Zeit zum Absprung: ­Für Felix Baumgartners Stratosphärensprung wurde ein Sondermodell aufgelegt (siehe Bilderstrecke).

Es war eindeutig Befehlsverweigerung – und der Aufstieg einer Uhrenmarke zum wahren Höhepunkt ihrer Bedeutung. 1975 erhielt die Schweizer Uhrenmanufaktur Zenith in La Chaux-de-Fonds den Befehl, alle Maschinen und Werkzeuge zur Herstellung ihres El-Primero-Kalibers zu verschrotten. Ohne Widerspruch. Mechanische Uhren gehörten der Vergangenheit an. Ihre Zeit war abgelaufen.

Der Befehl kam von der amerikanischen Zenith Radio Corporation, dem damaligen Besitzer der Schweizer Uhrenmanufaktur – mit nur zufällig gleichem Namen. Doch er war zu dieser Zeit sogar nachvollziehbar.

Schweizer Uhrenkrise
Billige und zugleich hochpräzise Quarzuhren aus Fernost waren der Renner auf dem Markt, mechanische Uhren wollte niemand mehr. Es war die Zeit der großen Schweizer Uhren­krise, als 90.000 Menschen in der Uhrenbranche ihre Arbeitsplätze verloren.

 

 

 

 

Ebenfalls ein Held: Uhrmacher Charles Vermot rettete das El-Primero-Werk vor der Vernichtung / Foto: beigestellt
Ebenfalls ein Held: Uhrmacher Charles Vermot rettete das El-Primero-Werk vor der Vernichtung / Foto: beigestellt

Den Auftrag zur Vernichtung der El-Primero-Werke von Zenith erhielt der Uhrmachermeister Charles Vermot. Ein Fehler und ein Segen zugleich. Vermot hatte sich bei der Zenith Corporation in zahlreichen Briefen schon länger für das Überleben des El-Primero-Kalibers eingesetzt – letztlich vergebens. Doch er war ein wahrer Held: Heimlich zerlegte er El-Primero-Werkzeuge und Maschinen, beschriftete sie fein säuberlich und versteckte sie mit den Konstruktionsplänen auf dem Dachboden des Werksgeländes.Seine Tat wurde belohnt. Er gilt heute unter Kennern hochwertiger Armbanduhren als Legende. Eigentlich würde Charles Vermot der Orden »Pour le Mérite« gebühren, der nicht nur für Mut auf dem Feld, sondern auch für außergewöhnliche Leistungen in der Wissenschaft oder der Kunst vergeben wird. Aber worin bestand die heldenhafte Leistung von Charles Vermot? Vermot rettete eines der wichtigsten Uhrwerke, das je in der Schweiz gebaut wurde. Es ist gemeinsam mit dem Kaliber 11 von Breitling und Heuer sowie einem japanischen Produkt das erste automatische Chronografenwerk überhaupt. Und es schwingt statt mit den üblichen 28.800 Halbschwingungen mit rasanten 36.000 Halbschwingungen pro Stunde, was jede Uhr, die es zum Herz hat, mechanisch sehr anspruchsvoll macht – aber auch sehr präzise. Und Vermot ist der Retter eines Werks, das eine Uhr antreibt, die meist weit mehr kann, als sie kostet.Das El-Primero-Werk von 1969 gilt heute noch als technische Meisterleistung. Schon damals stellte man seine Belastbarkeit mit einem Flug unter Beweis: Eine El-Primero-Uhr wurde 1970 am Bugrad einer Boeing 707 befestigt. Ihr Kurs: über den Atlantik von Paris nach New York. Und trotz minus 40 Grad Celsius in einer Höhe von 10.000 Metern zeigte sie bei der Landung die genaue Zeit an. Die Schallmauer durchbrochenDer Flug dauerte damals sechs Stunden. Der jüngste Flug, bei dem eine El-Primero sowohl Präzision als auch Belastbarkeit unter Beweis stellte, dauerte nur zwölf Minuten. Er fand aber aus einer Höhe von 39 Kilometern statt. Mit einem Stratosphärenballon, an dem eine Art Raumkapsel befestigt war, stieg der Salzburger Felix Baum­gartner in eine Höhe von ca. 39.000 Metern. Dann öffnete er die Luke, stieß sich ab und sprang zurück zur Erde. Etwa drei Minuten dauerte der freie Fall, und als erster Mensch war er dabei mit Schallgeschwindigkeit unterwegs, mit rund 1357 Kilometern pro Stunde. Dann öffnete er den Fallschirm. Über seinem Handgelenk, außen am Spezialanzug, trug er die Zenith »Stratos«. Noch nie hatte eine Uhr in dieser exponierten Form die Schallmauer durchbrochen – sie funktionierte perfekt, selbst die großen Druck- und Temperaturunterschiede konnten ihr nichts anhaben.Zeitlose Ikone: Sogar Mahatma Gandhi trug so eine Zenith-Taschenuhr / Foto: beigestelltDurch den Zeitsprung durch die Schallmauer stieg Zenith weiter in wahre Höhen auf. Und für das El-Primero-Kaliber begann ein eigenes Leben, nachdem es lange auch als Motor von Ebel- oder, leicht modifiziert, Rolex-Daytona-Uhren im Verborgenen getickt hatte.Wieder im LotLange war Zenith von Ex-CEO Thierry Nataf zur Glamourmarke designt worden. Nataf kam aus dem Champagnergeschäft und wandte Methoden an, mit denen er bei Veuve Clicquot Erfolg hatte. Es gab bei Ze­nith plötzlich rauschende Feste, es gab viel Glitzer, viel Scheinwerferlicht, viel Lifestyle und viele auffällige Modelle. Uhrenpuristen wandten sich indigniert ab – sie sahen die Marke um ihr Erbe betrogen. Jetzt ist ihre Welt wieder im Lot. Jean-Frédéric Dufour, der neue CEO von Zenith, hat alles Bling-Bling resolut über Bord geworfen, die Zahl der Referenzen zusammengestrichen und den Lifestyle-Brand zur reinen Uhrmacher-Marke für Kenner getrimmt.Doch natürlich gibt es bei Zenith auch wahre Höhepunkte. Unter der Academy-Serie zeigt die Manufaktur die ganze Kunst ihrer Uhrmachermeister. In meist auf 25 oder nur wenig mehr begrenzten Stückzahlen gibt es alles, was die hohe Uhrmacherkunst zu bieten hat. Aufgebaut auf dem El-Primero-Kaliber, das Charles Vermot gerettet hatte.Aber alle anderen Modelle der Captain-, Pilot-, El-Primero- oder Heritage-Linie sind für wahre Uhrenkenner gemacht. Dafür steht symbolisch die El Primero Chronomaster 1969. Sie zitiert die Farben der Ur-Primero und gibt den Blick auf das Werk frei. Zu haben ist die Chronomaster für 6600 Euro – ein christlicher Preis für eine Uhr mit einem seltenen Manufakturwerk. In einer ähnlichen Kategorie gibt es seit einigen Monaten auch eine El Primero mit Jahreskalender. Bei ihr muss das Datum nur Ende Februar von Hand umgestellt werden. Sie kostet in Stahl 7000 Euro.Mehr brauchen wahre Helden und Abenteurer auch nicht – und mehr wollen sie auch nicht für eine exakte Zeitangabe bezahlen – zu Recht.Text von Thomas Martinek aus Falstaff Deutschland 04/14

 

 

 

 

 

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