Georgien: Wiege des Weins

Mannshohe Terrakottagebinde, sie heißen Kvevris, warten auf ihren zukünftigen Einsatz.

© Shutterstock

Mannshohe Terrakottagebinde, sie heißen Kvevris, warten auf ihren zukünftigen Einsatz.

© Shutterstock

Seit Tausenden Jahren werden im Kaukasus Weintrauben in großen, direkt in den Boden eingelassenen Terrakottagefäßen zu Wein vergoren. Die jüngsten archäologischen Befunde verorten die Wiege der Weinkultur in der georgischen Region Kvemo Kartli. Dort hat die Menschheit das Weinmachen erfunden.

Die Methode dabei wurde zwar bis heute tradiert, doch die internationale Weinwelt wurde erst durch das Engagement der Slow-Food-Bewegung auf das Vinifizieren in amphorenartigen Tongefäßen aufmerksam. Und das kam so: In den frühen 1990er-Jahren reisten einige italienische Winzer nach Georgien, sie waren danach von dieser uralten Art des Weinmachens so angetan, dass sie zu Hause ihre Weine ebenfalls in den riesigen Tongefäßen entstehen ließen.

Handarbeit

Mit dem wachsenden Interesse an »Natural Wines« begannen sich weltweit immer mehr Winzer vor allem zur Herstellung ihrer »Orange Wines« für Kvevris – so werden in Georgien die Tongefäße bezeichnet – zu interessieren. Die Schwierigkeit dabei besteht in der Beschaffung der Kvevris, denn nur noch fünf Familien in Georgien beherrschen die Kunst, diese bis zu 2.000 Liter fassenden Gebinde in Handarbeit herzustellen. Bis zu acht Wochen benötigt man für einen großen Kvevri-Rohling, der dann sieben bis zehn Tage bei rund 1.000 Grad Celsius gebrannt wird.

Weinbau in Georgien

Weinbau in Georgien: Vor Tausenden Jahren entstanden in der Region Kvemo Kartli die ersten Weine der Welt.

© Shutterstock

Und so wird ein klassischer Kvevri-Wein in Kachetien hergestellt: Zunächst werden die Trauben – weiße wie rote – ungerebelt leicht angepresst. Traditionell erfolgte dies mit den Füßen in einem ausgehöhlten Baumstamm, dem Satsnakheli. Dann geht es in den Kvevri, für wie lange, hängt von Weinart und Winemaker ab. Kachetien im Südosten des Landes hat die längste Verweildauer, hier wird auch am meisten Gerbstoff ausgelaugt. Richtung Westen wird die Zeit im Ton kürzer, es wird auch entrappt oder gar nur der Most ohne Beerenhäute vergoren. Am Ende der Gärung werden die Deckel der Kvevris mit Ton verschlossen und erst wieder geöffnet, wenn der Wein fertig gereift ist. In Georgien wurden diese Weine stets in kleinen Mengen für den Familienkonsum hergestellt und nur selten überhaupt in Flaschen gefüllt und gehandelt. Mit der wachsenden internationalen Nachfrage erlebt diese Produktionsweise in Georgien eine gewisse Renaissance, und so sind in den letzten Jahren zahlreiche neue Labels auf den Markt gekommen. Zahlreiche spezialisierte Weinbars in Tiflis, dem »Mekka des Amber Wine«, widmen sich heute dem Thema.

»Georgiens Weine werden in Zukunft am Weltmarkt sicher eine tolle Figur machen.«
Patrick Honnef CEO, Château Mukhrani

TASTING GEORGIEN

Der traditionelle Weinausbau in großen Kvevris wurde 2013 in die Liste des »Immateriellen Kulturerbes der Menschheit« aufgenommen, und im Herbst 2017 widmete die Cité du Vin in Bordeaux der georgischen Weinkultur ihre erste große Sonderschau.

Etwa zwei Drittel der georgischen Rebfläche sind mit Rotwein bepflanzt, die Zahl der autochthonen Rebsorten ist enorm, 525 eigenständige georgische Rebsorten sind bekannt. 38 Sorten sind für den kommerziellen Weinbau zugelassen. Die Schreibweise der Namen kann in der Übersetzung aus dem Georgischen stark variieren: Statt Goruli Mtsvane kann auch Coruli Mzwane, statt Khikhvi kann Chichwi oder Kisi statt Qisi auf dem Etikett stehen. Viele bekannte Weine Georgiens tragen Herkunftsbezeichnungen, die oft auch für einen regionaltypischen Stil stehen. Auch hier kann der rote Kindzmarauli als Kindsmarauli oder der weiße Tsinandali als Zinandali bezeichnet werden. So ist es gang und gäbe, dass auf georgischen Weinkarten Rebsortenweine und Herkunftsweine munter durcheinander angeführt werden.

Rkatsiteli ist die verbreitetste Rebsorte Georgiens und nimmt rund die Hälfte der gesamten Rebfläche ein. Reinsortige PDOs (Appellationsweine mit geschützter Herkunft) aus Rkatsiteli heißen Vazisubani, Gurjaani, Kakheti, Kotekhi und Napareuli sowie der fortifizierte PDO Kardanakhi, den nur mehr ein einziger Betrieb herstellt. Rkatsiteli wird auch mit Kisi, Khikhvi oder Chardonnay verschnitten und eignet sich gut für die Herstellung im Kvevri. Mtsvane Kakhuri und Khikhvi sind weitere typische Sorten in Kachetien.

Barriquekeller im Château Mukhrani
Barriquekeller im Château Mukhrani

© Peter Moser

Die aktuell spannendsten weißen Kvevri-Weine entstehen aus der feinaromatischen Sorte Kisi mit ihrem Anklang an getrocknete Marillen. Immer öfter wird diese Traube aber auch klassisch trocken im Stahltank ausgebaut, seltener reift sie im Holzfass.

Der Tsinandali PDO aus der Region um Telavi in Kachetien ist eine Cuvée der Weißweinsorten Rkatsiteli und Mtsvane Kakhuri im Verhältnis 85 zu 15 – und der Herkunftsname des bekanntesten Weißweins aus Kachetien. Dieser wird bis zu zwei Jahre im Holzfass gereift. Der erste Jahrgang dieses Weins wurde 1886 erzeugt. Tsinandali ist ein Stadtteil von Telavi, die Trauben für diesen von zahlreichen Betrieben erzeugten Traditionswein kommen aus dem Alazani-Tal. In Kartli findet man ansprechende Weißweine aus den Sorten Coruli Mtsvane (floral, Limette) und der rassigen Chinuri, etwas Chkapa und Terti Budeshuri und natürlich aus der omnipräsenten Rkatsiteli.

Die einzige PDO in Kartli ist der legendäre weiße Atenuri, ein prickelnd-frischer Wein aus Chinuri, manchmal mit etwas Coruli Mtsvane oder Aligoté verschnitten, erkennbar an einem Hauch von Minze. In Imeretien ist die honigtönige Tsitska (Quitte, Birne) zu finden, die langlebige Tsolikouri (Melone, Blumen) ist in Westgeorgien weit verbreitet und wird trocken zum PDA Sviri ausgebaut, wo sie auch mit Anteilen aus Tsitska und Krakhuna (rassig, Banane, sehr selten) vermählt werden darf. Reinsortig, dafür mit Restzucker, entsteht aus ihr in Lechkhumi der PDO-Wein namens Tvishi.

Patrick Honnef leitet seit vier Jahren das Weingut Château Mukhrani. 

© Peter Moser

Saperavi ist die meistangebaute Rotweinsorte Georgiens, aus ihr entstehen auch die besten Kvevri-Rotweine. PDO (Protected Designations of Origin) in Kachetien für trockene PDO-Rotweine aus Saperavi sind Mukuzani, Kvareli, Napareuli.

Die PDO Teliani in Kachetien ist – man höre und staune – für Cabernet Sauvignon reserviert. Sehr gute Ergebnisse werden heute mit den Sorten Tavkveri und Shavkapito erzielt, die beide ursprünglich aus Kartli stammen. Die spät reifende Tavkveri ist heute im Westen Georgiens anzutreffen, aus ihr werden sowohl Rosé- wie auch Rotweine erzeugt, sie eignet sich gut für die Verarbeitung im Kvevri. Shavkapito war fast ausgestorben und ergibt eigenständige Weine mit einem exotischen, rauchigen Touch.

Die Sorte Otskhanuri Sapere ist farbintensiv und reift spät, sie gilt als die beste unter den roten Sorten der Region Imeretien. Erst nach dem ersten Frost erntet man die graublauen Trauben der Chkhaveri, die im äußersten Westen in den Gebieten von Adjara und Guria, aber auch in Abchasien wächst und je nach Mazerationszeit kraftvolle Weiß-, Rosé- oder auch helle Rotweine ergibt. Der liebliche rote Khvanchkara-PDO in Racha-Lechkhumi, der auf den Südhängen des Rioni-Tals wächst, wird aus den roten Sorten Aleksandrouli und Mujuretuli gekeltert. Khvanchkara ist vor allem beim russischen Publikum von jeher sehr gefragt. Im 19. Jahrhundert war diese Region für den Rotwein des Prinzen Kipiani bekannt, ein Wein, der als der »Burgunder des Kaukasus« galt.

Georgisches Weingut

© Shutterstock

FACTS

Georgischer Wein am Weltmarkt
Georgiens Weinexporte haben sich im Zeitraum von Jänner bis Oktober 2017 gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahrs mehr als verdoppelt. Rund 61 Millionen Flaschen wurden in fünfzig verschiedene Länder ausgeführt. Der traditionell mit großem Abstand größte Abnehmer der georgischen Weine war Russland mit mehr als 38 Millionen Flaschen, gefolgt von der Ukraine mit 6,2, China mit 6, Kasachstan mit 2,6 und Polen mit 2,15 Millionen Flaschen. Zuwächse von mehr als 50 Prozent gab es auch in westlichen Ländern, dort bewegen sich die Zahlen allerdings noch auf einem ganz anderen Niveau. Die USA kamen in den ersten zehn Monaten 2017 auf knapp 400.000 Flaschen, Deutschland auf 367.000 und Frankreich auf knapp 100.000 Flaschen.

Georgien in Zahlen
Anbaufläche: 48.000 Hektar
(zum Vergleich: D: 102.000, Ö: 46.000, CH: 14.780)
Erzeugte Weinmenge: 0,8–1,3 Mio. hl p. a.
(zum Vergleich: D: 7,5 Mio. hl, Ö: 2,4 Mio. hl, CH: 1 Mio. hl)

TASTING Georgien

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 01/2018
Zum Magazin

MEHR ENTDECKEN

Mehr zum Thema

News

Das Beste aus Niederösterreich im Glas

Am 21. Juni findet die »TOP WEIN Niederösterreich« im Palais NÖ in Wien statt. Jetzt Tickets sichern!

Advertorial
News

Diese Restaurants haben die besten Weinkarten

Im Rahmen des Falstaff Restaurantguides 2018 werden auch jene Lokale mit dem besten Weinangebot ausgezeichnet.

News

Renaissance für den Roten Veltliner

Der Rote Veltliner ist eine der traditions­reichsten Weißweinsorten Niederösterreichs, um die es jedoch still geworden war. Dank seiner Vorzüge erlebt...

News

Sommelierunion Austria: Alle Termine auf einem Blick

Gemeinsam mit der Sommerlierunion Austria hat KARRIERE die wichtigsten Termine, welche das Thema Wein und Ausbildung betreffen, ermittelt.

News

Moët & Chandon feiert den »Grand Day«

Im Rahmen des »Moët & Chandon Grand Toast« wird am 9. Juni weltweit miteinander angestoßen – so wird in Österrreich prickelnd gefeiert.

News

Die Sieger der NÖ-Landesweinprämierung 2018

Die besten Weine Niederösterreichs wurden prämiert. Das Weingut Schwertführer 47er holt sich den Titel »Weingut des Jahres«.

News

Die SALON-Verkostungen im Überblick

Die 270 SALON Weine aus Österreichs härtestem Weinwettbewerb können im Juni in Wien, Linz und Hall in Tirol verkostet werden.

Advertorial
News

Schlumberger Reserven im Falstaff-Check

Reserviert für Gourmets: Aktuelle Verkostungsnotizen der gereiften Schaumweine der Wiener Traditionskellerei.

News

Gewinnspiel: Start in die Ab Hof Saison bei Kracher

Der Weinlaubenhof Kracher lädt zur Weinverkostung ein. Gewinnen Sie 3x2 Karten für die Jahrgangs-präsentation und das Fine Wine Event am 1. September...

Advertorial
News

Prosecco-Trophy: Ein Meer von Perlen

Prosecco ist zu einem Renner geworden und steht weltweit für italienischen Lifestyle. Falstaff hat die besten in den Kategorien Conegliano...

News

Eventtipp: Natural Sparkling Verkostung in Wien

Bei der B.O.U.M. Weinmesse können am 8. Juni Schaumweine von Bio-Winzern aus ganz Europa verkostet werden.

News

Alle Infos zur VieVinum 2018

Im Vorfeld zum Wein-Jahreshighlight werden in ausgewählten Restaurants spezielle VieVinum-Menüs angeboten. PLUS: Alle Infos zur VieVinum 2018, von 9....

News

Neusiedlersee DAC freut sich über neue Mitglieder

Mit inzwischen über 100 Mitgliedern schauen Obmann Christoph Salzl und der neue Neusiedlersee DAC Geschäftsführer Mag. (FH) Torsten Aumüller...

News

Gillesberg Cabernet Franc – Magnum-Set von Triebaumer gewinnen!

Günter und Regina Triebaumer schreiben mit der Ruster Ausnahmelage ein weiteres Kapitel ihrer Erfolgsgeschichte. Wir verlosen je eine Magnumflasche...

Advertorial
News

Weingut Hagn eröffnet Weingalerie in Mailberg

Mit der Weingalerie hat die Familie Hagn einen Ort geschaffen, an dem man inmitten eines Kunstwerks von Akira Sakurai die Produkte des...

News

Pop-Up Weinbar im Palais Coburg

Zur Feier von 15 Jahren Palais Coburg steht die Lobby des Luxushotels im Juni 15 Tage lang ganz im Zeichen von exklusiven Weinen und kulinarischen...

News

Wachter-Wiesler ist beste Buschenschank im Burgenland

Zwei Familien, ein Gesamtkunstwerk – und nach der Auszeichnung für die beste Heurigenküche im Vorjahr diesmal Platz eins im Burgenland.

News

Edlmoser ist bester Heuriger in Wien

Der Paradeheurige in Mauer wurde bereits vielfach von Falstaff ausgezeichnet und sicherte sich einmal mehr den Bundeslandsieg.

News

Georgien: Weinbau noch älter als bisher gedacht

Jüngsten Entdeckungen zufolge soll in Georgien bereits vor etwa 8.000 Jahren Wein hergestellt worden sein.