© Hilde van Mas
© Hilde van Mas

 

Die Italiener müssen etwas richtig machen. Das Land steckt bis zum Hals in einer Dauerkrise, die Industrieproduktion schrumpft, ein Wirtschaftsaufschwung ist weit und breit nicht in Sicht, die Arbeitslosigkeit steigt speziell unter Jugendlichen schwindelerregend an, und in den Städten verrottet die Infrastruktur, weil der öffentlichen Hand an allen Ecken und Enden das Geld fehlt. Kurz: das Land, wo die Zitronen blühen, befindet sich in einem miserablen Zustand. Doch trotz dieser Malaise findet in Italien ein wundersamer Wandel statt, der paradox anmutet. Die Menschen besinnen sich auf eine beinahe fröhliche Weise ihrer traditionellen, angestammten Lebensweise.

Je mehr das Land an industrieller Kraft und wirtschaftlichem Elan einbüßt, desto entschlossener scheint Italien wieder zu dem werden zu wollen, was es einmal vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gewesen ist: eine agrarische Nation.

Die Lega di Cultura der Bassa padana, eine Volkskundevereinigung in der landwirtschaftlichen Herzregion der Poebene, beob­achtet beispielsweise, dass neuerdings viele junge Leute den Städten den Rücken kehren und auf die kleinen Höfe zurückkehren, die ihre ­Großeltern einst verlassen hatten, um am wirtschaftlichen Aufschwung teilzuhaben. Dort widmen sich die Rückkehrer nun auf wenigen Hektar Anbaufläche althergebrachten Produktionsmethoden aus der Zeit vor der Agrarindustrie, wodurch eine breit gefächerte Palette hoch spezialisierter und regional unterschiedlicher Nahrungsmittel wiederbelebt wird. Anscheinend befördern die Katastrophenbotschaften, die auf die Leute einprasseln, diese Rückbesinnung auf eine unverfälschte Lebensart. Mitten in turbulenten Boom-Jahren purer Luxus, zu Zeiten der Krise hingegen eine genuss­betonte Überlebensstrategie.

Die Italiener bestätigen damit unbewusst eine Regel, die zu einem erstaunlichen
Effekt führt. Jedes Mal, wenn eine Gesellschaft in ökonomische Schieflage gerät, ­suchen die Menschen nach Wegen, die sie über die Tristesse hinwegtrösten. Der internationale Beratungsmulti Bain & Company formulierte es unlängst in einer Studie sehr plakativ: Gerade in einer Krise erlebe Luxus einen kleinen Boom, da sich immer mehr Menschen etwas gönnen, das sie als wertvoll empfinden, weil sie einfach die Nase voll von all den schlechten Nachrichten haben. In diesem Reflex mischt sich ein ganzes Bündel an Motiven: Eskapismus, also der Wunsch, der Malaise zu entfliehen; die Sehnsucht nach Belohnung, weil man tapfer durchgehalten hat; die Kalkulation, dass Investitionen in die eigene Person vernünftiger sind als in das stotternde Wirtschaftssystem.

Genuss als Antidepressivum
»Wenn wir ein Produkt kaufen, aktiviert der Preis das Schmerzareal im Gehirn«, erklärt der deutsche Neuropsychologe Christian Scheier, der unbewusste Kaufentscheidungen erforscht: »Bei Luxus steht der Preis aber nicht nur für Schmerz, sondern auch für Qualität und Nachhaltigkeit. Das belohnt.« Das Unbewusste registriere eine Wohltat: Man tut sich etwas Gutes, handelt also rational, selbst um den Preis verrückter Kosten, die man bei nüchterner Rechnung unbedingt meiden würde.

Es ist das Unbewusste, das luxuriöse Produkte begehrenswert erscheinen lässt. Sie ­erlauben es, durch den genussvoll empfunde­nen Konsum dem grimmigen Alltag für einen Augenblick zu entkommen. Wobei sich dieser Luxus weniger auf kostspielige Statussymbole bezieht, die ja vor allem dazu dienen, die gesellschaftliche Hackordnung auszu­schildern, also der Sphäre des sozialdarwinistischen Überlebenskampfes angehören, aus welcher der neue, stille Luxus hinausführen will. Das können Reisen sein oder die sorg­fältige und liebevolle Ausgestaltung der ­unmittelbaren Lebensumwelt, und vor allem die Ernährung zählt dazu. Nirgendwo wird Genuss so unmittelbar empfunden wie bei ­Essen und Trinken, nichts sublimiert trübe Laune effektiver.

Und Genuss, das hat sich mittlerweile auch im Stammland der preußischen Tugend her­umgesprochen, ist ein wichtiger Treibstoff für eine psychisch ausgeglichene Lebensführung. Das macht ihn in der Krise zum idealen Antidepressivum. Eine Meinungsumfrage in Deutschland ermittelte vor einigen Jahren, dass 89 Prozent der Deutschen meinen, ­Genuss sollte im Leben eines Menschen eine wichtige Rolle spielen. Die wichtigste Rahmenbedingung dazu, sagten 52 Prozent der Befragten, sei Zeit: Nur in einem freien, selbstbestimmten Zeitfenster könne sich echter Genuss einstellen. Das gelingt immerhin 71 Prozent fast täglich, auch wenn drei von vier der Befragten meinten, die meisten Leute könnten gar nicht genießen, wenn es ihnen eigentlich gut geht. Möglich, dass ­Genuss eine Fähigkeit ist, die man besonders gut in einer Krise erlernen kann.

Das Genusskaufhaus
Das scheint sich auch am Beispiel Italien zu bewahrheiten. Ausgerechnet einer der größten wirtschaftlichen Erfolge des Landes in den letzten Jahrzehnten hat ausschließlich mit Genuss zu tun. Kurz vor Ausbruch der Finanz­krise eröffnete Oscar Farinetti, ein enger ­Bekannter des Slow-Food-Begründers Carlo Petrini, in Turin sein erstes »Eataly«-Geschäft: einen Feinkost-Supermarkt, der ausschließlich handwerklich hergestellte Lebensmittel führt, so wie sie jetzt die jungen Stadtflüchtlinge produzieren. Das Unternehmen war von Anfang an ein riesiger Erfolg, es traf punktgenau den Nerv der Zeit. Heute hat »Eataly« mit seinem Konzept, krisengeplagten Menschen genussvolle Momente zu ­bieten, bereits nach Amerika und Japan ­expandiert. Für die größte Niederlassung wurde in Rom ein leer stehender Busbahnhof in ein vier Stockwerke hohes Genuss-Kaufhaus umgewandelt, in dem sich jeden Tag bis Mitternacht die Menschen drängen. Im nächs­ten Jahr plant das »Eataly«-Imperium, seine erste deutsche Filiale in München aufzusperren. Und in Bologna soll auf 8000 Quadratmetern gleich ein ganzer Alimentari-Themenpark für jährlich eine Million Besucher entstehen. Vergessen, es ist Krise?

Irgendetwas müssen die Italiener richtig machen. 


COVERFOTO
Produktion:
Florence Wibowo
Foto: Hilde van Mas / www.georgkhittl.com
Assistent: Axel Bach
Retusche: Alexandra Heindl
Models: Anna Kuen, Michael K., Michael U., Romana Ch./Wiener Models
Make-up und Haare: Alma M./perfect props, Sophie Kaspar mit Produkten von Kiehl’s
Styling: Florian Oppitz, Katarina Vehmas
Assistenz: Sabrina Zehetbauer
Set Styling: Christian Mannl
Location: Herzlichen Dank an Hotel Sacher/Restaurant Rote Bar
Outfits: Herzlichen Dank an Popp&Kretschmer, Frack & Co, Palmers und Humanic


Text von Joachim Riedl
Aus Falstaff Nr. 08/2014

Mehr zum Thema

  • Die Jury: (V. l. n. r.) Romana Fertl (Sensorikerin, OpenSense), Antonio Ventresca (Italian Trade Agency), Mino Zaccaria (»Procacci«, »Cantinetta Antinori«), Jürgen Keusch (Ferrari- und Maserati-Importeur), Fabio Giacobello (Gastgeber »Fabios«), Mar
    05.11.2014
    Die Al-dente-Challenge: Spaghetti im Test
    Falstaff hat das heimische Angebot an Hartweizennudeln getestet – mit überraschenden Ergebnissen.
  • 15.09.2014
    Vegetarischer Genuss aus Bella Italia
    Claudio Del Principe und Katharina Seiser geben in ihrem neuen Kochbuch Einblick in die fleischlose italienische Küche – Rezepte inklusive!
  • © Claudio Del Principe/Brandstätter Verlag
    11.09.2014
    Chitarra-Spaghetti mit Safran und Trüffel
    Chitarra allo zafferano e tartufo – Aus wenigen Zutaten wird ein Gericht, das dem Gaumen in besonderem Maße schmeichelt.
  • Die Jury: Markus Praschl (»Piccini«), Lefteris Dermitzakis (»Ella's«), »Oleomane« Heinrich Zehetner, Kult-Bäckerin Denise Pölzelbauer, Brigitte Schmidhuber ( »AromaTisch«), Olivenöl-Experte Domenico Pugliese, Oliver Sartena (Wein & Co), Marco C
    20.06.2014
    Produkttest: Oliven mit Kernkompetenz
    Eine Falstaff-Fachjury suchte nach den besten Speiseoliven mit Kern.
  • Mehr zum Thema

    News

    Bachls Restaurant der Woche: Almgasthof Windlegern

    Der »Almgasthof Windlegern« setzt auf Regionalität der Produkte: Auf der Karte findet man so zum Beispiel Galloway-Rind aus eigener Züchtung. Nur beim...

    News

    Alles Käse im Alpe-Adria-Raum

    Die Käseproduktion im Alpe-Adria-Raum hat sich über Jahrhunderte entwickelt, jedes Tal und jede Alm hat einzig­artige lokale Spezialitäten. Dennoch...

    News

    Grenzenloser Genuss in der Alpe Adria Region

    »Mandi« sagt man zur Begrüßung im Friaul. »Komm herein, nimm Platz und iss mit mir.« Der herzliche Willkommensgruß spiegelt nicht nur...

    News

    Spinat, wir sind dir grün!

    Nie schmeckt Spinat besser, als im Frühling. Immer nur mit Spiegelei und Röstkartoffeln ist aber auch fad. Deswegen feiern wir das erste Grün des...

    News

    Top 10 Tipps für das Salzkammergut

    FOTOS: Zehn Seen, zehn Einkehrmöglichkeiten. Die herrliche Landschaft lockt Spaziergänger, aber auch an der verführerischen Gastronomie kommt man kaum...

    News

    Rezepte: Wein muss rein

    Wein macht beim geselligen Dinner nicht nur als unterhaltsamer Nebendarsteller eine hervorragende Figur, auch die Hauptrolle steht ihm prächtig. Den...

    News

    Rezeptstrecke: Die schönsten Frühlingssalate

    Von wegen schnödes Grün – die Salate der Saison können als farbenfrohe Design-Kunstwerke aufgetischt werden!

    News

    Genusstour zu den schönsten Häfen

    Von Capri bis Saint Tropez: Im Rahmen der SeeEssSpiele 2019 wird im Veldener Casino Restaurant »Die Yacht« ein maritimes Menü der Extraklasse geboten....

    Advertorial
    News

    Wo sich die Käfigeier zu Ostern verstecken

    In der Gastronomie und bei verarbeiteten Produkten werden immer noch Eier aus Käfighaltung verwendet. Die AMA startet eine Initiative für mehr...

    News

    »Herzig«: Kunst an der Wand und am Teller

    Sören Herzig eröffnet am 12. April sein erstes eigenes Restaurant im 15. Wiener Gemeindebezirk. Eine Vorschau und erste Impressionen.

    News

    Waadtländer Sterneregen

    Die Dichte an Sternen im Waadtland ist spektakulär hoch. Nun aber fallen mehr Köche auf, die der französischen Schule den Rücken kehren und auf lokale...

    News

    Donauradweg: Der Weg ist das Ziel

    Kulinarische und kulturelle ­Höhepunkte auf dem Donauradweg. Vom Trappistenbier bis zu den gefragten Weinen der Wachau. Vom Stadttheater in Grein bis...

    News

    Genussvolles Familien-Treffen

    Jahrhundertkoch Eckart Witzigmann und Martin Klein – Patron sowie Executive Chef des Restaurants »Ikarus« im Salzburger Hangar-7 – lieferten letztes...

    News

    Wien: Gewaltige Insolvenz am Graben 30

    Das »LAV Restaurant, Café und Bar«, ehemals »Graben 30« hat einen Schuldenstand von fast einer Million Euro angehäuft.

    News

    Gastkoch im Hangar 7: Joachim Wissler

    Die kulinarischen Notizen zum »Ikarus«-Gastkoch des Monats April 2019: Joachim Wissler, »Vendȏme«, Bergisch-Gladbach.

    News

    Bachls Restaurant der Woche: Porto

    Das »Porto« ist das neue fesche Bistro im Designhotel »Das Triest« im vierten Bezirk in Wien. Serviert werden hier kleinen Snacks, aber auch...

    News

    Cortis Küchenzettel: Kichern über Cicero

    Kichererbsen sind nicht lustig. Das eine oder andere G’schichtl – etwa über den berühmten römischen Politiker, der ihr seinen Namen verdankt – geht...

    News

    Falstaff sucht den beliebtesten Fleischhauer

    Wo gibt es die beste Beratung, die beste Qualität und ein hochwertiges Sortiment? Welcher ist Ihr favorisierter Betrieb?

    News

    Alpe Adria: Schlemmen de Luxe

    Die Alpe-Adria-Region ist ein Paradies für Feinschmecker. Ob Kärnten, Friaul-Julisch Venetien oder Slowenien – all diese Gegenden verbindet eine Küche...