Sasa Asanovic ist Food Designer. Sein Geld verdient er mit Essen. Genauer gesagt, mit der Inszenierung von Essen. In seinem Fotostudio rückt er vermeintlich banale Dinge wie eine Knackwurst ins richtige Licht. Unser Besuch im Rahmen der Dreharbeiten für die ORF-Doku »UnHeil Essen« erinnert mehr an einen Termin beim Zahnarzt als an ein Fotoshooting: Auf mehreren Rollwagerln warten Zangen, Pinzetten, Klebstoff und Lebensmittelfarben auf ihren Einsatz. »Ich schminke meine Produkte, so wie andere eben Models schminken«, erklärt der 46-Jährige. So wird aus dem optisch eigentlich mäßig spannenden rosa Würstel flugs eine gschmackige, mit zarten Rußpartikeln (eigentlich Soja-Farbe) überzogene, im Bratfett (Wasser) brutzelnde lukullische Verführung, die vom 16-Bogen-Plakat heruntergrüßt.

Zwei Stunden für die Wurscht
Den Einwand, dass er das alles mit Photoshop viel schneller erreichen könnte, wischt Asanovic vom Tisch: »Es geht darum, den entscheidenden Moment der Zubereitung einzufangen, um beim Betrachter den erwünschten Reflex auszulösen. Dazu eignet sich Photoshop nicht.« Zwei Stunden widmet er dem Heroteil der Knackwurst – das ist die Mitte der aufgeschnittenen Wurst (keine Wurstenden, bitte) –, ehe er mit der Arbeit zufrieden ist. Gut möglich, dass Herr Asanovic bald zum Insektendompteur werden muss. Die Menge an tierischem Protein, nach der die ständig wachsende Weltbevölkerung verlangt, ist nach Ansicht fast aller Experten mit traditioneller Viehzucht nicht mehr lange zu bewältigen. Und so feiert ein »Gottseibeiuns« -vergangener Kulturen ein fulminantes Comeback: Der Heuschrecke, einst gefürchteter Feind der Bauern von Narvik bis Kapstadt, geht es an den Kragen.

Kommt Zeit, kommt Schrecke

Das Eiweiß der Heuschrecke ist dem der Kuh oder des Schweins annähernd gleichwertig. Die notwendigen Ressourcen für die Zucht stehen freilich in keinem Vergleich: Zum Erhalt von einem Kilo Protein verbraucht man bei der Viehzucht ein Vielfaches mehr an Wasser, Futter und Lebensraum als bei Insekten. Zwei Milliarden Menschen essen schon heute täglich Insekten, sagt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch in Europa und Nordamerika »Protein-Burger« am Markt sein werden, deren Ausgangsmaterial Käfer, Larven, Mehlwürmer und ähnliches Getier sein wird. High-End-Köche auf der ganzen Welt widmen sich längst dem Insekt. Mit großem Erfolg. Und wenn man den Forschern glaubt, dann hat die Insektenzucht noch einen weiteren, gewichtigen Vorteil: Insekten verspüren keinen Schmerz, weder bei der Aufzucht noch beim Transport. Industrielle Tierhaltung: Der Grund schlechthin für viele, dem Verzehr von Fleisch zu entsagen.

Noch nicht so ganz vertraut: Heuschrecken am Teller © Shutterstock

»Ich bin dann mal vegan«
»Ehe ich ein Tier esse, esse ich lieber gar nichts« – ein Satz, den wir während der Dreharbeiten mehr als einmal hörten. Die Zahl jener, die sich fleischlos ernähren, steigt rasant an, und es ist kein Ende der Bewegung in Sicht. Was Viehbauern irritieren muss: Immer mehr junge Menschen in den Industrienationen verweigern den Biss ins Filet. Bettina Hennig war jahrelang überzeugte Fleischesserin, ehe sie buchstäblich über Nacht zur Veganerin wurde. In ihrem Buch »Ich bin dann mal vegan« vertritt und argumentiert sie die Überzeugung, dass es sich bei Veganismus nicht um eine Modeerscheinung handelt. Immerhin ernähren sich in Deutschland schon fast 1,5 Millionen Menschen vegan: »Nein, das ist kein Trend wie irgendwelche Diäten. Das ist eine Lebenseinstellung.«

Vegane Weltrettung?
Eine Lebenseinstellung, die interessanterweise weit mehr Anhängerinnen findet als Anhänger. Das dicke Steak als maskulines Statussymbol? Für Veganerin Hennig keine Frage: »Wo können sie denn heutzutage noch Mann sein? Im Fußballstadion, in der Kneipe? Selbst im Stadion sind immer mehr Frauen, dort können sie sich auch nicht mehr so schlecht benehmen, wie sie wollen. Ich glaube, beim Grillen, da gibt es noch Raum, Mann zu sein.« Dass sie quasi nebenbei in ihrem Buch behauptet, dass man per Veganismus auch noch die Welt retten könnte, hat ihr viel Kritik eingetragen. Eine politisierte Träumerin sei sie, wurde und wird ihr vorgehalten. Mag sein, aber eines ist gewiss: Bettina Hennig träumt nicht mehr allein.

Kochen mit dem »Piep« am Schluss © Shutterstock

Wir verlernen das Kochen
Wer sich vegan ernährt, muss nolens volens über gewisse Kochkünste verfügen, sonst werden Rüben, Linsen, Karotten und Co irgendwann arg fad. Hier haben die Verfechter einer bewussten Ernährung der breiten Bevölkerung etwas voraus. »Die durchschnittliche Frau in den Industrienationen beherrscht heute weniger als dreißig Rezepte«, sagt die renommierte österreichische Ernährungswissenschaftlerin und Foodtrend-Forscherin Hanni Rützler. Bei der Frage, wie das denn bei Männern ausschaut, huscht ihr ein Lächeln über die Lippen. Eine paradoxe Situation: Noch nie war das Angebot selbst im 08/15-Supermarkt so groß wie heute. Gleichzeitig waren die Kochfähigkeiten der Durchschnittskunden noch nie so beschränkt wie heute.

Fertiggerichte und Frischlieferungen
Der hektische Lebensstil, der den Alltag vieler Menschen prägt, fordert seinen Tribut. Nur logisch, dass die Fertiggerichtabteilungen der Märkte wachsen und wachsen. Viel Salz, viel Fett, viel Nudeln, viel Huhn – aber kaum marktfrische Ware, denn die eignet sich einfach nicht für den Kochstil mit dem »Piep« am Schluss. Hanni Rützler glaubt nicht, dass diese Art des Convenience-Food das letzte Wort sein muss. »Langsam, aber stetig kann man auch in Österreich einen Trend beobachten, der vor ein paar Jahren in Schweden groß eingeschlagen hat«, sagt Rützler, die uns für die TV-Doku als Expertin zur Seite stand. »Convenience ja, aber mit Frischprodukten, die einmal wöchentlich oder häufiger ins Haus geliefert werden.« Unternehmen wie »Hello Fresh« schlagen online Rezepte vor, der Kunde erhält kurz darauf, logo im abbaubaren Karton, die Ingredienzen für genau jene Anzahl von Gerichten, die er kochen will, zugestellt. Nicht ein ganzer Bund Knoblauch wird geliefert, sondern nur drei Zehen, weil das Gericht eben nur nach drei Zehen verlangt. Nicht ein Kilo Reis findet sich in der Box, sondern nur 130 Gramm, weil das Gericht nur 130 Gramm verlangt. Nicht zwanzig Cherrytomaten sind dabei, sondern nur vier, weil das Gericht nur nach vier verlangt.

Frische Lebensmittel nach Hause geliefert © Foto beigestellt

Weniger Lebensmittel im Müll
Spart man so Geld? Nein, nicht wirklich. Wird man so einen Kreativpreis gewinnen? Auch nein. Aber man kauft so nur noch ein, was man wirklich braucht. Und wenn man weiß, dass rund zwanzig Prozent aller Lebensmittel im Müll landen, geht die Kalkulation auf. »Rechnet man die Zeit ein, die man braucht, um einen Burger zu kaufen, samt Parkplatzsuche und Schlangestehen an der Kassa, so ist man daheim mit der Fresh-Convenience-Ware wahrscheinlich um nichts langsamer«, meint Rützler.

Weisheit vom Karmelitermarkt

 

Hanno Settele © APA Picturedesk
Hanno Settele © APA Picturedesk

Ich habe bei den Dreharbeiten viel gelernt, weiß nun, was der »Heroteil« der Knackwurst ist, habe eine Grastorte gekostet (feine Sache) und mir Fresh-Convenience-Ware ins Haus liefern lassen. Veganer bin ich keiner geworden, und auch dem Bodybuilder, der täglich 25 Eier isst, werde ich nicht nacheifern. Aber der simple Satz einer Marktfrau vom Wiener Karmelitermarkt beschäftigt mich noch immer: »Was in Ihrem Essen drin ist, ist wenig später in Ihnen drin.«So wahr. von Hanno Settele (Bild)aus: Falstaff Jubiläumsausgabe 2015

 

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