Conrad Seidl
Conrad Seidl © Ingo Pertramer

Es kommt nicht oft vor, dass Neuigkeiten aus der österreichischen Bierszene internationales ­Interesse wecken – dann aber schlägt die Entwicklung hohe Wellen. Als Beispiele mögen die Erfindung des Wiener Lagerbierstils durch Anton Dreher oder die Wiederbelebung des Schweizer Samichlaus-Bieres durch die Brauerei Schloss Eggenberg gelten. Was österreichisches Bier diesmal in die Schlagzeilen bringt, darf als ähnlich sensationell gelten: Am 7. Februar hat Österreichs einzige Trappistenbrauerei in aller Stille ihren ersten Sud von 15 Hektolitern gebraut. Seit die internationale Bierwelt davon weiß, darf sich die 1000-Seelen-Marktgemeinde Engelhartszell auf Pilgerströme aus aller Welt einstellen.

Die oberösterreichische Ortschaft war bisher vor allem Be­nutzern des Donauradwegs ein ­Begriff. Und Liebhabern des Rokoko: Weithin sichtbar ist der Turm der Abteikirche Engelszell, die 1754 bis 1764 neu erbaut und mit Kunstwerken von Johann Georg Üblhör, Joseph Deutschmann und Bartolomeo Altomonte ausgestattet wurde. Aber nur 22 Jahre später ging die fast 500-jährige Klos­tergeschichte zu Ende, weil es Kaiser Joseph II. gefiel, das Zisterzienserkloster an der Donau aufzulösen.

Klasse statt Masse
Erst nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahr 1925, zogen wieder Mönche in die alten, zwischenzeitlich als Zweigbetrieb von Augarten-Porzellan genutzten Mauern – Benediktiner der strengen Obser­vanz, die in den Kriegswirren aus der elsässischen Abtei Oelenberg vertrieben worden waren. Getreu dem Prinzip »Ora et ­labora« wird von diesen Trappistenmönchen viel gebetet, siebenmal am Tag kommen sie dazu zusammen, das erste Mal um vier Uhr morgens. Und es wird kräftig gearbeitet: Da gibt es 140 Hektar Wald zu betreuen, ein Fernheizwerk zu betreiben, Likör, Käse und Honig zu erzeugen. Diese Produkte tragen das Gütesiegel »Authentic Trappist«, das nur im Klosterbetrieb und unter wirtschaftlicher Verantwortung der Mönche hergestellte Produkte ­tragen dürfen.

Trappistenkäse hat einen guten Ruf – aber der zählt wenig im Vergleich zu dem, den das Trappistenbier genießt. Nur sieben Trappistenabteien weltweit brauen Trappistenbiere: Koenigshoven (Marke »La Trappe«) in den Niederlanden, Achel, Chimay, Orval, Rochefort, Westmalle und Westvleteren in Belgien – wobei das Bier aus Westvleteren so rar ist, dass es nur nach aufwendiger Voranmeldung und in beschränkter Menge (eine Kiste pro Person) zu kaufen ist. Entsprechend hoch sind die Preise auf dem grauen Markt, denn das Bier ist nicht nur knapp, sondern auch in mehreren Wettbewerben als bestes Starkbier der Welt ausgezeichnet worden.

Ganz schön stark
Tatsächlich sind die bisher angebotenen Trappistenbiere recht unterschiedlich in Farbe und Aroma, doch sind alle als Starkbiere bekannt – in der Abtei Notre-Dame de Saint-Rémy hat das ­leichteste Bier, das »Rochefort 6«, immerhin 7,5 Prozent Alkohol, also mehr als manches heimische Bockbier. Doch auch da gibt es eine bemerkenswerte Ausnahme: Die Abtei Orval, von der jeder zu wissen meint, dass sie nur ein einziges, sehr helles, sehr herbes und nach dreistufigem Vergären wunderbar nach Grapefruit duftendes Bier braut, hat in ihrem Portfolio auch ein Leichtbier, das sogenannte »Petit Orval«. Dieses ist nicht nur das alltägliche Getränk der Mönche in ihrer Klausur nahe der südbelgischen Stadt Florenville, sondern es wird auch als »Oval Vert« exklusiv in der 2011 frisch herausgeputzten Pilgerschänke »À l’Ange Gardien« zu Verkostung und ­Verkauf angeboten.

Die Mönche von Orval und ihr (weltlicher) Wirtschaftsdirektor François Harenne wachen auch über die Vergabe des »Authentic Trappist«-Labels, das künftig die Biere aus Engelszell auszeichnen wird, erzählt Abt Marianus Haus­eder. Zwei Sorten hat Peter Krammer, Besitzer der Brauerei Hofstetten am anderen Donauufer, gemeinsam mit den Trappisten ­entworfen, sie heißen traditionell »Double« und »Triple« – allerdings ist in Engelszell (anders als in anderen Trappistenabteien) das »Double« ein helles und das »Triple« ein dunkles Bier.

Zuckerwasser
Beiden Braurezepten gemeinsam ist die Verwendung von Gerstenmalz, großzügigen Mengen von Hopfen und einer Zuckerart. Das entspricht der klösterlichen Tradition: Auch andere Trappistenbrauereien setzen ihren Suden Zucker zu – meistens Kandiszucker. Weil aber das Kloster Engelszell »schon immer«, wie der Abt betont, Honig erzeugt hat, wird das neue Bier mit dem Zucker von der Biene gesüßt. Das schmeckt man allerdings nicht: Die obergärige Hefe vergärt den Zucker nämlich vollständig, was dem Bier einen trockenen Charakter gibt und Malz- sowie Hopfenaromen unverfälscht zur Geltung bringt.

Spannend ist die zweite Gärung – auch hier kommt ein obergäriger Hefestamm zum Einsatz, allerdings einer, der aus dem Weinbau stammt: Krammer hat im Hinblick auf die elsässische Herkunft der österreichischen Trappisten Weinhefe aus dem ­Elsass für die Nachgärung eingesetzt – sie lässt das Bier einen Tick säuerlicher und dem hohen Alkoholgehalt zum Trotz erfrischender wirken, wobei gleichzeitig die Hopfung besser zur Geltung kommt als in gängigen Bieren. 

Zum Segen der Biertrinker
So: Und nun können die internationalen Fans des Trappistenbiers kommen. Die Trappistenmönche mögen – entsprechend ihrer alten, beim Zweiten Vatikanischen Konzil etwas gelockerten Ordensregel – ja schweigsame und zurückgezogene Menschen sein. Aber sie sind sich auch ihrer Verantwortung bewusst, die guten Werke (etwa das Caritas-Heim von Engelhartszell) zu finanzieren – und auch wenn Abt Marianus die Bescheidenheit seiner ­Ordensgemeinschaft und die ­finanzielle Verantwortung, die er zu tragen hat, betont, so lächelt er doch verschmitzt bei der Aussicht auf die neue Einnahmequelle. Ora et labora – bete und arbeite. ­Manche Gebete werden auch erhört – zum Segen der Biertrinker!

Trappistenbiere

Rochefort 10
Abbaye St. Remy, Rochefort
Braumeister: Gumer Santos
Alkohol: 11,3 % ABV
Bierstil: Belgian Ale (Quadrupel)
Dunkles Braun, das fast schwarz wirkt. ­Süße, an Karamell und Nougat erinnernde Nase, voller, süßer und leicht alkoholisch wirkender Antrunk mit deutlicher Schokoladenote, die gewürzhafte Bittere balanciert aber die süßen Eindrücke rasch, und ein wärmender alkoholischer Ton rundet den Eindruck ab. Ältere Proben – das Bier hält Jahrzehnte über das mit drei Jahren ohnehin großzügig bemessene »best before date« hinaus ­– zeigen auch Portweincharakter.

Orval
Brasserie d’Orval
Braumeister: Jean-Marie Rock
Alkohol: 6,9 % ABV
Bierstil: Belgian Ale (Tripel)
Helles Orange mit leichter Trübung, sehr schöner weißer Schaum. Intensiv fruchtige Nase, die an Grapefruit, Orangenschalen und die in vielen belgischen Bieren typische Gewürznote erinnert. Fruchtig-vollmundiger, aber nicht süßer Antrunk, sehr kräftige Bittere, die zum erfrischenden Gesamteindruck beiträgt. Das Bier ist etwa drei Monate lang frisch und fast aufdringlich fruchtig mit etwas deutlicherer Süße, danach nehmen die Proben den oben beschriebenen balancierten Charakter an und behalten ihn für »mindes­tens 20 Jahre«, wie Brauereimanager François Harenne versichert.

Westmalle Tripel
Abdij der Trappisten van Westmalle
Braumeister: Jan Adriaensens
Alkohol: 9,5 % ABV
Bierstil: Belgian Ale (Tripel)
Auch wenn andere Brauereien schon früher Bier »Tripel« (bzw. französisch »triple«) genannt haben, so gilt das aus Westmalle seit den 1950er-Jahren als Referenz für den Tripel-Stil: dunkles Goldgelb, kräftiger Schaum, sehr blumiger Duft – unterlegt mit einer süßen, zuckerlartigen Note und einem Hauch von Zitrus und grünen Kräutern. Dieser Kräuterton ist dann auch typisch für die Hopfenbittere im Nachtrunk, davor aber genießt man estrige und malzig-süße Eindrücke und ein, verglichen mit dem hohen Alkoholgehalt, überraschend erfrischendes Mund­gefühl. Auch dieses Bier kann über viele Jahre reifen, es bleibt interessanterweise auch nach mehr als zehn Jahren sehr spritzig.

von Conrad Seidl

aus Falstaff Nr. 2/2012

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