»Essen ist ein politischer Akt«

»Zeig mir, wie du isst, und ich sage dir, wer du sein möchtest.«

© Honey & Bunny | Ulrike Köb | Daisuke Akita

»Zeig mir, wie du isst, und ich sage dir, wer du sein möchtest.«

»Zeig mir, wie du isst, und ich sage dir, wer du sein möchtest.«

© Honey & Bunny | Ulrike Köb | Daisuke Akita

http://www.falstaff.at/nd/essen-ist-ein-politischer-akt/ »Essen ist ein politischer Akt« Was wir essen, zeigt, wer wir sind – auf diesen einfachen Nenner lässt sich die Arbeit des Duos Honey & Bunny bringen – ab sofort schreiben die beiden Künstler exklusiv im Falstaff. http://www.falstaff.at/fileadmin/_processed_/9/4/csm_HoneyBunny-c-Honey_Bunny-Ulrike-Ko__b-Daisuke-Akita-2640_b02833e46a.jpg

Vor etwa 20 Jahren begannen wir damit, uns mit Essen zu beschäftigen. Seit damals besuchen wir an jedem Ort, den wir bereisen dürfen, Restaurants, Straßenstände, Märkte und alle Arten von Lebensmittelgeschäften. All diese Orte sagen eine Menge aus. Böse Zungen munkeln, dass wir schon mehr Supermärkte besichtigt haben als Museen. Wir geben auch zu, dass wir in fremde Einkaufswägen hineinspechtln und uns (heimlich) Meinungen zu den Fahrerinnen und Fahrern dieser Gefährte bilden. Was wir essen, zeigt eben, wer wir sind!

Die Auswahl an Zutaten und die Art, diese zuzubereiten, offenbaren von jeder und jedem von uns den kulturellen und sozialen Hintergrund, die politische und gesellschaftliche Meinung, den Gesundheitszustand und den Lebensstil. Was wir essen, zeigt, woher wir kommen und wohin wir gehen wollen. Menschen werden in eine kulinarische Welt hineinsozialisiert. Das kann, wie bei Sonja, das gesundheitsorientierte, akademische Wien oder, wie bei Martin, das reichhaltige, schwere Mühlviertel des Wirtschaftswunders der 1970er- und 80er Jahre sein. Beim Verzehr von tierischem Fett sind wir bis heute ziemlich uneins. Unsere Elternhäuser lassen grüßen.

Jedes Essen offenbart Herkunft. Vegetarierinnen und Vegetarier oder Konsumentinnen und Konsumenten von Biolebensmitteln zum Beispiel versuchen, eine bessere Zukunft zu essen. Sie tun beim Essen ihre Meinung zur Zukunft kund. Letztlich lässt sich bei der Auswahl von Lebensmitteln sogar trefflich provozieren. So können etwa vegane Pubertierende den sonst dominanten Vater zur Weißglut treiben.

Auch wenn wir das denken: Mit Natur hat unsere Art der Nahrungsbereitung und -aufnahme kaum mehr etwas zu tun. Essen ist ein kultureller und hochgradig von Konventionen abhängiger Akt.

© Honey & Bunny | Ulrike Köb | Daisuke Akita

Essen ist Kultur

Abgesehen von der Auswahl der Zutaten spielt auch die Gestaltung (»Food Design«) eine Rolle. Ausnahmslos jede Kultur wendet Kreativität auf, um Essen zu gestalten. Aus unverdaulichen Körnern entwickelte (oder designte) die Menschheit zuerst Mehl und Brei und später Brot. Fleisch wurde mithilfe von verschiedensten Techniken konserviert und essbar gemacht. Die verderbliche Milch verwandelten zuerst die alten Griechen und dann die halbe Welt in haltbaren Käse. Auch vor den essbaren Pflanzen und Tieren machen wir Menschen nicht halt. Einst wilde Arten wurden immer mehr umgezüchtet, bis aus ihnen die heutigen Nutzplanzen und Nutztiere entstanden. Das Ende ist noch nicht erreicht, wie die Diskussionen um künstliches Fleisch oder Genmanipulationen beweisen. Jedenfalls hat unsere Essen viel mehr mit Kultur als mit Natur zu tun. Die wenigen echten Naturprodukte, also die Handvoll Himbeeren oder Heidelbeeren wähend einer Wanderung, fallen nicht wirklich ins Gewicht.

Auch Food Design zeigt, wer wir sind. Lange, dünne Teigrollen zum Beispiel sind DAS kulinarische Symbol Italiens. Die Spaghetti ist dennoch Fusion. Arabische Einwanderer brachten sie vor mehr als 1000 Jahren nach Sizilien. Berittene Turkvölker an der Grenze zu China lernten ebendort, Nudeln zu machen. Im Reich der Mitte wurden Nudeln aber nicht getrocknet, sondern frisch gegessen. Ob die späteren Türken oder schon die Araber mit dem Trocknen begannen, wissen wir nicht, aber Letztere fanden auf Sizilien perfekte Bedingungen für diese Art der Konservierung vor. Die heißen Küstenwinde eignen sich perfekt. Lange Fäden wiederum sind die perfekte Form, um auf Wäscheleinen getrocknet zu werden.

Brösel statt Gold

Ähnlich verworren ist der Hintergrund unseres geliebten Schnitzerls. Vermutlich begannen sephardische Juden in Byzanz damit, Fleisch mit Gold zu belegen. Diese angeberische Rezeptur übernahmen die erobernden Venezianer, deren katholische Moralhüter wiederum den Verzehr von Gold verboten. Es sei eine Sünde, hieß es damals. Also erfanden die Köchinnen und Köche der Lagunenstadt ein Substitut. Das Gold wurde durch Ei und Parmesan ersetzt. Eine hartnäckige Legende in Österreich besagt nun, das Radetzky dieses italienische Schnitzel von Mailand nach Wien brachte und ebendort der Parmesan gegen goldgelbe Semmelbrösel ausgetauscht wurde. Das stimmt nicht. Das Schnitzel war schon in Wien, bevor der vielbesungene Militär in Mailand ziemlich blutig Aufstände niederschlug, aber die Rezeptur ist dennoch jene aus Italien. In Essen steckt Geschichte.

Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter studierten Architektur. Während eines Arbeitsaufenthalts in Tokio begannen sie, sich für Food Design zu interessieren, seither gestalten und kuratieren sie Ausstellungen und Filme, realisieren Eat-Art-Performances und schreiben bzw. illustrieren Bücher.

© Honey & Bunny | Ulrike Köb | Daisuke Akita

Wir behaupten sogar, dass im Essen auch Politik drin ist. Jeder Bissen, jeder Schluck ist ein politischer Akt. Essen ist nicht nur Genuss, Tradition, Kultur, Luxus oder Überleben, sondern auch ein Eingriff in das Ökosystem. Jedes Mahl hinterlässt einen Fußabdruck. Das können Emissionen sein. Gegenwärtig benötigt jede konventionell hergestellte Kalorie etwa zehnmal so viele Kalorien (an Energie) für die Produktion, den Transport, die Lagerung und die Weiterverarbeitung. Meistens wird diese Energie in Form von Erdöl sprichwörtlich in unser Essen hineingepumpt. Die Produktion von Nahrung provoziert überhaupt am meisten klimaerwärmende Emissionen. Das kann die Zerstörung von Lebensraum oder Vergiftung von Wasser und Boden sein.

Auch sie sind ein Resultat des täglichen Essens. Pestizide, Insektizide, Dünger aus der konventionellen Landwirtschaft mögen (in sehr kleinen Dosen) für den menschlichen Organismus unbedenklich sein. Viele Lebensformen und vermutlich auch lebenswichtige Bakterien unserer Darmflora überleben diese Gifte oft nicht. Diese Liste ist jetzt nicht zu Ende. Essen hat auch eine dunkle Seite. Wenn wir als Menschen überleben wollen, müssen wir uns mit dem auseinandersetzen, was uns am Leben hält: dem Essen.

Die gute Nachricht ist: Essen ist ein kultureller Akt. Kultur ist veränderbar, und das jeden Tag. Kultur kann jederzeit die Welt verbessern. Gehen wir's an!

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 06/2021
Zum Magazin

Mehr zum Thema

News

Geburtstagsmenü Nummer Sechs - 30 Jahre ŠKODA Österreich

Mit der Weltpremiere des Škoda Yeti im Jahr 2009 legte der Automobilhersteller den Grundstein für seinen Erfolg im SUV-Segment.

Advertorial
News

Ein Freudenfest für den Gaumen

Kommen Sie mit auf eine vorweihnachtliche Genussreise durch Oberösterreich

Advertorial
News

Der perfekte Winterurlaub für Gourmets in Italien

In der italienischen Region Trentino lassen sich Wintersport und Kulinarik bestens kombinieren. Wir zeigen Ihnen, welche Stationen Sie auf der Piste...

Advertorial
News

Neuartige Ballaststoffe machen Pizza, Pasta & Co. gesünder

In Australien haben Forscher neuartige Ballaststoffe entwickelt, die beispielsweise ballaststoffarmen Lebensmitteln wie Pizza zugefügt werden können,...

News

Typische Weihnachtsessen rund um den Globus

Der traditionelle weihnachtliche Festschmaus beim Fastfood-Riesen, am Grill oder dem Buffet. Falstaff blickt auf die Weihnachts-Teller rund um den...

News

Stroh Rum wird 190 Jahre alt

Der bekannte Rum aus Österreich feiert Jubiläum. Zu diesem Anlass gibt es drei Rezepte, in denen sich der Rum pudelwohl fühlt, und die Gaumen verwöhnt...

News

So lassen sich Ei und Eiweiß beim Backen ersetzen

Sie überkommt ein spontanes, intensives Verlangen auf Kekse backen, haben aber keine Eier zur Hand oder wollen sogar komplett darauf verzichten? Man...

News

Der Festtagsklassiker Lachs und was man zu ihm trinkt

Schon die Farbe des Lachses zeigt seine Außergewöhnlichkeit an. Daher gehört der Fisch aus dem Norden in unseren Breiten auch ganz selbstverständlich...

News

CAYOS – neuer Hotspot im Bezirk Mödling

Das Restaurant CAYOS ist der neue fine-dining Hotspot in Mödling mit erlesener Haubenküche von Oliver Hoffinger.

Advertorial
News

»Schatz Imhof«: Oder wie man die Nacht zum Tag macht

Zwei Clubbetreiber übernehmen das ehemalige »Stadtkind« und denken alles neu – außer die Bestuhlung.

News

Möbel meets Kaffee: Pop-Up »Café Prouvé«

Das »Caffe vom See« wurde zum »Café Prouvé«. Das Pop-Up wurde bis 18. Dezember verlängert.

News

La Liste 2023: Rudi und Karl Obauer belegen einen Spitzenplatz

Seit 2015 ist das Classement von »La Liste« das Resultat der Bewertungen aus hunderten Guides und Millionen von Online-Votings der weltweit besten...

News

Andreas Senn backt für Kinder

Unterstützung bekommt er dabei von Ex-Skistar Brigitte Obermoser. Handsignierte Keksboxen werden gemeinsam mit einem Wein des Kremstaler Winzers...

News

Hermann Andritsch kocht bald auf der Gerlitzen auf

Sein Anspruch: Die Küchenlinie soll sowohl zum Spirit des Hauses, zu den Gästen und zur sportlich-alpinen Umgebung passen.

News

Die »Griggeler Stuba« bekommt einen neuen Küchenchef

Matthias Schütz gibt das Zepter des Gourmetrestaurants des »Burg Vital Resorts« weiter.

News

3 Adventkalender-Ideen für Sparfüchse

Ein schöner und vor allem köstlicher Adventkalender muss nicht immer Luxusgut sein. Wir haben drei Tipps, wie Sie günstig und geschmackvoll durch den...

News

Weltweit erstes Champagnersalz mit Barons de Rothschild

Das luxuriöse Meersalz wird mit Barons de Rothschild Brut Champagner hergestellt und ist weltweit nur in einer limitierten Auflage von 300 Stück...

News

»New Alpine Cuisine«: Am Weg zur Weltklasse

Die neue alpine Küche hat das Zeug, zu einer Gourmet-Bewegung von weltweitem Renommee zu werden. Denn der Alpenraum und seine Produkte sind ein...

News

Wellness für alle Sinne

Dass Österreich ein Land der Genießer ist, zeigt sich besonders eindrucksvoll in den Wellness-Tempeln des Landes. Hier kommt zusammen, was...

Advertorial
News

Ab Dezember gibt es »Mochi-Stelzen«

Kreiert wurden diese anlässlich der beiden Unternehmensjubiläen von »Luftburg« und »Mochi«.