

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