Essay: Die Leihgabe

© Gina Müller | Maria Frodl | Shutterstock

© Gina Müller | Maria Frodl | Shutterstock

Weihnachten ist wie Venedig. Es ist schön. Es ist teuer. Man wartet immer lange auf das nächste Mal. Dabei ist gerade Venedig, dieser Inbegriff touristischen Ausverkaufs, der weihnachtsgeschäftsuntüchtigste Ort. Keine Märkte, kein Glitzer, die Stadt zieht sich, je näher der Heilige Abend rückt, immer mehr in sich zurück. Es ist ein privates Fest, das den Venezianern gehört. Vielleicht ihre kleine Rache für die übrigen Tage im Jahr.

Das hat mich in Salzburg als Kind jedes Mal am meisten fasziniert: wie alles immer stiller wird. Wenn ich mit meinen Eltern am frühdunklen Vierundzwanzigsten von jenseits der deutschen Grenze zurückfuhr, waren die Häuser hell erleuchtet und die Straßen leer. Wir kamen stets von unserer Weihnachtslesung. Eine der vielen Geschichten, durch die wir für und mit Publikum das Fest vorfeierten, war »Die Leihgabe« von Wolfdietrich Schnurre.

Eine arme Familie im Berlin der Zwischenkriegszeit kann sich keinen Weihnachtsbaum leisten und holt sich, weil es sonst zu trist wäre, einen aus dem Grunewald. »Wie oft man sonst traurig ist«, meint der Vater, »ist egal. Aber auf Weihnachten lebt man hin, und ist es da, dann hält man es fest.« Nimmt seinen Sohn und Schaufel und Sack und zieht los.

Tochter Frieda ist die Einzige, die eine Stelle hat, sie bringt Gänseklein, Wein und einen quadratmetergroßen Bienenstich.

Das Grammophon wird für einen Abend aus dem Versatzamt geholt, Lieder werden gesungen, es »wurde ein schöner Weihnachtsabend«. Das für mich Berührende an der Geschichte war immer die Freude der Familie über Dinge, die mir selbstverständlich waren. Die in unserer Gesellschaft normal sind. Heute mehr denn je. Doch wieder, wie vor hundert Jahren, drohen wir die Freude daran zu verlieren – diesmal nicht, weil wir die Dinge entbehren, sondern weil wir angefangen haben, uns ihrer zu schämen. Uns ihretwegen schlecht zu fühlen. Und das mag angesichts der unglaublichen Armut so vieler Milliarden Menschen in der Welt durchaus berechtigt sein. Neu ist daran vor allem unsere nie da gewesene Information darüber. Und das ist gut so. Nur sollte uns das Wissen um unser in nichts gerechtfertigtes Privilegiertsein nicht lustloser machen, sondern – bewusster. Und, ja, genießender. Und gebender. Ich plädiere für das Nah-Sehen: auf die Not in nächster Nähe, die Bedürftigkeit des Nachbarn. Wer will, kann es sogar kapitalistisch argumentieren: Geben macht reich. Im Herzen nämlich.

© Gina Müller | Maria Frodl | Shutterstock

Genießen macht glücklich

Auch Genießen macht glücklich. Wenn es mit Freude geschieht. Und wie traurig wäre es, sich nicht über unsterbliche Genussmomente zu freuen? Feiern wir den Glauben an das Schöne, eine zutiefst friedvolle, poetische Welterfahrung, die wunderbare Welt der Kunst, der Kultur, zu der auch gehört, im Kreis geliebter Menschen eines der größten Feste der Menschlichkeit zu feiern, das es gibt. Laden wir Freunde ein, um mit ihnen das Flüchtigste zu teilen, was wir haben: Zeit. Warum sollten wir uns nicht einen Wein gönnen, der teuer war? Was spricht dagegen, ins höchstdekorierte Restaurant der Stadt zu gehen und dort einen wundervollen Abend zu verbringen? Wenn wir diese Momente mit Begeisterung verbringen, wenn wir sie zelebrieren, erweisen wir ihren Machern die höchste Ehre. Genuss ist subjektiv, ein jeder versteht etwas anderes darunter. Deshalb sollten wir uns die Freude daran nicht trüben lassen, nicht von äußeren Umständen und nicht von uns selbst.

»12 Monate Advent« heißt ein Weihnachtsprogramm. Die Idee: Wenn das ganze Jahr der Gedanke des Fests, ein Sternspritzerfunke seines Glanzes, in den Köpfen und Herzen der Menschen bliebe, würde weniger gehupt, gestritten und gerichtet. Und mehr geduldet, verziehen und geliebt.

»Im Ofen wartet der Rollschinken«, sagte Mutter nach der Lesung. Er musste nur heiß gemacht werden. Die großen Kochungen geschahen an den Feiertagen. Und all die Gänse, Kapaune, Karpfen und Lebkuchen in meinem Leben waren die schönsten Garnierungen, das durch den Magen Gehendste an diesem spirituellen, die Geburt eines Kindes feiernden und dadurch unschuldigen Fest. Bewahren wir diese Unschuld. Genießen und teilen wir, was auch uns nur geliehen ist.

Die »Leihgabe« endet damit, dass die Tanne in den Wald zurückgebracht wird. Viele Jahre später geht der Sohn, längst zum Mann geworden, den Baum besuchen und sieht: Er ist wieder angewachsen. Und groß wie ein Fabrikschornstein. »Kaum zu glauben, dass er einmal zu Gast in unserer kleinen Wohnküche war.«

Frohe Weihnachten. Und guten, reuelosen Appetit.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 08/2019
Zum Magazin

MEHR ENTDECKEN

Mehr zum Thema

News

So aßen die »Buddenbrooks«

Auftakt zur neuen Falstaff-Serie über Kulinarik in der Kunst: Im Jahrhundertroman von Thomas Manns »Buddenbrooks« gibt es detaillierte kulinarische...

News

Die besten Märkte für Gourmets – Teil 2: Österreich

Märkte haben in der Corona-Krise an Bedeutung gewonnen. Das Angebot an hochklassigen Märkten in Österreich ist beachtlich - wir haben die besten...

News

Die besten Märkte für Gourmets – Teil 1: Wien

Die Corona-Krise bringt eine Renaissance der Märkte und mehr Bewusstsein für Regionalität. Wir haben die besten Märkte für anspruchsvolle Genießer...

News

Top 10: Wildkräuter für die Küche

Petersilie, Thymian und Rosmarin kennt jeder. Doch in unseren Wäldern und auf unseren Wiesen wächst noch eine Vielzahl anderer Pflanzen, die sich...

News

Darum setzen Top-Köche auf Tauben aus dem Burgenland

Die Geschichte von den gebratenen Tauben ist nicht zufällig die bekannteste Assoziation mit dem mythischen Schlaraffenland. Die köstlichen Vögel...

News

Genuss-Gespräch mit Konrad Paul Liessmann

Konrad Paul Liessmann kocht weder gerne noch gut, darum liebt es der Philosoph, essen zu gehen. Falstaff spricht mit ihm im neuen Format...

News

Falstaff wünscht frohe Ostern zu Hause!

Mit unseren Empfehlungen wird Ostern zum Genuss: Rezepte von Osterschinken bis Osterbrot, Webshop-Tipps und tolle Preise in unserem Osternest.

News

Fastenbrechen: Kulinarische Traditionen in Europa

Nach dem Fasten darf gefuttert werden – auch das, was einst den Göttern vorbehalten war. Wir haben die schönsten Ostertraditionen Europas in einer...

News

Die K. & K. Osterpinze: Das Original aus Triest

Das klassische Ostergebäck kam über Triest nach Österreich. Wir haben die Geschichte des Germgebäcks in Triests traditionsreicher Konditorei »La...

News

So bäckt Nonna Rita ihre Pastiera

Wir haben den traditionellen neapolitanischen Osterkuchen mit Nonna Rita gebacken. Probieren lohnt sich! PLUS: Zubereitung in der Bilderstrecke.

News

All about Spargel: Tipps und Tricks

Fakten, Wissenswertes und Tipps für die Zubereitung des Frühlingsgemüses.

News

Spinat, Matcha & Co: Grüne Rezepttipps

Nicht nur zum Gründonnerstag sind diese Rezepte eine willkommene Alternative zum klassischen Cremespinat. Auch der Frühling macht Lust auf grüne...

News

Cholesterin: Besser als sein Ruf?

Wir sprechen vom »guten« und vom »bösen« Cholesterin. Wie ausschlaggebend sind Eier und andere tierische Lebensmittel wirklich für unsere...

News

Osterboxen und -Menüs von Spitzenköchen

Mit diesen Angeboten wird Ostern zuhause ein kulinarisches Fest! Mit dabei sind Toni Mörwald, die Geschwister Rauch, Paul Ivic, Harald Brunner und...

News

Warum essen wir zu Ostern Eier?

Heidrun Alzheimer, Professorin für Europäische Ethnologie der Universität Bamberg, beantwortet die Frage zum kulinarischen Brauch.

News

Best of: Streetfood to go in Wien

Von Kaiserschmarren über Steak-Sandwich bis Langos – das Streetfood-Angebot in Wien ist aktuell so vielfältig wie noch nie. Hier unsere Favoriten.

News

Cortis Küchenzettel: Die Reste vom Feste

Feiertags biegen sich die Tische, aber was soll mit den Resten geschehen? 
Severin Corti meint: Es muss nicht immer Gröstl sein – und 
hat...

News

Falstaff wünscht frohe Weihnachten!

Allen Lesern, Weinfreunden und Feinschmeckern schöne Festtage und genussvolle Stunden.

News

Weihnachtsrezepte aus dem Süden

Was isst man in Australien, Brasilien oder ­Indonesien zu Weihnachten? Wir haben die besten Festtagsrezepte von der Südhalbkugel für Sie gesammelt!

News

Christstollen: Ein festliches Gebäck

Ursprünglich war der Stollen eine Fastenspeise, heute ist er eine kleine weihnachtliche Kalorienbombe. Wir verraten das Rezept von Konditormeister...