Essay: Pasta als perfektes Soulfood

Pasta gelingt es, eine ganze Kette an Gefühlen zu erzeugen, weit über wohlige Sättigung hinaus.

© Gina Müller

Pasta gelingt es, eine ganze Kette an Gefühlen zu erzeugen, weit über wohlige Sättigung hinaus.

Pasta gelingt es, eine ganze Kette an Gefühlen zu erzeugen, weit über wohlige Sättigung hinaus.

© Gina Müller

Es existieren so viele Hymnen auf Italien, auf das Land, in dem die Zitronen blühen, den Sehnsuchtsort für Menschen, die nördlich der Alpen leben. Es gibt so viele Oden an ein unnachahmliches, mediterran beschwingtes Lebensgefühl, das Land und Leute seit vielen Jahrhunderten geprägt hat. Ein zentrales Element dieser Italianità ist die Gemeinschaft, der Familienverband.

Letzterer besteht nicht nur aus Eltern und Kindern, sondern umfasst die meisten Verwandten, erstreckt sich über drei, vier Generationen, vereint ein ausuferndes Menschengeflecht. Ein wichtiges, wenn nicht gar das bedeutendste Ritual dieser Comunità ist das gemeinsame Mahl, dieser Ausdruck von Zusammengehörigkeit, Geborgenheit und Wohlergehen.

An diesem Punkt kommt die Pasta ins Spiel. Sie ist die Königin der Familientafel, das Bindeglied zwischen all den Menschen, die sich um sie versammelt haben. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, eine dampfende Schüssel Pasta stille nicht nur den Hunger, sondern sie wärme auch die Seele.

Das mag auch der Grund dafür sein, dass Pasta landes- und weltweit zum Identitätssymbol wurde für eine Lebensart, die auf Gemeinschaft beruht. Das erklärt sich schon aus ihrer Geschichte. »Geografisch und historisch ist Italien ein Land, das getrennt ist durch eine gemeinsame Küche«, schreibt der britische Romanist John Dickie in »Delizia!«, einer Historie der italienischen Ernährungsweise: »Pasta ist das eine große Vereinigungsmoment in Italiens sich fortwährend veränderndem gastronomischem Mosaik.«

Pasta hält zusammen

Die Geschichte der italienischen Küche beginnt laut Dickie mit der Verbreitung der Pasta als kulinarischer Dialog zwischen italienischen Städten und Regionen. Die Nudel- und Teiggerichte nehmen zwar in unterschiedlichen Gebieten verschiedene Formen an und stärken dadurch auch das regionale Identitätsgefühl, aber aufgrund ihrer gemeinsamen Grundelemente – im Grunde genommen Mehl und Wasser – verbindet sie auch ein gemeinsamer Familienname.

Es ist gewiss ein aussichtsloses Vorhaben, Pasta in ihrer Vielfalt, ihrer verspielten Diversität und Individualität darstellen zu wollen. Das tut nichts zu Sache. Pasta ist das kulinarische Risorgimento, das lange vor der politischen Vereinigung stattfand. Sie ist die Basis von viel mehr als einer Nationalküche: Pasta war der große Bindfaden, der die unterschiedlichen Regionen zusammenhielt. Wenn man so will, vollzog sich die italienische Einigung unter dem Zeichen der Spaghetti.

Ganz ähnlich, wie sich jeder Familienverband um die Schüssel mit Pasta nicht bloß zum kulinarischen Kuscheln versammelt, versammelte sich gewissermaßen das ganze Land um sein Nationalgericht und drückte dadurch sein Lebensgefühl aus. Aus einer Speise entwickelte sich ein Lebensquell und Seelenwärmer. Pasta nährt Leib und Seele.

© Gina Müller

Ein Topf voll Lebensgefühl

Vor einigen Jahren hat ein schräges Autoren-Trio den eigentümlichen Versuch unternommen, mithilfe neuer, ausgefallener Rezepte Pasta zu einem liturgischen Gericht zu verklären. Ein Gericht tauften die drei von der »Küchenkirche« sogar nach dem päpstlichen Segen – Urbi et orbi. Damit trafen sie einen Punkt: Denn bis es die Pasta in den Erdkreis schaffte, musste sie erst in die Welt getragen werden. Und das war ein verschlungener Prozess – auch in negativer Hinsicht.

In den deutschen Wirtschaftswunderjahren wurden die italienischen Gastarbeiter mit dem Leibgericht ihrer Heimat gleichgesetzt und mit verächtlichen Bezeichnungen wie »Makkaroni« oder »Spaghettifresser« beleidigt. Das weckte nicht gerade den Appetit der Deutschen auf ein Pastagericht. Erst der wachsende Tourismus in Richtung Land der Sonne trug zur Verbreitung der Pasta fern südlicher Gefilde bei, der mithilfe äußerst rudimentärer Nudelspeisen einen Nachhall an unbeschwerte Urlaubstage heraufbeschwören sollte.

Wie zur Rache begannen nun die verunglimpften Italiener, den Deutschen und Österreichern das Pasta-Essen beizubringen. Das war Italianità zum Ausleihen gewissermaßen. Pasta ist nämlich ein transportables Identifikationssymbol. Überall, wo der dampfende Topf auf den Tisch kommt, entfaltet er das Lebens- und das Gemeinschaftsgefühl der italienischen Heimat. It’s magic! Aber es wirkt.

Eindringlich veranschaulicht das Hollywood-Regisseur Francis Ford Coppola, selbst italienischer Abstammung, in »Der Pate«, seiner Mafia-Trilogie über die Familie Corleone. Gerät der Clan in Bedrängnis, igelt er sich in seinem Stammsitz ein und beratschlagt sich beim gemeinsamen Pastakochen über unvermeidliche Rachefeldzüge. Mit diesem Ritual und dem Gericht aus der alten Heimat Sizilien will die Gangsterfamilie ihre Stärke nach innen demonstrieren. Es soll – fast wie ein Zaubertrank – die alte Kraft der Mafiafamilie heraufbeschwören.

Darin liegt die Magie von Pasta: Ihr gelingt es, eine ganze Kette an Gefühlen zu erzeugen, die weit über wohlige Sättigung hinausreichen. Merkwürdigerweise gelingt ihr das ausgehend vom familiären Kreis über regionale und nationale Identitäten bis hin zu einer fragmentierten Welt. Überall, wo Pasta draufsteht, steckt die traditionelle Lebensart drinnen, die auf Zusammenhalt und den Werten einer Gemeinschaft beruht. Und vielleicht ist dieses Solidaritätsfutter genau deshalb schon wieder jenes Gericht, das so wunderbar in diese bedrängte Zeit passt. Mal sehen, vielleicht kann eine dampfende Schüssel Pasta auch Zuversicht wecken.

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Falstaff Nr. 01/2021
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