Manche mögen Natur- und Amphorenweine (Bild), andere finden sie scheußlich. Ein Best of sehen Sie in der Bilderstrecke / © Stefano Scatà
Manche mögen Natur- und Amphorenweine (Bild), andere finden sie scheußlich. Ein Best of sehen Sie in der Bilderstrecke / © Stefano Scatà

Orange Wines? Na herzlichen Dank. Die sind schon mausetot, bevor sie geboren sind.« Das ist der Kommentar des einflussreichen Önologie-Professors Denis Dubourdieu aus Bordeaux, der Weingüter vom Kaliber Cheval Blanc und Château d’Yquem berät. »Ich mag sie nicht, und ich trinke sie daher auch nicht. Nur ein Wein, der altern kann, ist auch ein guter Wein. Und das gilt auch für Weißweine.«

Auch der große Robert Parker Junior scheint für die neuen Weine wenig übrigzuhaben. In einem jüngst auf seinem Internetportal www.robertparker.com publizierten Artikel rechnet er ziemlich grob mit jenen ab, die anstatt der großen Rebsorten Chardonnay oder Cabernet Sauvignon eher unbekannte Rebsorten – er zählt zu diesen explizit auch den Blaufränkisch – ins Rampenlicht stellen, die sich seiner Meinung nach über Jahrhunderte nicht behaupten konnten und daher uninteressant seien. Noch absurder werde das Ganze, so Parker, »wenn die Resultate oxidiert und abgestanden sind, nach Fäkalien stinken und der Farbe nach wie Orangenjuice oder rostiger Eistee aussehen, um dann im Glas als authentisch, natürlich oder echt bezeichnet zu werden.«

Der Großmeister zeigt sich bei dieser Kritik aber nicht ganz auf der Höhe seiner Zeit, denn so pauschal lässt sich diese Kategorie von Weinen keineswegs aburteilen. Die weltweit angesehene englische Weinautorin Rebecca Gibb etwa ist da ganz anderer Meinung und vermutet: »Parkers Kommentar legt nahe, dass er bei diesem Thema über eine stark eingeschränkte Verkostungserfahrung verfügt.«

Wie es scheint, hat sich gerade zur rechten Zeit der Weiße Ritter in Person von Filmemacher Jonathan Nossiter aufgemacht, die Ehre der Naturweine zu verteidigen. Mit seinem mittlerweile längst legendären Film »Mondovino« hat er bereits vor zehn Jahren dem gesamten Wein-Establishment den Spiegel vorgehalten. Seine brandneue, in Italien entstandene Dokumentation »Natural Resistance« sieht er als positives Lehrstück. »Für mich sind die Erzeuger von Natural Wines ein Beispiel für ethischen, politischen und menschlichen Erfolg.«
Doch man muss konstatieren, dass es für die Bereitung von Orange Wines und von Vins naturels noch keine verbindlichen Qualitätsmaßstäbe gibt. Vielleicht kann es sie auch nicht geben, weil diese Weine per definitionem individuell sein sollen. Bleibt ein Wein nach der Gärung monatelang auf der Maische stehen, möglicherweise noch ohne Schwefel, läuft die Vorstellung technischer Kontrolle von vornherein ins Leere. Andererseits steht gerade die Individualität bei schlecht gemachten Exemplaren infage: Riecht ein Wein nach Klebstoff oder Essigsäure, ist er nicht mehr individuell, sondern banal – und ungenießbar. Glücklicherweise belegen die Weine erfahrener Winzer jedoch, dass solche Weinfehler nicht sein müssen.

Ein typischer Stein des Anstoßes sind zarte Formen der Oxidation. Von sehr technisch orientierten Verkostern werden oft schon kleinste oxidative Nuancen als Fehler abgelehnt. Andererseits zeigen manche hoch stehenden Weinkulturen – etwa diejenige des Sherry oder auch die des französischen Jura – dass gekonnt eingesetzte Oxidationen die Komplexität bereichern können, ohne den Wein zu dominieren. Ein Paradoxon bei innerlich stabilen Orange Wines und Vin naturels ist dabei, dass sie von Luftkontakt profitieren. Dies ist vielleicht das größte Faszinosum an diesen alternativen Formen der Weinbereitung: Ungeschwefelte Weine reifen in einem guten Keller über Jahre genauso gut wie ihre geschwefelten Pendants. Die meisten Orange Wines kann man auch problemlos tagelang in einer Karaffe aufbewahren. Sie werden dadurch sogar besser.

Text Peter Moser, Ulrich Sautter
Aus Falstaff Nr. 02/2014

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