FRAG DEN KNIGGE! Einen rauschenden Abend höflich beenden?

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»Ich kredenze meinen Gästen liebend gerne reichlich Essen und natürlich auch Wein. Manchmal schmeckt dieser so gut, dass manche Gäste nicht nach Hause gehen wollen. Wie kann ich höflich mitteilen, dass ich den Abend gerne beenden würde, wenn Andeutungen ganz offenbar nicht wahrgenommen werden?«
Susanne D. aus Wien.

Höfliche Menschen sind Meister der indirekten Kommunikation. Direktheit ist ihre Sache nicht. Auf die Frage: »Wie geht es Ihnen?« antworten sie mit heiterer Miene: »Ganz wunderbar« auch wenn sie auf dem Weg zum Zahnarzt sind. Die Frage: »Wie gefallen Ihnen meine neuen Schuhe?« würden sie selbst im Traum nicht stellen. Nicht weil sie die Antwort fürchten, sondern weil sie ihrem Gegenüber das unangenehme Gefühl ersparen möchten, die Wahrheit beugen zu müssen. Höfliche Menschen lesen zwischen den Zeilen und gehen davon aus, dass auch andere das tun. 

»Ist es wirklich schon halb zwei? Wie schnell die Zeit vergeht, wenn man sie mit netten Menschen verbringt.« »Auch der schönste Abend geht einmal zu Ende.« »Wirklich ein wunderbarer Abend, schön dass Ihr gekommen seid.« »Ich rufe Euch gerne eine Taxi, sagt einfach Bescheid.« »Es stört Euch hoffentlich nicht, wenn ich schon mal langsam den Tisch abräume.« »Je älter ich werde desto schwerer fällt es mir mal richtig auszuschlafen.« »Da habt Ihr aber auch nur noch fünf Stunden Schlaf, wenn Ihr morgen zum Sonntagsfrühstück eingeladen seid.«

Der Wink mit dem Zaunpfahl ist ihre Ultima Ratio. Offenes Wort und offener Mund unvorstellbar.

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GÄÄHN. »So. Seid mir nicht böse. Aber man soll ja gehen, wenn es am Schönsten ist. Und das ist genau jetzt.« »So, die Herrschaften. Der letzte Schluck auf ex. Ich schließe jetzt.« »Lasst Euch nicht stören, aber ich geh’ jetzt ins Bett.« »Ehrlich gesagt: Ich mache jetzt keine neue Flasche mehr auf. Das wäre bei Eurem Zustand Perlen vor die Säue.« 

Die lockernde Wirkung eines schönen Schlucks Wein kann dazu führen, dass selbst die aufmerksamsten Gäste an ihren Stühlen kleben bleiben und die großzügigsten Gastgeber grobschlächtige Phantasien hegen, wie sie das Sitzfleisch ihrer Gäste in Bewegung setzen können. Um in solchen Situationen ihr Herz nicht auf der Zunge tragen zu müssen und die lallenden Zungen ihrer Gäste zu verstummen, hat meine Freundin Anna sich professionelle Hilfe geholt. Sie schweigt und lässt Sarah Brightman und Andrea Bocelli – »Time to Say Goodbye« für sich singen. In voller Lautstärke. Sieben Minuten schwelgen, schweigen, sich in den Armen liegen, sich darüber freuen, dass man einander kennt. Und Zuhause beseelt davon einzuschlafen. 


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