Die Witterung im Weinjahr 2011 war in Bordeaux gelinde gesagt chaotisch – der Winter sehr kalt und einer der trockensten der letzten zehn Jahre, der März derart warm, dass die Reben bereits Anfang April Knospen ansetzten. Ein herrliches Frühjahr, in den Weingärten herrschten große Trockenheit und historische Hitze. Bis zum Juni lagen die Temperaturen 40 Tage lang über 25° Celsius, am 26. und 27. Juni ließen 40° Celsius die Rebberge glühen. Der Sommer brachte das traditionelle atlantische Wetter zurück, zwischen 14. Juli und 15. August gab es kühle und regnerische Tage, der »Vorsprung« aus dem Frühjahr wurde egalisiert. Die Winzer waren bis zum Schluss gefordert, nur wer ständig arbeitete, erntete den Lohn für seine Mühen. »Das war ein enorm sportlicher Jahrgang. Die Frage über Erfolg oder Niederlage wurde eindeutig im Weingarten entschieden«, sagt Bruno Borie, Besitzer von Château Ducru-Beaucaillou.

Ausgezeichnetes Reifepotenzial durch akribische Pflege
Große Sorgfalt und Akkuratesse – vom Rebschnitt über die Grünernte bis zum Entlauben – waren der Schlüssel. Es mussten alle Beeren entfernt werden, die bei der Junihitze einen Sonnenbrand bekommen hatten, viele Trauben oder Traubenteile mussten früh ­ausgemustert werden, weil sie nicht homogen reiften. Auch die Belüftung war wichtig, weil sich gegen die Erntezeit hin das Auftreten von Botrytis ankündigte. So zog sich der ­Selektionsprozess vom Sommer bis zum Herbst durch – wer diese mühselige Arbeit auf sich nahm, wurde mit gesundem, reifem Traubenmaterial belohnt. Die Beeren waren klein und leicht, dafür mit relativ dicker Haut und konzentriertem Inhalt. Diese Hyperselektion führte einerseits zu sehr geringen ­Erträgen pro Hektar – auf Château Palmer erntete man mit 20,3 Hektolitern pro Hektar die geringste Menge seit dem legendären Jahrgang 1961 –, aber auch zu Weinen, die durch hohe Farbintensität und reife Tannine gekennzeichnet sind.

Die Werte lassen sich durchaus mit 2009 und 2010 vergleichen, in manchen Fällen übertreffen die 2011er ihre Vorgänger. Die Alkoholwerte, und das ist eine sehr gute Nachricht, liegen bei 13 Prozent oder knapp darüber, am rechten Ufer eher bei 13,5 Prozent. Die Weine weisen eine gute Säurestruktur auf, sie sind durchweg elegant und harmonisch. Man muss kein Hellseher sein, um diesem Jahrgang ein ausgezeichnetes Reifepotenzial einzuräumen. »Die Cabernets sind teilweise super geworden«, sagt Peer Pfeiffer, Exportdirektor von Borie-Manoux, »auf Batailley hatten wir fast noch nie einen so hohen Cabernet-Sauvignon-Anteil wie beim 2011er mit 85 Prozent.«

Château Haut-Brion / Foto beigestellt
Château Haut-Brion / Foto beigestellt


Das Weinarchiv von Château Haut-Brion

Auch Weiß- und Süßwein ernten Lob
Besondere Freude mit dem Jahrgang 2011 werden Anhänger der Weißweine aus Bordeaux haben. Sie besitzen ein gutes Säureniveau, eine ansprechende Konzentration und einen langen Nachhall, wie er für Weine aus einem Jahr mit einem eher kühleren Sommer typisch ist. Hier kann man praktisch blind zugreifen, ohne Gefahr zu laufen, schlecht auszusteigen. Neben den Klassikern aus Pessac-Leógnan und Graves entstanden auch im Médoc respektable Tropfen, worauf auch die bekannten Güter zunehmend reagieren. Neben dem Pavillon Blanc von Château Margaux warteten beispielsweise auch Cos d’Estournel oder Cantenac Brown mit feinen Weißweinen auf.

Auch die Süßweinernte in Sauternes und Barsac verspricht Großes. Nach einigen Regenschauern Anfang September setzte eine regelrechte Botrytis-Welle ein. An den ersten zehn Septembertagen lagen die Höchsttemperaturen immer bei 30° Celsius, was zu einer extrem schnellen Konzentration der Trauben führte, besonders in Barsac. Unter diesen Bedingungen waren oft nur einer, manchmal auch zwei Lesedurchgänge notwendig, um die Trauben noch innerhalb des Monats vollständig einzubringen. Während der Lese selbst blieb es trocken und warm, ein Wetterphänomen, das in vierzig Jahren nur einmal aufgetreten ist – beim Jahrgang 2009.

Unter den Favoriten der Fassverkostungen, die insgesamt ein sehr hohes Niveau hatten, fanden sich viele Klassiker. Selbstverständlich d’Yquem, dazu de Rayne-Vigneau, de Fargues, Climens, Suduiraut, Rieussec, ­Giraud, Nairac, Doisy Daëne sowie Château d’Arche. Die Verkostungsnotizen dieser Weine werden wir allerdings erst in etwa zwei Jahren veröffentlichen, wenn sie auf der Flasche sind. Zum jetzigen Zeitpunkt ist ein Großteil der Weine noch nicht blank, sie werden nach ihrer Struktur beurteilt, der gesamte aromatische Eindruck hat nichts
mit dem zu tun, was diese edlen Süßweine in ­einigen Jahren zu bieten haben.
Fazit: Bordeaux 2011 ist ein eher schlanker, eleganter Jahrgang, ein Klassiker mit moderaten Alkoholwerten. Damit ist er etwas für Europäer, »für old europe«, glaubt Mövenpick-Berater und Falstaff-Kolumnist René Gabriel.

Ducru Beaucaillou / Foto beigestellt
Ducru Beaucaillou / Foto beigestellt


Ducru Beaucaillou legte einen herausragenden Jahrgang 2011 vor

Kein »hot vintage« für Amerikaner und Asiaten
Aus Asien sah man diesmal übrigens deutlich weniger Besucher im Bordelais. Dass dieser Jahrgang nicht so glanzvoll sein würde, hatte sich anscheinend bereits vor den Primeurs herumgesprochen. »Die Asiaten und Amerikaner kommen vor allem«, so Gabriel, »wenn die Propheten einen ›hot vintage‹ sehen.« Wie eben 2009 und 2010 mit Weinen von großer Opulenz und Power. »2011 hat dazu zu wenig Fleisch und Fett«, sagt Gabriel. Ein Vergleich mit anderen klassischen Jahrgängen wie 2001 sei eher angebracht, erstaunlich viele Experten zogen ihn als Vergleich heran. Dazu sei er besser als 2007 oder 2008, aber sehr heterogen und mit großen Unterschieden. »Der Jahrgang wird sich früher öffnen und schon in einigen Jahren große Trinkfreude bereiten«, so Stephan Graf von Neipperg (Château Canon La Gaffelière, La Mondotte).

Die meisten Händler und Verkoster sind der Meinung, dass es für den Jahrgang einen Markt gibt – wenn die Preise stimmen. »Ein Konsument, der den 2009er und 2010er geordert hat, kann am 2011er nur interessiert sein, wenn die Preise sinnvoll nach unten ­gehen«, erwartet von Neipperg, »von Spe­kulationsweinen wird mehr erwartet als von reinen Distributionsweinen.« Die ersten veröffentlichten Preise deuten darauf hin, dass es einen Trend nach unten gibt, erwartet werden Abschläge zwischen 20 und 50 Prozent. Die Marschrichtung gab als einer der Ersten Château Lafite Rothschild vor – der Preis für die erste Tranche lag 30 Prozent unter dem des Vorjahrs. Das Château überlässt die Preisgestaltung den »négociants«, es gibt dieses Jahr keinen »empfohlenen Verkaufspreis«, er wird vermutlich bei etwa 420 bis 430 Euro liegen. Das macht ­Lafite 2011 deutlich günstiger als den 2010er (600 Euro in der ersten Tranche, 1030 Euro in der zweiten) und günstiger als den 2009er (540 Euro). Dennoch ist das der drittteuerste Lafite-Jahrgang aller Zeiten, der 2005er ­kostete beispielsweise noch 360 Euro.

Auch bei Latour gibt es einen einschneidenden Schritt. Das Château verkündete in einem Brief an die wichtigsten »négociants«, der 2011er werde als letzter Jahrgang en primeur verkauft. Mit dem Jahrgang 2012 will Latour das Subskriptionssystem verlassen und den Wein erst dann dem Handel anbieten, wenn er trinkreif ist.
René Gabriel sieht den Bordeauxmarkt eher bewölkt: »Die Preise werden nicht so weit runtergehen, das die Nachfrage stark anzieht.« Außerdem habe der Jahrgang die falsche Farbe, es gebe zu wenig richtig gute Rote, dafür viele ausgezeichnete Weiße und Süßweine, ähnlich wie 2001: »Das ist für den deutschen und österreichischen ­Kunden die falsche Couleur, gute Weiße ­haben sie selbst.«

>> Verkostungsnotizen En Primeur 2011


Text von Peter Moser und Nikolas Rechenberg
Aus Falstaff 04/2012

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