Essay: Fasten für »Falstaff«

© Shutterstock

Forellen

© Shutterstock

Wenn Wolfgang Rosam anruft, klingeln alle Genussglöckchen. Worum würde es gehen? Delikaten Braten oder reife Weine? Um Dessertdüfte oder den Qualm nobler Zigarren?

Rosam aber sprach: »Schreib was übers Fasten.« Wie bitte? Hatte er »Fast Food« gesagt (das sich, sprachlich inkorrekt, aber durchaus zutreffend als »beinahe Essen« übersetzen lässt)? Oder meinte er »Fasten seat belts«? Nein, ich hatte schon richtig verstanden: Um den Gurt des Maßhaltens, den sich jeder verantwortungsvolle Schlemmer regelmäßig auferlegt, sollte es gehen.

Doch ach, ich genieße einen geradezu fahrlässigen Mangel an Verantwortungsgefühl für meine Linie – wenn man von einer Entschlackungswoche vor vielen Jahren absieht, an die ich nur mehr dunkle Erinnerungen habe: dünne Gemüsebrühe, Waldspaziergänge, lange Sitzungen in gekachelten Räumen …

Aufgerufen, wie der sprichwörtliche Blinde von der Farbe zu reden, muss ich gestehen: Meine Eitelkeit habe ich irgendwo im letzten Jahrtausend vergessen, Gesundheitsratgeber lassen mich kalt. Auf die Frage »Was tun, wenn der Darm streikt?« kann ich nur antworten: Sozialdemokratisches Ideengut ist nie in mein Inneres vorgedrungen, dort existiert kein Streikrecht, es wird brav rund um die Uhr gehackelt. Und »Nie wieder Völlegefühl« erscheint mir nicht als attraktives Versprechen; ich ziehe das Völlegefühl dem Leeregefühl bei Weitem vor.

Wenn mich wenigstens die eine oder andere Unverträglichkeit auf den Pfad der Tugend zwingen würde! Aber: Histamine sind meine Freunde, im Wirtshaus bestelle ich demonstrativ die Gerichte mit den meisten bösen Buchstaben, ein Gläschen Milch um Mitternacht lässt mich schlafen wie ein Baby. Und Cholesterin ist mir sowieso Wurst.

Ich meditierte – natürlich über einem mehrgängigen Mahl –, was ich für den »Falstaff« zu Papier bringen könnte. Aus Torbergs »Tante Jolesch« geläufige Sprüche wie »Auf seinem Grabstein wird stehen: Essen war seine Lieblingsspeise« oder Peter Wehles Liedtext »Ich kann essen, was ich will, ich nehm nicht ab« tauchten auf … das Bekenntnis, dass meine Basketballer-Karriere 20 Kilo her ist … und ein Satz des Ballfreundes Kari, der meinte, ich sei die Synthese eines beliebten Komikerduos, da ich sowohl Dick als auch Doof mühelos verkörpern könnte.

Aber möchte ich wirklich als übles Beispiel, als Anti-Vorbild (vulgo Nachbild) in die Gesundheitsgeschichte dieses Landes eingehen? Also grübelte ich weiter. Dem Operngrufti kam einer der faszinierendsten Musiktheaterhelden in den Sinn: Mozarts Don Giovanni. Wenn im Finale Donna Elvira zum Unhold in die gute Stube stürmt und ihn beschwört, sein Leben zu ändern, antwortet er cool – und natürlich mit vollem Mund: »Lass mich essen, und wenn du willst, dann iss mit mir.« Fünf Minuten später holt ihn der Teufel (Pardon, der Komtur). So geht es dem, der Böses tut und nicht auf die Gesundheit schaut!

»Wenn mich wenigstens die eine oder andere Unverträglichkeit auf den Pfad der Tugend zwingen würde!«
Christoph Wagner-Trenkwitz
...
über die Schwierigkeit, beim Essen »nein« zu sagen.

Endlich kam – nicht die hysterische Furie Elvira, sondern meine Frau Cornelia des Weges, die mir in jeder Notlage (meistens bei plötzlich auftretendem Heißhunger) beisteht. »Worüber denkst du nach?« – »Ich soll da was schreiben übers … Nicht-Essen.« Mit natürlicher Schlankheit gesegnet, lehnt sich Cornelia gerne liebevoll an meinen Bauch, und in genau dieser Position flötete sie: »Wir sollten nach dem Opernball einen Fastenmonat einlegen. Zucker und Alkohol meiden, rotes Fleisch nur einmal in der Woche. Was meinst du?«

Solche pseudodemokratischen Schlussfragen hab ich schon gerne … Aber ich sagte Ja, als sie mir versicherte, dass es vor allem meinem Kopf guttäte und mich die Nahrungsreduktion auf unerhörte Gedanken bringen würde. Die Vorstellung, als Modellathlet des Geistes aus dem mehrwöchigen Martyrium hervorzugehen, ist doch ziemlich sexy. Nur blöd, dass während der Opernball-Übertragung noch niemand etwas von der inneren und äußeren Rankheit bemerken würde!

Wenn Sie diese Zeilen lesen, bin ich also vorübergehend aus dem Kreise der Vielschmecker ausgeschieden. Und wenn ich mich schon quäle, dann sollte es Ihnen eigentlich nicht besser gehen, liebe Leser! (Die Damen haben ja eh mehr Disziplin, die muss ich hier gar nicht einbeziehen.) Aber bitte nicht übertreiben, meine Herren. Denn was singt der Titelheld im ersten Bild von Verdis letzter Oper? »Wenn Falstaff dünn wird, ist er nicht mehr er selbst, niemand liebt ihn mehr. In diesem Abdomen wohnen Tausende Zungen, die meinen Namen loben!«


Zur Person:
Christoph Wagner-Trenkwitz ist seit 2003 Chefdramaturg und Direktionsmitglied der Wiener Volksoper. Der 55-Jährige zählt zu den renommiertesten Opern- und Operettenkennern des Landes. Wenn ihn nicht gerade seine erste Leidenschaft, die Musik, beschäftigt, widmet er sich mit Begeisterung dem Genuss.

Zweitberuf Genießer – Christoph Wagner-Trenkwitz: »Meine Frau Cornelia, mit natürlicher Schlankheit gesegnet, lehnt sich gern liebevoll an meinen Bauch.«

© privat

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 01/2018
Zum Magazin

MEHR ENTDECKEN

Mehr zum Thema

News

Top 10 Rezepte für Eis, Sorbet und Granita

Diese erfrischend-bunten Kreationen aus Früchten und Obst versprechen Abkühlung an heißen Sommertagen.

News

Kosten-Explosion im Tourismus: Preiserhöhungen sind alternativlos

Die Erhöhung der Preise ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Es gehe zusätzlich um genaues Umsatz- und Kostenmanagement, sagt Tourismusberater...

News

Leinen los für das neue Ausbildungsprogramm zum Hotel- und Gastgewerbeassistenten

Frischer Wind auf Hoher See: sea chefs erweitert in Kooperation mit dem WIFI Tirol die Ausbildungsprogramme an Bord der »Mein Schiff«-Flotte.

Advertorial
News

Vorarlberg: Top 5 Dinner am Wasser

Vom fulminanten Abendessen auf 1.979 Meter Höhe bis hin zum mehrgängigen Menü am Bodensee bei Sonnenuntergang: Falstaff präsentiert fünf Adressen zum...

News

Ready for take-off? Das Grazer Hotel mit zwei Flugzeugen am Dach

Herzlich Willkommen an Bord des familiengeführten »Novapark Flugzeughotels« – nur vier Kilometer vom Grazer Hauptplatz entfernt. Jetzt Sitzgurt...

Advertorial
News

Post Samnaun: In atemberaubender Bergkulisse Traumjob finden

Dynamisch, freundlich und kommunikativ? Diese Persönlichkeiten sind im Schweizer familiär geführten Sport- und Wellnesshotel Post genau richtig! 13....

Advertorial
News

»Eine Frage des Geschmacks«: Haya Molcho

Folge 3 des Falstaff Gourmet-Podcasts. Zu Gast Gastronomin und »NENI«-Gründerin Haya Molcho.

News

Bachls Restaurant der Woche: Reznicek

Zwischen Schlichtheit und einer tollen Weinkarte, Wirtshaus und Bistro. Simon Schubert und Julian Lechner haben das Eckbeisl zu neuem Leben erweckt.

News

»Ganz entspannt vegan« – Alles in einem Buch

Heute erscheint Carina Wohllebens neues Buch »Ganz entspannt vegan«, in dem sie einen »gebündelten Einblick in alle wichtigen Themen des Veganismus«...

News

Drei Dinge, die Top-Gastronomen mit Spitzensportlern gemeinsam haben

Das Geheimnis des Erfolges ist eines der am schwierigsten zu ergründensten Geheimnisse. Wir haben es trotzdem versucht, und die Erfolgsgeheimnisse von...

Advertorial
News

Interview: Warum die Branche jetzt den Moment des Wandels erkennen muss

Die YTC »Bar«-Siegerin 2022, Melina Christina Gugusis, denkt, dass sich die Gastronomie und Hotellerie momentan an einem Wendepunkt befindet. Was...

News

Greiff: Beste Berufsbekleidung für besten Service

Ob in der Bar, dem Restaurant oder dem Café – jeder Mitarbeiter ist ein Botschafter des Hauses. Mit Berufsbekleidung von Greiff fällt dem Team das...

Advertorial
News

Gewürz-Qualität ohne Kompromisse durch »Stay Spiced !«

Das Salzburger Unternehmen stellt den Genuss in der Vordergrund und sorgt für eine geschmackvolle Reise der Sinne.

Advertorial
News

Top 5 Rezepte zum Tag des Apfelstrudels

Hoch lebe der Apfelstrudel! Die süße Köstlichkeit blickt auf eine lange Vergangenheit zurück und ist von Österreichs Dessertkarten nicht mehr...

News

Plastikflaschen machen dick

Prof. Dr. Peter Frigo, Leiter der Hormonambulanz an der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde, zeigt in seinem neuen Buch, dass...

News

Top 3 Saftkuren zum Bestellen

Sie sind vitaminreich, helfen dem Körper zu entschlacken und geben den Startschuss für eine gesunde Lebensweise: Saftkuren gibt es mittlerweile von...

News

Top 5 Fasten-Hotels in Österreich

Detox, Wellness, Energie tanken. Bei diesen Fasten-Hotels in Österreich ist für jeden etwas dabei.

News

Top 5 Veggie-Klassiker

Nach dem Narrenspektakel beginnt mit dem Aschermittwoch traditionell die Fastenzeit. Dank pflanzlicher Fleischalternativen müssen wir aber in diesen...

News

Genussvoll und gesund ernähren statt fasten

Viele nehmen die Fastenzeit zum Anlass, um zu entgiften und zu entschlacken. Falstaff hat Systeme getestet, die eine sinnvolle Ernährung erleichtern.

News

Detox: Fasten de Luxe

Falstaff recherchierte Diät-Kliniken, die mit ihren Methoden auch noch nach der Kur für Langzeiteffekte sorgen. Im Mittelpunkt steht die richtige...