Essay: Esslust und Liebeshunger

© Gina Müller | Fotos: Shutterstock

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»Keine Sauce passt besser zu Austern als der Speichel einer Geliebten.« Alfons Schuhbeck? Falsch. Giacomo Casanova. Der Abenteurer, Dichter, Spion und notorische Liebhaber liebte auch gutes Essen, mehr noch: Die kulinarische Sinnlichkeit war für ihn untrennbar von der erotischen. Viele Dutzend Speisen und Weine aus ganz Europa nennt der rastlos Reisende in seinen Memoiren, und die Erregung, die ihm das »möglichst kräftige Schwitzen« einer »duftenden Schönen« bereitete, in einem lüsternen Atemzug mit dem Genuss von Käse »im höchsten Stadium seiner Reife, wenn die kleinen Tierchen in ihm sichtbar werden«.

Eine Liebesnacht begann mit einem Liebesmahl, und Austern als sexuell aufgeladene Leckerei (im wahrsten Sinn) hat meines Wissens er erfunden, indem er ausführlich deren Weg von seinem Mund in ihren, von seiner auf ihre Zunge beschreibt, von dort in ihr Dekol­leté, auf seinen schlürfenden Lippen tiefer, und tiefer, zwischen ihre bebenden Schenkel (vom Kleid hatte er sie schon zuvor – »Der Hitze wegen!« – befreit). Da war der Übergang von Ernährung zu Begattung (wieder im wahrsten Sinn) gleitend. Ein anderes Rendezvous eröffnete er mit der Warnung, »vor Leidenschaft zu explodieren«, weil er eben Trinkschokolade und das Weiß von sechs Eiern genossen habe, was ebenso viele Höhepunkte in Aussicht stelle.

Casanova ist in der letzten Blüte der großen venezianischen Kochkunst groß geworden, am Drehpunkt der Handels­wege und Gewürzrouten. Seine Pasta bestreute er mit Zimt und Zucker, ein Gruß aus dem Mittelalter und den exotischen Weltregionen, deren Produkte und Gebräuche den Weg in die einstmals mächtigste Seemetropole gefunden hatten. Asien war in der Verbindung von Essen und Erotik schon immer ein Lehrmeister.

Casanova

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Ich rede weniger von »Body Sushi« (obwohl das heutige Überbleibsel aus der Samurai-Zeit Casanova gefallen hätte), Lokale, in denen die kalten Fischköstlichkeiten von reglos nackt daliegenden (lebenden) Körpern genascht werden; auch nicht vom »Peking- Penis-Restaurant«, wo gekochte, gebratene, gegrillte Gemächte von (toten) Stieren, Lämmern und Hunden gegessen werden. Ich rede vom Zelebrieren der Sinnlichkeit, der Verlängerung des Liebesspiels auf viele Stunden, wie etwa im Kamasutra (das mehr ist als ein Liebesstellungsführer), zu dessen Vorspiel gemeinsames Wasserpfeiferauchen und Feigenessen ebenso gehören kann wie Beißen, Kratzen und Schläge auf den Po … Und natürlich vom Einsatz aphrodisierender Gewürze wie Chili, Kardamom, Nelken, Muskat, Ginseng, Knoblauch, Koriander, Süßholz oder Vanille … Und Speisen, als deren »schärfste« die Durian-Frucht gilt (»When the durians fall, the sarongs go up«).

Ich reise seit Jahren mit meinem Freund Ingwer, weil ich ihn morgens in meinem Tee haben will. Casanova reiste mit eigenem Kochgeschirr und Ofen. Sein Landsmann Pavarotti zweihundert Jahre später mit eigenem Koch. Auf seine legendäre Esslust angesprochen, sagte der Tenor, dem das Hohe C kein Vi­taminsaft war, dass er mit der Nahrung andere Fleischeslüste kompensiere. Sex nehme dem Sänger den Schmelz in der Stimme.

Kunst kennt keine Vernunft. Liebe, Sex und Essen fangen erst dort an, wo man sich fallen und treiben lässt.

Ich tat früher alles (ich bin kein Tenor) ziemlich exzessiv und hemmungslos. Ich hatte das Glück, zu einer Zeit jung zu sein, als die Angst vor Allergenen noch nicht den Appetit und die vor Ansteckung nicht die Lust an Promiskuität verdarb. Ich musste ein paar Vokabeln in der mir recht fremden Weltsprache der Vernunft lernen –Appetit und Lust habe ich mir herübergerettet. Vernunft ist sinnvoll. Aber oft halte ich sie für ein zutiefst bürgerliches Vehikel, das uns klein und bescheiden halten will. Wer sich keinen Genuss versagt, der dadurch ausgeglichenere, »freie« Mensch, der ist – so paradox es klingt – kein gutes Geschäft. Weil er keine Ersatzbefriedigung braucht, aus der unsere Konsumwelt zum Großteil besteht.

Die wirklich wertvollen Dinge im Leben kennen keine Vernunft. Kunst kennt keine, Liebe, Sex und Essen fangen erst dort an, wo man sich fallen und treiben lässt. Absurd, dass eine Gesellschaft, die sich so viel an Genuss leisten kann, dessen äußere Auswirkungen so verbissen bekämpft und vor allem dünn sein will. So wie beim Sex gilt, besser mit Schutz als gar nicht, meine ich beim Schlemmen: besser Pausen einlegen als das Leben zur Pause erklären.

Zink kurbelt die Spermatogenese an, das muss Casanova gespürt haben, als er fünfzig Austern am Tag aß. Hätte, um endlich auch eine Frau zu Wort kommen zu lassen, Alma Mahler ihn gekannt, sie hätte wohl ihren berühmten Satz – einen der schönsten, der zum Thema Sex und Nahrung gesagt wurde – nicht revidiert: »Nichts schmeckt so gut wie das Sperma eines Genies.«

PS: Der Liebesgöttin Aphrodite (von ihrem Namen leitet sich »aphrodisierend« ab) hat man in Griechenland den Rosmarin geweiht. Und der wurde zum Symbol für Liebe. Und auch – das sei nach so vielen Stellungs- und Partnerwechselgedanken angemerkt – für Treue. Wie es die gute Ophelia ihrem Hamlet verspricht.


ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 05/2019
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