Falstaff FBI: Wie Händler ihre Augen vor Fälschern verschließen

© Shutterstock

© Shutterstock

Kurz nach der Sommerurlaubszeit schickte Falstaff per E-Mail einen Fragenkatalog an nam­hafte internationale Auktionshäuser und Weinhändler. Ziel war es, herauszufinden, wie sensibilisiert diese Profis für Fälschungen sind, wie sie diese erkennen und damit umgehen. Nach einem Tag: keine Antwort. Nach einer Woche: keine Antwort. Nach einem Reminder: noch immer Funkstille. Erst persönliche Aufforderungen am Telefon entlockten dem einen oder anderen zaghafte Aussagen. Letztendlich verweigerte nur eines der sechs befragten Auktionshäuser ein Gespräch; von fünf befragten Händlern und Brokern, die am Sekundärmarkt agieren, antworteten drei (siehe Infokasten).

Zunächst wollten wir wissen, wie hoch diese Profis den Anteil von Falsifikaten auf dem Sekundärmarkt wähnen – die Antworten unterschätzten den Umfang enorm. Die höchste genannte Zahl lag bei gerade einmal fünf Prozent – wobei Uwe Bende vom deutschen Weinforum Ruhrgebiet immerhin noch anmerkte, dass wohl mindestens die Hälfte gewisser Bordeauxweine aus den 1940er-, 50er- und 60er-Jahren gefälscht sei. Auch Koppe & Partner schickte uns den Auszug einer Blacklist besonders häufig gefälschter Flaschen. Dennoch ist sich selbst unter den Auktions- und Brokerage-Profis nur vereinzelt jemand des vollen Umfangs bewusst. Selbst bei den sensibleren richtet sich das Augenmerk ganz eindeutig auf alte, begehrte Jahrgänge aus Bordeaux und Burgund – Rhôneweine etwa und Super-Tuscans wurden nur am Rande erwähnt. Dass zudem auch häufig aktuelle Jahrgänge namhafter Weine aus Frankreich, Italien und USA gefälscht werden, erwähnte kein einziger der Befragten.

Authentizität bestimmen

Bei Fragen zur Erkennung von Fälschungen beriefen sich die Händler und die kontinentaleuropäischen Auktionshäuser mitunter auf langjährige persönliche Erfahrung. Ob solche früheren Erfahrungswerte heute noch ausreichend sind, mag dahingestellt bleiben. Wenngleich es auch viele unbeholfene Falsifikate gibt, so sind andere geradezu meisterhaft – und sie werden immer raffinierter. Auch die Reaktionen der internationalen Auktionshäuser waren gemischt: Ein Sprecher des Hauses Bonhams teilte ganz lapidar mit, dass Bonhams bei der Beantwortung unserer Fragen nicht behilflich sein könne. Steven Mould, Leiter der Weinabteilung von Sotheby’s in London, meinte zunächst, er wolle keine Einsicht auf interne Methoden geben, schließlich wolle man es den Fälschern ja nicht einfacher machen.

Eine aussagekräftige Stellungnahme kam dann aber von höchster Stelle. James Ritchie, der das Weinressort bei Sotheby’s weltweit unter sich hat, schrieb: »Wir bilden alle unsere Spezialisten darin aus, die Authentizität von Flaschen zu bestimmen, abgestimmt auf die jeweilige Herkunft und Provenance. Flaschen von besonderem Wert werden außerdem von mindestens zwei leitenden Spezialisten zusätzlich überprüft. Wir verwenden eine hochwertige Digitalfoto-Lupe, um Etiketten zu prüfen, und unsere internen Bibliotheksressourcen dienen ebenso dazu, Authentifizierungsfragen zu klären.« Seit Jahren steht dieses Haus für absolute Integrität und ist auch dafür bekannt, zweifelhafte Ware ohne Wimpernzucken abzulehnen.

Anti-Fälscher-Portale

Ein drittes, international präsentes Haus, das aber nicht namentlich genannt werden wollte, erklärte, dass der Umfang des Problems sehr wohl bekannt sei, berief sich auf stringente »due diligence«, rigorose Prüfung, und wies ebenso auf »neueste Technologien« hin. Bende wies darauf hin, dass vor dem Kauf an der persönlichen Inspektion der Flaschen kein Weg vorbeiführt: Ein wichtiger Punkt, denn oftmals werden Flaschen übers Internet verkauft, mithilfe kleinformatiger Fotos in niedriger Auflösung. Bende selbst verkauft viele seiner Flaschen übrigens ebenso.

Jan-Erik Paulson von Paulson Rare Wine gab an, dass er jeweils Flaschen, die unstrittig echt sind, zum Vergleich heranzieht. Zudem ist er Mitglied des Anti-Fälscher-Portals www.winefraud.com; andere nannten das Portal der amerika­nischen Fälschungsexpertin Maureen Downey nicht beim Namen, beriefen sich aber ebenfalls auf ein solches Hilfsmittel. Aus der Rückverfolgung der Herkunft ergeben sich den Aussagen unserer Kontaktpersonen zufolge recht oft Verdachtsmomente. Marc Fischer von Steinfels in der Schweiz erwähnte, dass eine persönliche Abholung der zu versteigernden Ware einen guten Einblick in die Welt des Einlieferers biete. Stefan Sedlmeyr von der Munich Wine Company meinte: »Auch das Verhalten der Einlieferer und ebenso die Keller bei der Abholung spielen eine Rolle. Man entwickelt im Laufe der Jahrzehnte ein Gespür, ähnlich wie ein Zöllner.«

Die Alarmglocken läuten

Ein Händler antwortete auf die Frage, wie weit er Herkunft und Verkaufsgeschichte einzelner Flaschen zurückverfolge, mit »gar nicht«. Lediglich beim ersten Kontakt müsse ein Herkunftsnachweis vorliegen – dabei kann doch jedes Kind, das mit einem Fotokopierer ausgestattet ist, solche Bastelarbeiten ganz einfach leisten. Dieser Händler jedoch sieht eigener Aussage zufolge Expertise in Sachen Authentizität auch nicht als seine Kompetenz oder gar einen Kundenservice an – man versteht sich selbst offenbar nur als Umschlagplatz. Da läuten die Alarmglocken. Alle Befragten gaben an, Ware schon abgelehnt zu haben. Ebenfalls alle antworteten mit »Ja« auf unsere Frage, ob es Quellen, Auktions- oder Handelshäuser gebe, mit denen man aus diesen Gründen nicht mehr verkehrte. Nur bei einem einzigen der Befragten hat ein erhärteter Verdacht bereits einmal zu einer Anzeige bei der Polizei geführt, alle anderen Befragten geben aber an, dass sie schon einmal Kollegen vor gewissen Personen gewarnt haben.

Die Frage danach, wie die Händler und Auktionatoren die Besorgnis ihrer Kunden und Käufer einschätzen, ergab sehr unterschiedliche Antworten. Wer behauptet, dass das Problem klein sei, sieht auch keine Besorgnis bei seinen Kunden. Daraus kann man wohl nur ein Fazit ziehen: Gerade jene mitten im Geschehen wollen es noch immer nicht wahrhaben – oder sie reden das Problem absichtlich klein. Hinter vorgehaltener Hand erwähnte eine Quelle, dass man zweifelhafte Ware zuweilen unter einem Vorwand ablehne, beispielsweise sage, dass diese Weine »momentan nicht so gefragt seien«: Man möchte also niemanden vergraulen – besonders nicht Einlieferer, die selbst auch Käufer sind.

Gier frisst Hirn

Doch sollte nicht ein viel größeres, lauteres Aufheben um Fälschungen gemacht werden, als Verdachtsfälle elegant unter den Teppich zu kehren? Denn am Ende bezahlt nicht der Auktionator oder Agent, dessen Kommission sicher ist, sondern der Sammler, Weinliebhaber, Kunde, der die gefälschte Flasche im Keller hat. Ganz zu schweigen davon, dass eines der wertvollsten Motive der Weinkultur beschädigt wird: die Erfahrung, wie authentische gereifte Weine schmecken.

Uwe Bende wendet sich in einem Statement zuletzt aber auch an die Käuferseite: »Mit etwas mehr Selbstkritik und Realitätsblick für vermeintliche Schnäppchen würde manch ein Sammler weniger Geld für Fälschungen in den Mülleimer geschmissen haben. Gier frisst Hirn – und das ist die Chance der Fälscher.«


Die Befragten

Wer wurde gefragt? (Antwort)

  • Sotheby's (ja)
  • Bonhams (nein)
  • Christie's (ja)
  • Koppe & Partner (ja)
  • Munich Wine Company (ja)
  • Steinfels Weine (ja)
  • Bende - Weinforum Ruhrgebiet (ja)
  • rarewine.dk (nein)
  • Champa (ja)
  • Rare Bordeaux Wine (nein)
  • Paulson Rare Wine e.K (ja)

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 08/2017
Zum Magazin

Mehr zum Thema

News

Sommelierunion Austria: Alle Termine auf einem Blick

Gemeinsam mit der Sommerlierunion Austria hat KARRIERE die wichtigsten Termine, welche das Thema Wein und Ausbildung betreffen, ermittelt.

News

2x2 Tickets für die SALON-Verkostungen gewinnen!

Die 270 SALON Weine aus Österreichs härtestem Weinwettbewerb können im Juni in Wien, Linz und Hall in Tirol verkostet werden.

Advertorial
News

Schlumberger Reserven im Falstaff-Check

Reserviert für Gourmets: Aktuelle Verkostungsnotizen der gereiften Schaumweine der Wiener Traditionskellerei.

News

Gewinnspiel: Start in die Ab Hof Saison bei Kracher

Der Weinlaubenhof Kracher lädt zur Weinverkostung ein. Gewinnen Sie 3x2 Karten für die Jahrgangs-präsentation und das Fine Wine Event am 1. September...

Advertorial
News

Eventtipp: Natural Sparkling Verkostung in Wien

Bei der B.O.U.M. Weinmesse können am 8. Juni Schaumweine von Bio-Winzern aus ganz Europa verkostet werden.

News

Alle Infos zur VieVinum 2018

Im Vorfeld zum Wein-Jahreshighlight werden in ausgewählten Restaurants spezielle VieVinum-Menüs angeboten. PLUS: Alle Infos zur VieVinum 2018, von 9....

News

Neusiedlersee DAC freut sich über neue Mitglieder

Mit inzwischen über 100 Mitgliedern schauen Obmann Christoph Salzl und der neue Neusiedlersee DAC Geschäftsführer Mag. (FH) Torsten Aumüller...

News

Gillesberg Cabernet Franc – Magnum-Set von Triebaumer gewinnen!

Günter und Regina Triebaumer schreiben mit der Ruster Ausnahmelage ein weiteres Kapitel ihrer Erfolgsgeschichte. Wir verlosen je eine Magnumflasche...

Advertorial
News

Weingut Hagn eröffnet Weingalerie in Mailberg

Mit der Weingalerie hat die Familie Hagn einen Ort geschaffen, an dem man inmitten eines Kunstwerks von Akira Sakurai die Produkte des...

News

Pop-Up Weinbar im Palais Coburg

Zur Feier von 15 Jahren Palais Coburg steht die Lobby des Luxushotels im Juni 15 Tage lang ganz im Zeichen von exklusiven Weinen und kulinarischen...

News

Wachter-Wiesler ist beste Buschenschank im Burgenland

Zwei Familien, ein Gesamtkunstwerk – und nach der Auszeichnung für die beste Heurigenküche im Vorjahr diesmal Platz eins im Burgenland.

News

Edlmoser ist bester Heuriger in Wien

Der Paradeheurige in Mauer wurde bereits vielfach von Falstaff ausgezeichnet und sicherte sich einmal mehr den Bundeslandsieg.

News

Die besten Heurigen & Buschenschanken in Österreich 2018

Die Falstaff-Community war wieder auf der Suche nach den besten Heurigen und Buschenschanken Österreichs. Mehr als 25.000 Votings gingen ein – so...

News

Ornellaia Auktion im Victoria & Albert Museum

In London erzielte die Benefizauktion der von William Kentridge interpretierten Ornellaia 2015 »Il Carisma« einen Erlös von 140.000 Euro.

News

Pulker’s Heuriger ist Kategoriesieger »Wein«

Ausgezeichnete Hausweine, Wachauer Spitzenkreszenzen bis hin zu Bordeaux und Burgunder kommen bei Bernd Pulker in Rührsdorf ins Glas.

News

Weinbeisserei Hager ist bester Heuriger in Niederösterreich

Außergewöhnlich wie das Ambiente des Heurigen, der über dem Kamptal thront sind auch das Wein- und Kulinarikangebot.

News

Weingut Krispel – Gutsheuriger ist bester in der Steiermark

Eine Traum-Kulisse, hervorragende Weine und die hauseigenen Spezialitäten vom Wollschwein machen diesen Heurigen im Vulkanland zum Bundeslandsieger.

News

Robert Parker hypt Napa-Weine, und Bordeaux schäumt!

Bislang galt Bordeaux unbestritten als das weltbeste Rotweingebiet der Welt. Seit einigen Jahren hat der weltweit wichtigste Weinkritiker eine andere...