Grüner Wohnen

Das »Hotel Parkroyal on Pickering« in Singapur ist eine Art Blaupause für Bauten, die Natur, Nachhaltigkeit und Architektur miteinander in Einklang bringen. parkroyalhotels.com

© Patrick Bingham Hall

Das »Hotel Parkroyal on Pickering« in Singapur ist eine Art Blaupause für Bauten, die Natur, Nachhaltigkeit und Architektur miteinander in Einklang bringen. parkroyalhotels.com

© Patrick Bingham Hall

Seit Jahren befassen sich weltweit Städteplaner mit der Frage, wie urbane Gegenden und Hochhausschluchten sinnvoll und vor allem mit möglichst hohem Mehrwert begrünt werden können. Die momentan gängigste Antwort auf diese Frage lautet: Fassadenbegrünung. Metropolen sehen darin eine ökologische Wunderwaffe im Kampf gegen triste Stadtbilder. Dementsprechend werden Bau- und Architekturprojekte, die mit viel Grün und Natur planen, forciert. 

Der Ansatz ist ebenso simpel wie effektiv, denn üblicherweise werden Schling- oder Kletterpflanzen an den Außenwänden hochgezogen und beginnen dann, langsam alle Flächen zu überwuchern – im Idealfall ohne menschliches Zutun. Die Resultate und wie mit den vertikalen Grünflächen in der Architektur umgegangen wird, sind äußerst originell und weisen auch einiges an Vorzügen auf. 

Jungle in the City

So hat Fassadenbegrünung nicht nur positive Auswirkungen auf das Stadtbild und ist ein wertvoller Beitrag für die Umwelt, sondern kann auch die Folgen des Klimawandels und der wachsenden baulichen Verdichtung deutlich abschwächen. Die vertikalen Gärten und Wälder an den Häuserfronten – man weiß es aus dem Biologieunterricht – binden CO2 und produzieren Sauerstoff. Davon profitiert übrigens nicht nur das Stadt- und Weltklima, sondern auch der jeweilige Hausbesitzer. Dauergrüne Pflanzen schaffen im Winter einen Isolationseffekt – dadurch spart man Heizkosten. Zudem wirken die Wandbegrünungen im Sommer wie eine natürliche Klimaanlage. Sie bewahren das Mauerwerk vor zu starker Aufheizung, bieten Schutz vor UV-Strahlen und  sind – sollte eine Schlechtwetterfront aufziehen auch noch ein wirksamer Schutz vor Schlagregen. Das erhöht die Lebensdauer der Außenwände ungemein. 

Vorreiter Singapur

Eine globale Vorreiterrolle in dieser Hinsicht nimmt Singapur ein. Der asiatische Stadtstaat gilt als eine der saubersten Metropolen der Welt. Wer in der Megacity schon unachtsam Kaugummi ausgespuckt oder an öffentlichen Orten geraucht hat, weiß von den drakonischen Strafen, die einen dort erwarten, ein Lied zu singen. Abseits dieser für viele Touristen skurrilen Ge- und Verbote setzt die 5,6-Millionen-Einwohner-Stadt aber schon seit geraumer Zeit auf begrünte Fassaden. 

Bestes Beispiel ist das »Hotel Parkroyal on ­Pickering« im Herzen Singapurs, das sich ganz dem »Hotel-in-a-Garden«-Konzept verschrieben hat und der Natur so die Chance gibt, sich ein Stück Stadt zurück-zuerobern. Das gefeierte Architekturbüro WOHA hat dieses energieau­tarke Hotel geplant. Der ganze Gebäudekomplex ist außen wie innen mit lebenden grünen Wänden überzogen, hinzu kommen beruhigende kleine Spielereien wie spiegelnde Wasserbecken, Biotope,Wasserfälle und einladende Pflanzenterrassen. Die grünen Landschaften erhalten sich übrigens weitgehend selbst, und der Wasserbedarf wird mit Regenwasser gedeckt, das in den oberen Stockwerken aufgefangen wird. Auf Komfort muss im Fünf-­Sterne-Etablissement jedenfalls auch nicht verzichtet werden, wie zahlreiche Auszeichnungen und Prämierungen bezeugen. Dass vertikale Gärten im asiatischen Architektur-Mainstream angekommen sind, zeigt übrigens auch das spannende Bürohochhaus, das die Bjarke Ingels Group (BIG) und Carlo Ratti Associati (CRA) gerade umsetzen. Der 280 Meter hohe Singapore Tower definiert mit seinen Grünkonzepten im Außen- und Innenbereich die Schaffung innerstädtischer Grünflächen neu und schafft auf spektakuläre Weise inmitten einer pulsierenden Megacity Büroarbeitsplätze im Grünen.

Was macht Europa?

Die zahlreichen positiven Aspekte begrünter Innen- und Außenflächen von Bauprojekten nimmt auch die Stadt Wien zum Anstoß und fördert die Fassadenbegrünung in Zukunft mit bis zu 2200 Euro. Dafür wurden eigens diverse Hilfs-Tools und Beratungsplattformen für Interessenten auf der Website der Stadt Wien eingerichtet. Die Grün-Offensive zeigt jedenfalls Wirkung, wie das Leuchtturmprojekt Biotope City zeigt, das gerade an der viel befahrenen Triester Straße mitten im zehnten Wiener-Gemeindebezirk entsteht. 

Auf einer Gesamtfläche von rund fünf Hektar entsteht eine naturnahe Siedlung mit rund 900 Wohnungen und Büros. Die Hauptrolle übernehmen darin Bäume, Schlingpflanzen, Gärten und sich selbst überlassene Naturbereiche. Die Prinzipien der ­Biotope City fließen auch in die Planung des angrenzenden Gebäudekomplexes The Brick ein. Ein Projekt der Soravia Group, das Loft-Büros, Gastro- und Gewerbebetriebe entstehen lässt und dabei auf ein enges Zusammenwirken von nachhaltiger Bauweise, natürlichen Materialien sowie viel Grün setzt. 
Aber nicht nur Wien geht neue Wege bei der Kombination aus Natur und Stadt, auch ­München hat die Zeichen der Zeit erkannt und wird im Stadtteil Bogenhausen demnächst sein erstes grünes Hochhaus bekommen. Zwar wartet das Team um Aika Schluchtmann ­Architekten noch auf ein endgültiges Okay der Stadtregierung, spätestens Ende des Jahres kann aber mit dem Bau des 52 Meter hohen Turms, in dem Wohnungen und Geschäftslokale untergebracht werden, begonnen werden. Das grüne Hochhaus mit seinen vertikalen Gärten wird übrigens auch Forschungszwecken dienen. So will man etwa mehr über die Wechselwirkung von Begrünung und Wohnraumklima in Erfahrung bringen.

Blick in den Süden

Helfen kann dabei ein Blick in den Süden. In Italien wurde nämlich ein ähnliches Vorzeigeprojekt verwirklicht. In der Modemetropole Mailand schuf der italienische Architekt ­Stefano Boeri die Zwillingstürme Bosco ­Verticale (dt. senkrechter Wald). 900 Bäume und 2000 andere Pflanzenarten wurden entlang der Fassade der beiden Wohntürme gepflanzt, die direkt neben Mailands zweitgrößtem Bahnhof stehen. Bis heute dienen sie als Beispiel für die Umsetzung einer Siedlung, die nicht nur dem Namen nach grün ist. 

Egal, ob durch Fassadenbegrünung, Indoor-Gärten oder andere Grünkonzepte – Architektur und Großstädte haben erkannt, dass es sich in einer grünen Umgebung besser lebt als in grauen Betonschluchten. Der positive Mehrwert für die Umwelt, der Kampf gegen den Klimawandel und die angenehmen Effekte für den Menschen bedeuten, dass Projekte wie die Biotope City in Wien oder der Bosco Verticale die Städte der Zukunft prägen werden.

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LIVING Nr. 02/2018
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